Tobias Prüwer | Drucken26.11.2007 

Theater morgen

"Triebe Spiele Liebe" berichtet von jungen RegisseurInnen

Viel Mühe und Unrast
Erwarteten mich.
Bertold Brecht: Als ich vor Jahren

Wie sieht das Theater der Zukunft aus? Bezüglich dieser Frage kann man sich in theoretischen Überlegungen ergehen. Das Festival Radikal Jung ging den praktischen Weg und lud vom 28. April bis 6. Mai 2007 junge RegisseurInnen in das Münchner Volkstheater ein um ihre Inszenierungen vorzustellen. Der Begleitband Triebe Spiele Liebe porträtiert die Regiehabenden und dokumentiert ihre Arbeit.

Die erstaunliche Bandbreite der gezeigten Inszenierungen lässt sich, auf eine griffige Unterscheidung gebracht, als Lust auf Klassiker und dem Drang nach neuen Stücken kennzeichnen. Zur ersten Partei zählend, inszeniert Christine Eder ein direktes, schnörkelloses Frühlingserwachen (Frank Wedekind) und erzählt zwischen Humor und Ernst pendelnd vom Erwachsenwerden. Frei nach dem kierkegaardschen Motto Entweder Oder geht es Tilmann Köhler in seiner Othello-Inszenierung (William Shakespeare) ums Ganze der Tragödie. Von der Lust am Theater angetrieben, setzt David Bösch mit der Gewichtung Emotionalität statt Intellekt Viel Lärm um Nichts (William Shakespeare) unter seinem Markenzeichen Temporeichtum in Szene. Raffael Sanchez holt die Stücke - im Versuch ihnen treu bleibend - ins Hier und Jetzt und verlegt Bluthochzeit (Frederico García Lorca) in spanische Dorfbars.

Auf der Suche nach neuen Texten ist etwa Hannah Rudolph. Mit wenig Beiwerk konzentriert sich ihre Umsetzung des Romans Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni (Moritz von Uslar) ganz auf die Schauspielenden. Roger Volontobel untersucht in der Inszenierung von Spieltrieb (Juli Zehs) im Wollen zum Wissen die Frage der Identität und den Verlust von Werten. Ingo Berk ist im bedachtsam und textnah inszenierten Stück Augenlicht (Marius Mayenburg) an den Abgründen der Seele interessiert. Nah am Dokumentarischen holt Frank Abt in Finkenwerder Herbstprinzen oder Wie die Äpfel fliegen lernten (eigene Textkomposition nach Interviewfragmenten) den Hamburger Kiez ins Theater ohne eine bloße Abbildung zu inszenieren. Felicitas Brucker mag an Unverbrüchliches nicht glauben und setzt sich in Engel (Anja Hillig) mit den Spannungen zwischen Realem und Utopie, mit existierender und möglicher Gesellschaft.Triebe Spiele Liebe ist ein informatives Kaleidoskop jungen, zeitgenössischen Theaters. Natürlich zeigt es nicht, welche Gestalt die dramatische Kunst der Zukunft annehmen wird. Es wirft den Blick aber auf ProtagonistInnen, mit denen in den nächsten Jahren an den Bühnen sicherlich zu rechnen ist. Damit ist es weitaus mehr als das gebundene Programmheft zum Festival. Mit tabellarischen Biografien der Regie-Altersklasse um die dreißig und den ausführlichen Portraits ihrer Werke ist der Sammelband ein nützliches Nachschlagewerk für Zeiten, in denen die RegisseurInnen vielleicht andere als radikal-junge Erfolge verbuchen. Darüber hinaus ist der Band für alle Theaterinteressierten eine genüssliche Lektüre. Denn jeder Beitrag ist für sich ein im besten Feuilletonstil verfasstes Stück Text. Um eine schiefe Metapher zu bemühen: Hier liest man gelungenes Schreibtheater.

Kilian Engels & C. Bernhard Sucher (Hrsg.): Triebe Spiele Liebe. Regisseure von morgen
Henschel Verlag
Berlin 2007
138 S. - 9,90 €
www.seemann-henschel.de

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