Christopher Kloeble | Drucken07.12.2003 

Mein liebster Moment, 2

Ich sitze allein in einem Raum voller Menschen. Jeder spricht über mich und keiner lässt mich zu Wort kommen. Ich bin der letzte, der einsamste Gedanke im Raum, und mein Name ist Hans.

Sie finden es lustig, über meinen Namen zu lachen, denn es ist ein einfacher Name, tausendfach verwendet in allen möglichen Familien meiner Heimat.

Doch sie finden ihn überaus amüsant. Ich kann nicht einmal leugnen, dass, wenn ich einer von ihnen wäre, ich nicht über mich selbst lachen würde. Aber ich bin getrennt von ihnen, es fehlt mir die Kraft. Die Kraft um aufzustehen, mich ihnen zu nähern und etwas zu unternehmen. Etwa tun, etwas machen, etwas versuchen, ganz allein darum drehen sich meine Gedanken.

Wenn sie meinen Namen zwar mit vorgehaltener Hand aber trotzdem laut und deutlich aussprechen – wahrscheinlich soll ich es hören – folgt ausnahmslos das Gelächter darauf wie Regen auf Sonnenschein.

Mein Name ist nicht das einzige, das ihnen zuwider ist. Mein Haarschnitt gefällt ihnen nicht, er ist zu bubenhaft und ich gehe angeblich nicht oft genug zum Friseur, auch das flüstern sie mit lauter Stimme.

Meine Kleidung entspricht nicht dem Standard – was ist Standard? Auch die Freizeit, die ich mit meiner Familie verbringe, ist ihnen verdächtig. Sie misstrauen mir sogar, weil ich kein Fernsehgerät besitze. Ich kann mich nicht zu ihnen gesellen, weil ich nicht dieselben dummen Menschen in intelligenter Aufmachung beobachte, wie sie fremde Charaktere spielen, seltsam steril und künstlich, ähnlich dem Versuch, das Leben einer Pflanze nachzuahmen.

Innerlich lache ich oft und ausgiebig. Ich lache über sie, über alle anderen. Ich mache kaum Ausnahmen, darin bin ich wie sie. Wenigstens gibt es einen Punkt, in dem ich ihnen ähnele. Trotzdem dringe ich nicht zu ihnen durch, es gelingt mir nicht einmal, den gleichen Ton wie sie anzuschlagen. Sprechen sie über Mitschüler, bin ich meist Teil des Gesprächs, andere Themen sind das Fernsehen und die negativen Seiten des Lebens. Ich denke, ich bin im falschen Film.

In meiner Hosentasche trage ich ein Messer mit einem hölzernen Griff. Die Klinge ist leicht geschwungen, und sie glänzt silbern im Sonnenlicht. Ich kann ihre Gespräche hinter meinem Rücken zwar nicht leiden, aber ich beobachte sie nur zu gerne dabei. Mit meinen Händen klappe ich dabei das Messer auf und zu, am besten gefällt mir das leise Klicken, wenn die Klinge einrastet und im Griff verschwindet. Gefallen tut es mir deswegen, weil sie es nicht hören können. Es ist ein sensibler Laut, ein Geräusch, das nur ich höre.

Während sich ihre Mäuler mit plappernder Geschwindigkeit bewegen und keinen Halt finden, streiche ich mit meinem Daumen an der Messerschneide entlang. Ich habe mich noch nie geschnitten. Das würde einem von ihnen jeder Zeit passieren. Es ist ein merkwürdiges Gefühl von Lust und Macht und Sinn. Ich kann es nicht besser beschreiben, und dazu bin ich heute auch überhaupt nicht hier. Es gibt wichtigeres.

Jedenfalls bin ich der einzige, der das Eisen beherrscht, niemand anderes im Raum. Der Raum ist großzügig ausgelegt, leider kaum Fenster und nur eine Tür. Ich persönlich hasse diesen Raum. Er ähnelt ihnen auf seine eigene Art und Weise. Er wurde geschaffen, um nützlich zu sein, um Unterkunft zu bieten, so wie sie geschaffen wurden, um etwas zu bieten, nützlich zu sein. In diesem gesamten Raum ist der einzige Gegenstand, der mir nicht feindlich gesinnt ist, die Klinge, die ich mit meinem Daumen streichele. Was man durch die Fenster sehen kann, ist unerheblich, es sieht sowieso nie jemand hindurch. Alles Interesse liegt immer bei mir und anderen Dingen, über die sie sich mokieren können. Aber ich habe Freunde, und diese liegen auf der Hand, in meiner Hand.

Es ist schwer zu beschreiben, zu erklären, was ich vorhabe. Am einfachsten sind doch immer Demonstrationen. Beschreibe einmal den Blick eines Liebenden oder das Gefühl, das ein gewisses Buch in einem geweckt hat. Das kann man mit einem Erlebnis doch viel anschaulicher gestalten. Ich schließe also die einzige Tür des Raumes, die Helligkeit bleibt trotzdem, da Deckenlichter brennen. Diese schalte ich einfach aus – ich ignoriere die Beschwerderufe.

Im schwachen Licht marschiere ich um die Tische und setze mich neben einen von ihnen, mitten in die Gruppe hinein. Es ist eigentlich ganz einfach. Zum ersten Mal ziehe ich das Messer aus meiner Hosentasche, ich glaube, sie können es gar nicht erkennen.

Irgendwo ruft jemand nach Licht, doch es bleibt dunkel.

Die Klinge springt auf einen leichten Druck meines Daumens aus dem schützenden Griff. Sie kann zwar nicht glänzen, für mich ist sie aber trotzdem überaus schön. Mit ihr zerschneide ich die Luft, ich fächle mit dem dünnen Metall Sauerstoffatome durch die Gegend.

Das interessanteste an der Situation ist der Blick von ihnen. Sie bewegen sich nicht und starren mich entgeistert an, nun stehe ich im Mittelpunkt und – was noch viel wichtiger ist – nicht in Form von Geläster. Ich liebe diesen Augenblick, ich sauge den Rest der Situation in mir auf, bis nichts mehr übrig bleibt. Selbst die besten Erfahrungen verblassen einmal und können nur noch als graue Erinnerung fortleben. Ich beende es.

Meine treue Klinge teilt Haut, zertrennt Fettschicht und Adern. Ich stoße auf Widerstand, das ist der Kehlkopf. Ich drücke so fest ich noch kann. Meine geliebte Klinge gehorcht, ein glucksender Laut folgt. Ich spüre warme Flüssigkeit, wohlig warm und klebrig. Ob Schreie durch den Raum gehen oder ob sich jemand übergibt, weiß ich nicht, das ist mein Augenblick, und diesmal bin ich im Mittelpunkt.

Ich weiß nicht, ob es jedem Menschen nach Geburt, Pubertät, Erwachsenensein und Verlassenwerden ebenso ergeht, aber mein persönlich liebster Moment war, als ich starb. Ich war umgeben von Menschen.


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