Tobias Prüwer | Drucken12.05.2010 

Von der Kunst des Unmöglichen

„Das Politische Denken“: Ein Sammelband sucht nach den Bedingungen der Möglichkeit von Veränderung

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt...“ – Politik gilt gemeinhin als Kunst der Staatsführung, bezeichnet die Ziele und das Handeln von Regierungen, Parteien, Parlamenten. In diesem Sinne ist es sehr wohl klug, über politische Strategien, Kalküle und Gestaltungsformen zu sinnieren, erst einmal das Politische zu denken erfordert diese Auffassung allerdings nicht. Nun ist die Antwort auf die Frage, was denn Politik eigentlich ist, aber gar nicht so vorraussetzungslos, wie von vielen Politikwissenschaftlern und -praktikern suggeriert wird. Denn auf die Weise wie man Politik fasst, schließt man zugleich bestimmte Phänomene sofort aus. Beharrt man z.B. auf einem Modell von Demokratie als Konsensproduktion, verlangt aller Dissens, automatisch gekittet zu werden, und wenn das nur durch das Ruhigstellen der Konsens-Verweigerer möglich ist.

Den Beiträgen im Sammelband, sie skizzieren jeweils insgesamt 15 gegenwärtige Positionen, ist trotz aller Unterschiedlichkeit die Ablehnung der Gleichsetzung von Demokratie und staatlicher Ordnung. Sie begreifen Gesellschaft als radikal pluralistisch wie antagonistisch und üben mehr oder weniger intensiv eine Kritik am Prinzip der Repräsentation als bloße Politiksimulation. Zudem teilen sie die Unterscheidung zwischen der institutionellen Ordnung sowie ihren Apparaten und Einrichtungen, Behörden und Regulierungen – hier Politik genannt – und den Moment des Widerspruchs und Einspruchs, die im Aushandeln der Interessen verschiedener sozialer Akteure unweigerlich besteht – hier: das Politische. Statt sich in geschlossenen Systementwürfen zu ergehen, was im Widerspruch zur kritischen Stoßrichtung stünde, markieren die diskutierten Ansätze vielmehr Gegenentwürfe, etwaige Widerstandslinien und Fluchtpunkte zu und von der Festschreibung des Politischen als Staatsapparat.

Unter den analysierten Perspektiven auf das Politische befinden sich die mit Zuge des (medialen) Erfolgs globalisierungskritischer NGOs populär gewordene Theorie Negris und Hardts vom weltumspannenden Empire und der Kritik der vielen (Multitude) und Derridas Verweis auf die nie abschließbare Demokratie: eine fertige Befreiung des Menschen gibt es nicht, Emanzipation ist ein unabschließbarer Prozess. Auch Claude Leforts Hinweis, das Fundament der Demokratie fuße nicht auf Notwendigkeit und seine Kritik an der Usurpation der Macht, finden Betrachtung, genauso wie Jacques Rancières Insistieren auf das Stimmerheben der Unvernommen, von Teilhabe Ausgeschlossenen findet seine Darstellung. Dabei wird vor allem klar, dass von den oft insbesondere französischen Denkern vorgeworfenen Beliebigkeiten und Spiegelfechtereien keine Rede sein kann, etwa wenn sie direkt praktisch werdende, den zivilen Ungehorsams verteidigen.

Kurzum: Im Band werden ernsthafte Suchbewegungen nach den Bedingungen der Möglichkeit von Veränderung vorgestellt und mit einander in Beziehung gesetzt, denen an der Intervention statt Konservierung als politischer Moment gelegen ist. So, wie Slavoi Žižek, der zwar im Buch fehlt, aber auch als ein Vertreter einer anderen Auffassung des Politischen gelten darf, in Die Tücke des Subjekts vorschlug: Wird Politik in der Regel als „Kunst des Möglichen“ gefasst, dann ist „Echte Politik ... das genaue Gegenteil davon, das heißt die Kunst des Unmöglichen: Sie verändert gerade die Parameter dessen, was in der existierenden Konstellation als ‚möglich’ betrachtet wird.“

Ulrich Bröckling & Robert Feustel (Hg.):

Das Politische denken. Zeitgenössische Positionen

Transcript – Bielefeld 2010

340 S. – 25,80 €

Transcript Verlag

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