Roland Erb | Drucken15.02.2001 

Morpheus

Sebastian war froh, daß er den schwarzen Hund noch hatte, der hinter der Korridortür auf einer dicken Matte lag und ihn vor unliebsamen Besuchern schützte, vor allem, wenn er bei Tage behaglich schlief bis in den frühen Abend hinein. Wenn sich Sebastian dann langsam erhob und mit etwas verschwiemeltem Blick aus dem Westzimmer auf die Straße hinuntersah, war die Sonne meist schon am Sinken, vorausgesetzt, sie war nicht gerade hinter schwärzlichen Wolken verborgen. Die Sonne interessierte Sebastian allerdings wenig. Er war ein ausgesprochener Nachtmensch. Nachdem er am Abend mehrere Tassen starken Kaffee getrunken hatte, rasierte er sich gemächlich und streifte danach mit dem Hund stundenlang durch den verwilderten Park bis zum nicht allzu fernen Auenwald und kehrte leicht erschöpft erst nach Hause zurück, wenn die Nacht vollends hereingebrochen war. Dann sah er sich ein paar Filme im TV-Nachprogramm oder ein Video an, aß Cervelatwurst und Ölsardinen und griff hin und wieder nach Büchern, in denen er genußvoll ein wenig blätterte und die eine oder andere Passage nachlas, ja sie mitunter auch laut rezitierte und begeisterte Rufe ausstieß. Dazu trank er meistens Rotwein, knabberte Nüsse und Äpfel. Nach Mitternacht tat er dann meistens so, als ob er arbeitete. Vom Surfen im Internet hielt er gar nichts, weil es ihm seine Freiheit beschnitt und die wohltuende Einigelung aufhob. Doch suchte er am PC gern in den Dateien herum, um eine neue, umfassendere anzulegen, in der er alle möglichen Beobachtungen und Gedanken wie Tagebuchsplitter versammelte und später in größeren Einheiten integrierte. Wozu dies alles gut sein sollte, wußte er selbst nicht zu sagen. Er träumte allerdings manchmal davon, den berühmten Brüdern Goncourt nachzueifern, die im 19. Jahrhundert ein vielbändiges Tagebuch des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt Paris und Frankreichs verfaßt hatten. Sebastians Sammeltätigkeit krankte indessen daran, daß er das Leben seiner Stadt hauptsächlich aus der Zeitung und aus einigen, der Pleißemetropole gewidmeten Fernsehsendungen kannte, während er die Politiker, Verwalter, Künstler, Bäcker und Fleischer, Kassiererinnen, Zeitungsausträger, die Scheinselbständigen, Arbeits- und Obdachlosen, die Physiker und Pfarrer, mit denen er gern einmal diskutiert oder wenigstens etwas geplauscht hätte, in seinem verwilderten Park und den Auenwäldern fast niemals antraf. Er machte sich oft Gedanken darüber, er verstand einfach nicht, was es Angenehmeres, Lustvolleres geben konnte als diesen geheimnisvollen nächtlichen Garten, wo alle schroffen Konturen verschwammen und wo die seltenen Spaziergänger, die ihm grundsätzlich unbekannt waren, nur als bläßliche Schemen erschienen. Warum kam fast niemand hierher, wo blieben die Menschen nur alle, womit verbrachten sie ihre unendlich lange Zeit, denn viele arbeiteten nicht und wurden vom Staat ernährt? Der Fluß und die Mühlgräben glänzten merkwürdig silbern auf, sobald der Mond sich zeigte, und immer mehr Sterne traten am Himmelszelt hervor, während es tiefe Nacht wurde, die Nebelschwaden begannen kühl auf den Wiesen zu wogen. Stunden später, am PC in seinem 25 Grad warmen Zimmer, das ziemlich rauchig war von dem großen alten Berliner Ofen, den er noch eigenhändig mit Braunkohlenbriketts heizte, fühlte er sich richtig wohl, sein Suchen und Sammeln in den uralten und wenigen neuen Dateien verschaffte ihm für längere Zeit das wohlige Gefühl, einer nützlichen, aufbauenden Tätigkeit nachzugehen. Dann duschte er eine gute halbe Stunde oder nahm ein ausführliches Bad, hörte klassische Musik von seinen verstaubten Platten oder frisch aus den Hüllen geschnittenen CDs oder auch etwas Jazz im Radio und legte sich erst gegen Morgen, kurz bevor sich das gräuliche Tageslicht ankündigte, für zehn bis zwölf Stunden schlafen. Das Bettzeug mit den geduldigen Gänsefedern aus Friedenszeiten, ein Weihnachtsgeschenk seiner kürzlich verstorbenen sechsundneunzigjährigen Nachbarin, umhüllte ihn von allen Seiten wie eine feste Burg, und der getreue Hund draußen auf dem Flur schlug gewöhnlich einmal kurz an, wenn im Treppenhaus, selten genug, jemand auf den knarrenden Stufen vorüberstieg. Schön war es, so mit wenigen, schnell verfliegenden Träumen zu schlafen oder im Wachtraum zwischendurch an den nächtlichen Park mit seinen rauchigen Düften zu denken oder an die aussagekräftigen Dateien, die er heut nacht vervollständigt und der Vollendung entgegengetrieben hatte, und dann immer tiefer ins Dunkel seines Bewußtseins hinabzutauchen, für lange Zeit völlig aus allen Zwängen herauszutreten, in freundlicher Teilnahmslosigkeit und absolutem Vergessen zu ruhen. Manchmal wachte er unversehens auf, als sei ein Schrei von der Straße heraufgedrungen, dann lauschte und starrte er lange in die ihm unvertraute Helle des Tages oder das bereits wieder herabsinkende Dunkel draußen, schlich, wenn es noch Nacht war, auch manchmal mit der Taschenlampe zum Fenster und blickte hinab auf die Baumwipfel und Dächer des schweigenden Stadtviertels. Drei- oder viermal im Monat kam dort unten jemand vorüber, ein spaßiger Tag- und Nachtschwärmer, der vor sich hin sang oder seltsame, unartikulierte Laute ausstieß. Sebastian legte sich bald wieder hin und schlief sofort ein, das tat er mit Vorliebe übrigens auch am Spätnachmittag, wenn er eben erst aufgestanden war, und ließ sich nochmals von Morpheus einwiegen für so manche wohlige Stunde. Sebastian fühlte sich vielfach gewappnet und unerschütterlich sicher, dank einer unverhofften Erbschaft hatte er ein hübsches Sümmchen auf die hohe Kante gelegt, das würde ihm sicher gestatten, noch ein paar Jährchen in aller Ruhe in die tiefschwarze Nacht hinein zu leben. Dennoch würde sich vielleicht einmal etwas ändern, doch vermied er es, daran zu denken. Abends griff er mitunter sehr gern nach den alten Büchern der russischen Autoren von anno dazumal im Kaftan, mit langen Bärten und warmen Pelzmützen, die in aller Ruhe ihr Leben auf dem Lande verbrachten und dicke Wälzer schrieben. Er dachte an die weiten Ebenen und die riesigen Wälder dieses unermeßlichen traurigen Landes im Osten und manchmal auch an den guten alten Herrn O. in seinem breiten, bequemen Bett, der ihm immer als treffliches Beispiel geruhsamen Lebens vor Augen stand.

9. Mai 1999

Roland Erb im Verband deutscher Schriftsteller in Sachsen

 

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