Fabian Stiepert | Drucken20.02.2015 

Hettche, Hettche, Fahrradkettche

Ist Thomas Hettches im 19. Jahrhundert spielender Roman „Pfaueninsel“ genial oder bloß historische Mimikry?

Man wird als Kritiker gern hellhörig, wenn ein Autor mehrfach zu seinem neuesten Buch betont: „An diesem Roman habe ich jahrelang gesessen. Ich habe einige Fassungen geschrieben, vieles verworfen und noch viel mehr recherchiert!“ So ähnlich hat sich auch Thomas Hettche zu seinem neuesten Roman Pfaueninsel geäußert, der es, wie der ganze Literaturbetrieb auch erwartete, auf die Shortlist des deutschen Buchpreises 2014 geschafft hat. Neben dem letztendlichen Gewinner, der drögen Inselposse Kruso von Lutz Seiler (erschienen bei Suhrkamp), galt Thomas Hettche direkt nach Verkündung der zwanzig Nominierten im August als heißer Anwärter für den mittlerweile massiv verkaufsfördernden Preis, der stets im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Auch wenn Thomas Hettche den Hauptgewinn knapp verpasst hat, scheint sich Pfaueninsel trotzdem bis heute gut zu verkaufen. Ein solider Platz im unteren Drittel der Spiegel-Bestsellerliste ist für einen Autor, der so vor Bildung überbordende Prosa schreibt, ein Riesenerfolg.

Hinzu kommt, dass Kruso und Pfaueninsel mit Abstand die beiden anspruchsvollsten Romane auf der Shortlist waren, die nun kommerziell auch am erfolgreichsten zu sein scheinen. Mit Heinrich Steinfests Der Allesforscher war ein spitzenmäßiger Unterhaltungsroman unter den Finalisten und ausgerechnet dieser Kandidat ist eher untergegangen.

Wen allein schon die Platzierungen der Spiegel-Bestsellerliste so verwundern, dem wird noch viel schwummriger, wenn er sich eingehend mit Thomas Hettches Pfaueninsel befasst, an dem er, wie eingangs erwähnt, so lange gesessen haben soll. Zumindest die pekuniäre Belohnung für diesen Fleiß sei ihm vergönnt. Ob nun er oder Lutz Seiler im Oktober den zum medialen Ereignis hochgejazzten Buchpreis bekommen hätte, eine Fehlentscheidung wäre es wohl so oder so gewesen (womit auch in diesem kleinen Online-Feuilleton endlich mal zünftiges „dbp“- Bashing zu lesen gewesen sein soll!).

Literarisch oder gar erzählerisch hat Thomas Hettche nämlich wie schon in seinem letzten Buch Totenberg (s. Leipzig-Almanach vom 8.4.13) nicht wirklich viel zu bieten. Pfaueninsel ist Reenactment-Prosa, die wohl einige Kritiker als „fein ziseliert“ bezeichnen würden, in Anbetracht der Tatsache, dass nahezu jedes Tier, das einst auf der ehemaligen Touristenattraktion bei Berlin unterwegs war, Erwähnung findet. Im Mittelpunkt der Handlung steht das kleinwüchsige Schloßfräulein Marie, deren Biographie von der Frühpubertät bis ins Greisenalter von damals beachtlichen achtzig Jahren nacherzählt wird. Hettches Erzähler muss dabei natürlich mit stolzgeschwellter Brust kurz vor Schluss erwähnen, dass ihm dafür bis auf Namen und Lebensdatum kaum etwas zur Verfügung stand, so rar gesät sind die Quellen zum Leben dieser Figur, die manch Kritiker allen Ernstes mit Oskar Matzerath vergleichen wollte. Dabei ist Marie Strakon so handzahm und verschüchtert, dass sie vor Oskars Blechgetrommel unversehens die Flucht ergreifen würde.

Natürlich kann man Thomas Hettches Rechercheleistung bewundern, von seinem Ehrgeiz dieses lange vor sich hergeschobene Projekt zu vollenden, ganz abgesehen. Aber wieso muss man sich als Leser mit einer so dürftigen Handlung abspeisen lassen, die die von ihr angerissenen Fragen und Konflikte derartig oberflächlich angesprochen im Raum stehen lässt? Immerhin schafft es Hettche, vernünftige Sexszenen in die Handlung einfließen zu lassen. Mehr von dieser rohen Direktheit hätte dem gesamten Text ungemein gut getan. Wo könnte man sich so etwas burleskes wie den Geschlechtsverkehr einer kleinwüchsigen Frau besser vorstellen als in einer Location, wie sie dieser Roman so exakt beschreibt?

So bleibt bei all den – zugegebenermaßen etwas polemisch – aufgezählten Mängeln abschließend nur das immerwährende Diktum des Kritikers: Hätte, hätte. Thomas Hettche könnte bestimmt, wenn er wollte.

Thomas Hettche: Pfaueninsel

Kiepenheuer und Witsch

Köln: 2014

350 S. – 19,99€


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