Kathrin Rahmann | Drucken21.08.2016 

Mutterliebe auf dem Prüfstand

Hans-Ulrich Treichel gelingt in seiner Erzählung „Tagesanbruch“ ein unverkitschter Blick auf die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn. Eine zweite Meinung zur Erzählung

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Toilettenpapier mit Motiv und Duft oder lieber das Umweltfreundliche, Raue? Mit Freunden treffen oder lieber schwimmen gehen? Mit Markus zusammenbleiben (aber irgendwie ist die Luft raus) oder es doch mit Timo versuchen (der hat es nie lange mit einer Frau ausgehalten)? Nach Köln ziehen oder in Hamburg bleiben? Schwanger, ausgerechnet jetzt, ausgerechnet von diesem Typen. Abtreiben oder behalten?

Es ist kaum 100 Jahre her, da hätte kaum eine Frau auch nur eine dieser Entscheidungen treffen können. Kam man nicht aus privilegierten Schichten, heiratete man früh, blieb mit seinem Mann zusammen und half, wo immer man konnte, um entweder das Überleben zu ermöglichen oder einen kleinen Wohlstand zu erarbeiten. Man gebar Kinder, wenn es klappte. Wenn es nicht klappte, gebar man eben keine. Wenn es sehr gut klappte, gebar man mehr, als man sich gewünscht hätte. Der Krieg tat ein Übriges.

Ein solches Leben stellt Hans-Ulrich Treichel ins Zentrum seiner Erzählung Tagesanbruch: Ein Leben, in dem es wenig zu entscheiden gab. Eine Frau flieht mit ihrem kriegsversehrten Mann im Winter 1944/45 von Polen nach Deutschland. Im August bringt sie einen Sohn zur Welt. Er wird das einzige Kind bleiben. Gemeinsam mit ihrem Mann baut sie ein Textilwarengeschäft auf, bis die Familie ein gutes Auskommen hat. Das florierende Geschäft macht es möglich, ein Klavier anzuschaffen. Der Sohn studiert, wird Akademischer Rat. Zuerst stirbt der Ehemann, dann erkrankt der Sohn an Krebs und stirbt im „Gästezimmer“ seiner Mutter. Bevor sie den Arzt ruft, nimmt sich die alte Frau Zeit, auf ihr Leben zurückzublicken und sich eine quälenden Frage zu stellen: Hat sie diesem Kind, für das sich zu entscheiden sie nicht die Gelegenheit hatte, alles gegeben, was es brauchte? „Ich war eine gute Mutter. So gut eine Mutter eben sein kann“. Dieser Satz steht auf Seite zwei und lässt aufhorchen. Wozu braucht eine Mutter am Totenbett ihres Sohnes eine solche Selbstberuhigung? Sie wird ihrem Sohn und sich selbst in diesen Dämmerstunden ein Geheimnis gestehen. Tagesanbruch ist ein zweideutiger Titel für ein Buch, in dessen Zentrum eine Frau ihr einziges Kind verliert. Kann der Tod eines Kindes ein Tagesanbruch, der Aufbruch in eine lichte Zeit bedeuten?

Wenn man das Buch zugeschlagen hat, möchte man es am liebsten zwei Tage später wieder aufschlagen, um noch einmal all die feinen Spuren zu verfolgen, die Treichel auslegt. Um sich ein ganz genaues Bild zu machen. Mit ungeheurer Empathie nistet sich Treichel im Denken und in der Sprache seiner Protagonistin ein. So genau trifft er den Ton der alten Frau, dass man sie vor sich sehen und sprechen hören kann. Mit winzigen Andeutungen legt er Fährten für den Leser aus. Da ist es fast schade, wenn das große Geheimnis gegen Ende ganz direkt und nüchtern auserzählt wird.

Hans Ulrich Treichel gelingt es, psychologisch versiert und sprachlich ungeheuer geschickt eine Geschichte lebendig werden zu lassen, in der über weite Strecken fast nichts passiert. Am liebsten läse man im Anschluss dieselbe Geschichte aus Sicht des Ehemanns, aus Sicht des Sohnes. Das würde ziemlich sicher kein Stück langweilig.

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Suhrkamp

Berlin 2016

86 S., 17,95 Euro


Erste Meinung zur Erzählung von Fabian Stiepert

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