Holger Leisering | Drucken06.12.2013 

Holzwurm, Engel und andere Lügen

Ich weiß nicht, ob das Käuzchen schrie in dieser Nacht. Die zittrige Hand der Wäscherin schob die Lider nach unten. Der Arzt wusch sich, während eine der Tanten den Spiegel verhängte. Oben, in meiner Kammer, hätte ich sie über die Drehung der hölzernen Treppe kommen hören können. Auch die Schritte der Mutter, deren Melodie ich aus meinen Nächten wusste.

In der großen alten Stube, die ich nur von Feiertagen und einigen wenigen ungenehmigten Expeditionen kannte, lag Großvater in seinem besten Anzug aufgebahrt. In diesem hohen Raum, zwischen Vertiko und der verglasten Tür zum Alkoven, lag mein Großvater, mein Geschichtenerzähler, mein Freund. Nebenan, in der kleineren Stube raunten die Stimmen der Männer. Nie hatte ich Vater so leise sprechen hören. „Es wäre in seinem Sinne“, und sie nahmen von den guten Zigarren. Eine der Tanten brachte Gläser.

Das Perpendikel des Regulators stand stille für die Todeszeit auf dem Ziffernblatt. Großvaters Taschenuhr tickte weiter, auf dem Sekretär. Ich streckte die Finger nach dem Oval des Löschers, als hätte ich einen letzten Bogen schwarzblauer Tinte, ein letztes Franz Leisering trocknen können.

Ich konnte nicht sprechen, würde nie mehr sprechen wollen. Ich wollte meine Sprache stummen. Es war mir gleichgültig, was ich von Großmutter jetzt hören sollte. Großvater konnte niemals bei den Engeln wohnen. Die Engel waren in den Märchen des Pfarrers zu Hause. Ich wusste über ihre Lügen Bescheid. Jetzt heuchelten sie ehrfürchtiges Staunen, dass noch vorige Woche der alte Mann am Amboss stand, sein Hufeisen zu schmieden. Aber die Pferde hatten sie ihm weggenommen. Alles weggenommen. Das elektrische Gebläse für das Schmiedefeuer war nämlich Verschwendung, sagte Großvater, als sie das Leder des Blasebalgs zerschnitten. Überhaupt, was musste der alte Mann noch drei Zimmer bewohnen und ein viertes blockieren, an dem Contor stand. Keine Vase, so lamentierten sie, dürfe verrückt, kein noch so winziges Tischlein verstellt sein, dabei klopfe in all diesem altmodischen Möbel der Wurm. Die schleimige Fratze des Holzwurms musste besonders ekelhaft sein, so angewidert wie Mutter jedes Mal, wenn sie „Da ist der Holzwurm drin“ sagte, das Gesicht verzog. Auch den Holzwurm sah ich nie selbst, vielleicht war der genauso ihre Erfindung wie die Engel.

Früher hatte Großvater an den Gräbern seiner Freunde Salut geschossen. Großvaters Freunde kannte ich vom Photo einer alten Zeitung. „Kriegerverein. Kameraden im Kriege wie im Frieden!“ stand darunter. Die Gesichter mancher Großvaterfreunde erinnerten mich an die Gesichtszüge meiner Klassenkameraden. Auch den Kriegerverein nahmen sie Großvater, wie den Kaiser, den mein Großvater sehr lieb gehabt hatte.

Jetzt konnte ich den Regen riechen. Vornweg schritt der Pfarrer, neben ihm ein Junge, beide im Talar. Der Heiland würde nass werden, über dem Trauerzug wackelte das Tragekreuz im Nieselregen. Eine der Tanten flüsterte: „… die Engel Gottes weinen, ein erfülltes Leben und wie viele gekommen sind, ein gesegnetes Alter…“. Beinpaare im rhythmischen Zwieton von des Totenglöckchens dürrer Stimme. Auf verstohlenes Handzeichen hin wechseln die Männer sich ab beim Tragen des Sarges.

