Fabian Stiepert | Drucken09.10.2015 

Lebenselixier Literatur

Tomas Espedals „Wider die Kunst“ ist nicht einfach nur schnöde Autobiographie. Lange wurde das eigene Leben eines Mannes nicht mehr so anregend poetisiert

Das Genre des „Trauerbuchs“ folgt seinen ganz eigenen Gesetzen. Ein schlechtes Buch, das vom Verlust eines geliebten oder bewunderten Menschen handelt, nervt uns mit Kalenderweisheiten und Selbstmitleid. Ein gutes oder sehr gutes Buch zu diesem Sujet verfolgt uns über Jahre und beschenkt uns mit einer Lektüre, die das Herz schneller schlagen lässt vor lauter Mitgefühl, Demut und der ewigen Wahrheit des memento mori, das uns da vor Augen geführt wird. Man erinnere sich nur an Joan Didions Das Jahr magischen Denkens oder Julian Barnes’ jüngst erschienene Lebensstufen. Beide Bücher verlangten dem empathischen Leser einige Minuten der Kontemplation ab, nachdem die letzte Seite dieser Bücher ausgelesen war.

In Tomas Espedals Wider die Kunst verhält sich dies ein wenig anders, gleichzeitig ist es aber auch kein schlechtes Beispiel für Literatur, die mit dem Tod eines Mitmenschen seine Initialzündung fand. Wer Tomas Espedal noch nicht kennt, da er in Deutschland (noch) nicht über den Glamour der britischen beziehungsweise amerikanischen Star-Intellektuellen Barnes und Didion verfügt: Espedal ist ein enger, langjähriger Freund von Karl Ove Knausgård. Es ist zu vermuten, dass beide sich im norwegischen Bergen kennengelernt haben, wo Espedal bis heute lebt. Knausgårds dieser Tage auf Deutsch erscheinender fünfter Band seines sechsbändigen autobiographischen Projekts Min Kamp behandelt die vierzehn Jahre, die der momentan weltweit heißdiskutierteste Schriftsteller in der zweitgrößten Stadt Norwegens verbracht hat. Man darf gespannt sein, ob Espedal in Knausgårds Träumen auftreten darf.

Zwar verfolgt Tomas Espedal in seinem Schreiben einen ähnlich radikal autobiographischen Ansatz wie der bekanntere norwegische Kollege, aber im ganzen betrachtet sind seine Bücher im besten Sinne kompakter, sinnlicher und handwerklich kunstvoller. In Wider die Kunst ereilen den Ich-Erzähler innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Schicksalsschläge. Nach dem Tod seiner Mutter verstirbt wenig später seine Frau Agnete. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, die es nun als alleinerziehender Vater zu versorgen gilt. Der Erzähler gibt sich dabei alle ihm mögliche Mühe, die die Tochter als Überbehütung wahrnimmt und dementsprechend nicht wertzuschätzen weiß. Aus der Überforderung heraus stürzt er sich ins diszipliniert durchgeplante Schreiben, das ihm als sinnstiftender Halt im Leben geblieben ist. Zugleich geht der Erzähler aber auch einer Aufarbeitung seiner Familiengeschichte nach, um sich seiner verstorbenen Mutter schreibend anzunähern.

Wider die Kunst ist nicht weniger brilliant als sein bereits seit anderthalb Jahren auf Deutsch vorliegender Nachfolger Wider die Natur, den einige Kritiker und Leser als Neuerfindung des modernen Liebesromans gefeiert haben. Espedal schafft in seinem Erzählen Übergänge, bei denen es manchmal angenehm unklar bleibt, ob es nun konkret um ihn selbst oder seine Eltern geht. Auch die Schilderungen der norwegischen Natur sind so gekonnt und unverkitscht, dass einem das übliche Skandinavien-Klischee zwischen Krimi- Düsternis und Fjord-Postkartenidyll erspart bleibt.

Wer diesen Roman liest, erlebt einen so angenehm prickelnd-schwebenden Rausch wie nach dem Trinken zu vieler doppelter Espressi oder dem Rauchen von starkem Tabak. Man schwebt leicht unkoordiniert, aber mit dem sicheren Gefühl, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu kriegen über den Dingen. Der Schluss dieses kleinen Wunder-Buches tut zu diesem Gefühl sein Übriges, denn er lässt einen beglückt, optimistisch und dankbar zurück. Dankbar für das, was die Fähigkeit, das Leben in ein Kunstwerk zu verwandeln, mit einem Leser anzustellen vermag.

Tomas Espedal: Wider die Kunst

aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Matthes & Seitz

192 S., 19,90 €


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