| Drucken24.11.2004 

„Verrissen und verkauft” – eine Podiumsdiskussion zur Literaturkritik (Friederike Haupt)

Podiumsdiskussion: "Verrissen und verkauft?"
24.11.2004, 19:00 Uhr
Haus des Buches

Bilder:
Plakat zur Veranstaltung
Ulrich Greiner (DIE ZEIT) beim Diskutieren (Foto: Benjamin Kerstan)


Äpfel, Birnen, Rezensionen
Eine Gesprächsrunde diskutiert den Stellenwert der Literaturkritik

Der Rezensent hat's schwer. Wird er nicht gehasst, so wird er doch wenigstens verachtet, und wenn nicht von allen, dann zumindest von denen, deren Werke er verreißt. Der Rezensent wird verspottet ("Ein Kritiker ist eine Henne, die gackert, wenn andere legen.", Guareschi), entlarvt ("Ein Kritiker ist ein Mann ohne Beine, der das Laufen lehrt.", Channing Pollock), gedemütigt ("Ein Rezensent, das ist ein Mann, der alles weiß und gar nichts kann.", Ernst von Wildenbruch) und attackiert ("Schießt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.", Johann Wolfgang von Goethe). Hat das der Rezensent denn wirklich verdient?

Diese Frage und auch andere wurden gestellt bei der Podiumsdiskussion "Verrissen und verkauft?", organisiert von Studierenden der Uni Leipzig und der HTWK. Im Mittelpunkt: Die Buchkritik. Ist sie bloß billige Werbung für den Verlag oder doch unverzichtbare Orientierungshilfe im Neuerscheinungsdschungel? Welche Macht hat der Kritiker, welche Rolle spielt er für den Buchmarkt? Wieso freuen Verlage sich über Verrisse? Was haben die BILD-"Volksbibel" und die SZ-Bibliothek gemeinsam? Liest überhaupt noch jemand das Feuilleton?

Muss wohl, denn anderenfalls wäre Ulrich Greiner arbeitslos. Als Literatur-Chef der Wochenzeitung DIE ZEIT pries er auf dem Podium im Haus des Buches die Rezension alter Schule, von Moderatorin Wendy Kerstan eingangs zitiert mit der Aussage, Literaturkritik verhalte sich zum Bucherfolg wie Äpfel zu Birnen. Neben ihm Barbara Stang, Pressechefin der Aufbau Verlagsgruppe, Thomas Bez, Geschäftsführer der G. Umbreit GmbH & Co. KG, sowie Marita Hübinger, Redakteurin der ZDF-Sendung "Lesen!". Jenseits von hinlänglich Bekanntem ("Der Verkaufserfolg von Büchern hängt stark mit der Buchkritik zusammen.") sorgten besonders Greiner und Bez für beste Unterhaltung und einige Denkanstöße.

So wurde etwa ausgiebig über die SZ-Bibliothek und die BILD-"Volksbibel" diskutiert: Die Tatsache, dass Medien Literatur-Ereignisse herstellen, anstatt ausschließlich über sie zu berichten, wurde selbst von Greiner kritisiert - obwohl auch die ZEIT ein 20-bändiges Lexikon herausgibt, das mit Dumping-Preisen lockt (15 Euro pro Band) und so den Umsatz bestehender Verlage gefährdet. Dass die Rezensenten der Süddeutschen Zeitung jede Woche das aktuell erschienene Buch ihrer 50-bändigen Bibliothek in der Zeitung vorstellen, sei selbstreferenziell und in nicht unbedeutendem Maße imageschädigend: Bücher zu loben, die den eigenen Verlag finanzieren sollen, sei nicht der richtige Weg.
Bez, Kaufmann im Zwischenbuchhandel und Presse-Großhandel, bemerkte, dass der extrem niedrige Preis - die Bücher kosten trotz Festeinbandes etwa halb soviel wie die Taschenbuchausgabe des jeweiligen Romans - einen schädlichen Geiz bei den Käufern bewirke, die in Zukunft nicht einsehen würden, warum sie noch zehn oder zwanzig Euro für ein Buch ausgeben sollen. Dass eine Delegation der BILD-Zeitung wegen der 9,95-Euro-Bibel kürzlich feierlich vom Papst empfangen wurde, könne nur noch als Farce bezeichnet werden.

Und so wurde erzählt, diskutiert und auch ein bisschen gestritten; man schmunzelte über die Tücken des Rezensentenalltags (Greiner beispielsweise musste sich einmal von einer Autorin anhören, er habe ihr Buch nur aufgrund ihrer Attraktivität verrissen - nach dem Motto: Wer schön ist, kann nicht schreiben) und erfuhr einiges über die Vernetzung von Verlagen und Redaktionen. Völlig neue Erkenntnisse gab es erwartungsgemäß kaum, was jedoch auch nicht Sinn der Sache war. Viel eher zeigte die Veranstaltung, wie ein fruchtbarer Dialog zwischen Literaturschaffenden und Kritikern aussehen könnte - und auch, dass Rezensenten nicht die Bösewichter und Kleingeister sind, für die sie zuweilen gehalten werden.

(Friederike Haupt)

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