Das Vaterunser konnte ich auswendig wie meine Adresse. Von der Predigt verstand ich nicht alles. Wenigstens wollte ich mitsingen: „Es ist getan in Gottes Rat, dass man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden…“. Ein schöner Rat war das. Während ich die drei Brocken Erde ganz leicht warf, sie fielen wie Staub auf die braungoldne Politur, hasste sie dafür und Gott, der angeblich uns unsere Schuld vergeben sollte.

Später fraßen sie, soffen Liqueur, sprachen über die Ernte. Wer nur einen grauen oder blauen Anzug, aber keinen schwarzen dabei hatte, behalf sich mit einem schwarzen Band, das sie Trauerflor nannten. Überhaupt konnte man ein blaues Jackett viel besser als ein schwarzes in einer Kombination tragen. Ich sprach nicht mehr, was sie zu Hause ohne die Information des Lehrers kaum ernst genommen hätten. Nicht, dass ich sie so bestrafen wollte, meine Rache schrie in den Farben von Blut und Tod, wenigstens in den abendlich wiederkehrenden Fieberphantasien und Traumfetzen. Es gab niemanden, dem ich vertrauen konnte, da war ich mir sicher und sollte bald übel bestätigt sein. An einem gewöhnlichen Donnerstag, viel zu früh, kurz nach dem Mittagessen, das ich freilich gemeinsam einzunehmen vermied, verstummte das Scheppern, das Schlagen der Hämmer in der Schmiede. Vom Fenster meiner Mansarde sah ich Vater, wie er das Schiebetor der Werkstatt beiseite rollte. Er rieb sich die verschmierten Hände an einem Lappen. Der Fremde, den er freundlich begrüßte, schien von außerhalb, möglicherweise aus der Stadt zu sein, sein beigefarbenes Auto hatte ich vorher noch nie gesehen. Trotz des Packpapierbogens erkannte ich, dass er Großvaters Säbel auf dem Rücksitz verstaute. Er wendete, hupte und winkte grinsend. Ich öffnete das Fenster, aber es gab kein Gebrüll, keinen einzigen Ton, statt dessen das Scheppern von der Schmiede her, über der immer noch Großvaters Name stand.

In den nächsten Tagen verließ ich mein Krankenbett nicht mehr, ersparte mir, die sich durch schwingschlagende Autotüren und Begrüßungsgeplapper ankündigenden Besucher auch noch mit ihren Beutestücken abziehen zu sehen.

Nicht, dass sie alles verkauft oder fortgeschenkt hätten. Das Weinlaubservice verstaute Mutter in ihrer Schrankwand, auch Porzellanvasen, Brehms Tierleben oder den alten Brockhaus und ein paar andere Andenken, in denen materialbedingt für den Holzwurm Zutritt verboten garantiert war. Das Gehäuse des Regulators zerspellte auf dem Hackklotz, das Uhrwerk selber hängten sie an der Natursteinwand im Wohnzimmer auf, auf die sie so stolz waren. Das Kaiserbild und die Alben mit den Familienphotographien lagerten auf dem Dachboden. Die geretteten Reste stimmten mich fast noch trauriger als die zerschlagenen Möbel. Den Alkoven malten sie in albernen Farben aus. Im Garten hinter dem Haus baute Vater mit nachbarschaftlicher Hilfe einen Bungalow mit Terrasse und Swimmingpool. Wen wundert’s, dass drei uralte Birnbäume an einem Vormittag auf die Seite kippten. Die Koniferen, die sie später sozusagen zur Entschuldigung pflanzten, widerten mich so an, dass mir dergleichen Nadelgehölz bis in späte Jahre zutiefst zuwider blieb. In Großvaters Haus zogen Fremde. Nur der Kachelofen war von seinen einstigen Reichtümern übrig geblieben, aber der zog schlecht und qualmte angeblich. Außerdem gab es diese altertümlichen Fenster, die schon längst durch moderne, einteilige ersetzt wären, wie sie sich zu versichern eilten, wenn „der alte Mann sich nicht immer quergestellt hätte“. Mutter stand die neue Rolle der Hauswirtin gut, der Ofen würde also abgerissen werden und die in ihren endlosen Reparaturen kostspielige Verglasung des Alkovens würde man entfernen, verkündete sie, ehe sich die Kinder noch schneiden. Die Kundschaft nannte Mutter „Frau Meistern“, oder auch nur Meestern, die Dorfleute grüßten zuerst. Nachts schrieb ich mit Schlämmkreide „Verräter“ ans Hoftor. Noch vor Ablauf des Trauerjahres begriff ich, dass der von Großvater verehrte Kaiser weder besonders gut noch besonders weise gewesen sein konnte. Ich schämte mich, an manchen Tagen alles Unrecht vergessen zu haben, auch mein Gelöbnis der Rache.

