Fabian Stiepert | Drucken13.09.2014 

Frankfurt, ein Mann, ein Roman

Wilhelm Genazino hat mit „Bei Regen im Saal“ einen rasanten, aber insgesamt nicht überzeugenden Roman über das männliche Ego geschrieben

Mit den Büchern von Wilhelm Genazino ist das so eine Sache: Viele Leser verehren Genazino für seine Romane über etwas jammerlappige Männer im besten Alter, allen anderen entlocken sie nur ein entnervtes bis überfragtes Schulterzucken. Der Verfasser dieser Zeilen gehörte immer zu letzterer Klientel und brach Genazinos Romane stets nach ein paar dutzend Seiten ab, obwohl nur die wenigsten länger als 200 Seiten haben. Zu abgegriffen waren die Settings und zu banalitätsschwanger die Alltagsbeobachtungen des Frankfurter Autors. Rund drei Jahre nach dem letzten Versuch wurde nun Genazinos neuestem Roman „Bei Regen im Saal“ eine Chance gegeben und, ja, er wurde auch brav zu Ende gelesen – wie sich das für einen Kritiker gehört.

Von einer Läuterung oder dem Moment, in dem es Klick gemacht hätte, kann aber keine Rede sein. Dafür ist die Handlungsarmut des Romans einfach zu ausgeprägt, als dass man wahrlich beeindruckt sein könnte: ein promovierter, namenloser Philosoph schlägt sich mit diversen Gelegenheitsjobs und seiner Freundin Sonja in der Mainmetropole Frankfurt herum und weiß zwischenzeitlich nicht recht, ob er die Stelle als Redakteur beim Taunus-Anzeiger langfristig behalten soll oder ob das Leben nicht doch mehr zu bieten hat. Auch zwischen den Zeilen ist nicht mehr an Handlung irgendeiner Art zu entdecken. Schade eigentlich, sind doch die Kunstwerke mit kaum vorhandener Action oder Story im konventionellen Sinne oft am unausschöpflichsten.

Genazino ist in diesem neuesten Roman ausnahmsweise gnadenlos gut in der Beobachtung des Alltags und seiner Stolpersteine und Ekelfallen (so haftet laut Erzähler einer Tupperbox ein gewisser „Alltagsekel“ an, was freilich eine treffsichere Bemerkung ist) und auch seine Schreibe ist rasant, voller maßgeschneiderter Pointen und auf den ersten 120 Seiten extrem kurzweilig. Trotzdem fehlt Bei Regen im Saal der große Überraschungsmoment, so fix routiniert runtergeschrieben wirken diese 160 Seiten. Wie beim späten Thomas Bernhard meint man selbst als Laie erkennen zu können, dass die Bücher immer schematischer werden und dem Autor die Ideen ausgehen. Die Korrektheit dieser Behauptung ist genauso wahrscheinlich, wie es unwahrscheinlich ist, dass mir irgendwann ein Buch dieses Autors in die Finger gerät, das mit wahrhaftiger Begeisterung gelesen wird. Aber man kann als Mann ja nie wissen, ob man sich nicht in den Typus eines klassischen Genazino-Helden verwandeln wird, wenn das Alter weiterhin so flott voran schreitet.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal

Hanser

München 2014

160 Seiten – 17,90 Euro


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