| Drucken16.06.2003 

Voltaire: Candide. Gelesen von Wiglaf Droste (Steffen Lehmann)

Voltaire: Candide. Gelesen von Wiglaf Droste. 3 CDs, Verlag Antje Kunstmann, München, Euro 24,90.

Ein nachdenkliches Spiegelbild der Welt

Heinrich Mann sagte einmal über Voltaires ?Candide?: ?Candide ist die Revolte des Menschen gegen die Natur, gegen ihre Stumpfheit und Langsamkeit, Ungerechtigkeit und Härte. Ihrem dummen Ernst sticht er Wunden mit seinem Witz, der menschlichsten Erfindung.? Als Wiglaf Droste im Winter 2001 Voltaires "Candide" als Hörbuch einlas, verfolgte die Welt gerade den Krieg gegen die Taliban in Afghanistan. Für Droste nur ein weiterer Beweis, dass die Welt mehr Voltaire lesen müsste. In der taz schrieb er: ?... erfreute sich die zivilisierte Welt gerade der Tötung afghanischer Zivilisten durch US-amerikanische Soldaten, begangen im Namen des Guten und Humanistischen - als sei das Gewürge der Welt einzig geschaffen, um Voltaire nachträglich zu bestätigen.? Seitdem hat Präsident Bush einen Krieg gegen den Irak geführt und den Iran bereits im Visier. Es scheint nicht unbedingt so, dass die Welt aus ihrem Handeln lernt und Voltaire zur Pflichtlektüre an amerikanischen Universitäten gehört.

Anfang 1759 erscheint Voltaires "Candide?. Von Anfang an hat es alle Zutaten, um sich mit den Mächtigen anzulegen. Schon zwei Monate nach Erscheinen wird "Candide" auf Befehl des Rates der Stadt Genf vom Henker öffentlich verbrannt. Warum? Im fröhlichsten Tonfall beschreibt Voltaire die Welt, wie sie sich ihm zeigt: grausam, absurd und randvoll mit Krieg, Mord, Folter, Verfolgung und Wahn - und Voltaires Verzweiflung über die Verfassung der Welt und ihrer Bewohner ist dabei nie larmoyant, sondern immer glaubwürdig. Den Erfolg des Buches konnten die drakonischen Maßnahmen nicht aufhalten. Im ersten Jahr erlebt das Buch 13 Neuauflagen, zu Lebzeiten Voltaires erscheinen insgesamt 42 Ausgaben.

"Candide" ist, man entschuldige das große Wort, das Werk der Aufklärung. Das Wissen, dass es niemals Zeiten geben wird, in denen das Buch nicht aktuell ist, vermag die Freude beim Lesen nicht zu trüben. Politiker sollten es sich öfter unter das Kopfkissen packen. Die Welt ist ein Schlachthaus, ist das ein Grund, das zu verschweigen? In "Candide" hat Voltaire seine Haltung zur Welt am deutlichsten ausgedrückt: Er lehnt sich auf gegen die Dummheit und Grausamkeit der menschlichen Natur. Dieser Wolfsnatur des Menschen, wie sie Hobbes beschrieben hat, stellt Voltaire etwas entgegen, was allzeit die größte Bedrohung für Diktatoren, Folterknechte und Politiker war: ein unabhängiges Denken gepaart mit schneidendem Spott. Wiglaf Droste, selbst ein Meister des scharfzüngigen Schreibens, erprobt in der Auseinandersetzung mit einer Obrigkeit, die keinen Spaß versteht, hat mit ?Candide? auch sein eigenes Credo von dieser Welt vorgelegt. Das ist kein Schmücken mit fremder Leute Federn. Es ist nur der Versuch, die Welt, wie sie ist, zu verstehen.

(Steffen Lehmann)

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