Jahrzehnte später, ich fuhr, als Spion eigener Kindheit im Fond des Wagens ängstlich versteckt, an meinem Geburtshaus vorbei, sah ich, dass sie mit der Rekonstruktion des Daches auch noch das alte Dachfenster, Ochsenauge genannt, wegrationalisiert hatten. Als wenn sie wüssten, dass ich von jenem Fenster aus Zeuge ihrer Entwicklung gewesen war. Nachts schlich ich zum Friedhof. Es war Großvaters schmiedeeisernes Tor, dessen Zacken und Speerspitzen mich zwangen, den Einstieg über die Mauer zu nehmen. Ich wollte die Suche nach dem Grab schon aufgeben, als ich es an den beiden, von ihm noch gepflanzten Farnen erkannte. Damals hatte ich Rache geschworen, ich wollte meine Sprache stummen. Vielleicht hätte Großvater lachen können, als sie mit ihrem plumpen Beil seinen Sekretär zerdroschen und den Uhrenkasten zerlegten, um dem gehassten Holzwurm so recht aufs Maul zu hauen.

Das Vorspiel des Bösen, das ich für das Ende meiner Welt hielt, sollte gemessen an späterer Zertrümmerung zarteste Andeutung sein. Niemand warnte mich, wie ich niemanden warne. Sie brauchten ihre geliebten Lügen vom glücklichen Leben, vom gesegneten Altern und sicher auch die von Gott und den Engeln. Wie hätten die Alten sonst durchkommen sollen?

Für mich würde niemand beten, niemand ein Kind belügen, das Tuch vor den Spiegel hängen, niemand dreimal Erde werfen. Nein, meinen Regulator bräuchte keine barmherzige Hand anzuhalten. Die Tradition der üblen Nachrede, des wirklichen Beiles wider alles Vergangene, übernahm ich als einziges Erbstück. Nein, wir würden heute nicht miteinander reden können. Die peniblen Eintragungen in ihren Kirchenbüchern, da war ich mir sicher, würden es ausweisen, seit dem letzten Geleit meines Großvaters und meinem bevorstehenden waren zu viele Beerdigungsprozessionen vergangen – wie viele anonyme Bestattungen in fremden Städten?

Wie dumm war ich damals, wie wenig weniger dümmer ordne ich jetzt meine Notizen.

Während ich dies schreibe, zu Zeiten, da sich jeder seines Altwerdens schämt, so gut er kann, umzingelt von rüstigen Kreativsenioren, die, statt vor wurmstichigen Sekretären vom Salut zu träumen, in Reisebussen Bösartigkeiten austauschen, während ich noch immer der kleine, ungezogene Enkel zu sein scheine, klingt aus alten Tagen, die ich die besseren nicht, wohl aber die stilleren zu nennen geneigt bin, die dünne Stimme des Totenglöckchens, so als zöge die Prozession noch einmal an mir vorüber:

Ich wollte meine Sprache stummen
Meine Sprache war alt und gram
Wovon die Alten leise sungen
Soll heute verschwiegen sein

Engel hausen in den Lungen
Lüge balanciert auf Lippen
Wenn sie das Erdreich schippen
Küsst die schwarze Scholle heim

Wehe mir, als ich vorüber kam
Meine Sprache wollte stummen
Ich war alt und gram

 

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