| Drucken04.04.2002 

11. Bundesweites Jazznachwuchsfestival (Nico Thom)

11. Bundesweites Jazznachwuchsfestival
Moritzbastei, 4. bis 6. April


4. April:

Spielplatz (Essen)
Esther Kaiser Quartett ?Jazz Poems? (Berlin)
Terence Ngassa Group (Köln)

5. April:

Trio GET (Berlin)
Radiobliss (Essen)
Kristofer Benn Quartett (Berlin)
Live Bait (Düsseldorf)

6. April:

Barton Vink (Essen)
Stinksteefl (Essen)
Exotische Früchte der Saison (Berlin)
Garcia Orchestra (Köln)


Neue Jazzperspektiven

Bert Noglik und Frank Heinecke gebührt der Dank. Die beiden Organisatoren des Festivals protegieren seit nunmehr elf Jahren den Jazznachwuchs im Lande, indem sie jungen Musikern und Musikerinnen ein Präsentationsforum bieten. Bei dieser Gelegenheit kann man sich von den multilateralen musikalischen Aktivitäten auf Bundesebene ein Bild machen. Ein repräsentativer Querschnitt wird dem Leipziger Publikum auf diese Weise zuteil.

Aus über dreißig Einsendungen wurden elf Projekte ausgewählt. Die Stilistiken hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die jungen Bands frönten keinem konventionellem
?2-5-1-Session-Gedudel?, sondern pflegten ihre Ecken und Kanten. Das verbindende Element war der Jazz. Die erfrischenden Beiträge bewiesen wieder einmal, daß man den Jazzbegriff von Tag zu Tag aufs Neue zu definieren hat. Zeitgenössischer Jazz läßt sich nicht auf Schlagwörter herunterbrechen. Dort wo er für einige anfängt, hört er für andere auf.

Das Trio ?Spielplatz? (Saxophon, E-Bass, Drums) spielte eigene funklastige Stücke, rhythmische Versetzungen. Das digital verfremdete Alt-und Baritonsax von Katrin Scherer bewegte sich schlafwandlerisch über die offene Fläche der bestens aufeinander eingespielten Rhythmusgruppe. Die unangestrengten Kompositionen boten viel ?Platz? für musikalische Interaktion und die Band ?spielte? darauf. Das ?Esther Kaiser Quartett ? Jazz Poems?, um die Sängerin Esther Kaiser, knüpft Verbindungslinien zwischen Lyrik, Gesang und Jazz. Die etwas übertrieben theatralische Ausstrahlung der Sängerin wirkte sich zwar nachteilig auf den Gesamteindruck aus, dennoch konnte sowohl sie, als auch ihre Band mit einem breit angelegten Repertoire, mit Kompositionen von Chick Corea, Astor Piazolla, Richie Beirach und eigenen Stücken, ansprechen. Die ?Terence Ngassa Group?, um den aus Kamerun stammenden Trompeter, legte knackige Bläsersätze und hitzige Riffs vor. Virtuose Soli korrelierten mit balladeskem Einfühlungsvermögen. Das afrikanische Temperament des Trompeters ist in die vielschichtigen Arrangements eingeflossen und übertrug sich auf die Spielfreude der Band und die Stimmung im Publikum.

Das ?Trio GET? (Altsax, Piano, Drums) bewegte sich im freien Raum. Improvisatorisch durchforstete man die eigene und die Einbildungskraft des Publikums. Hier war Musikalisches von Geräuschhaftem kaum noch zu trennen. Mit roten Köpfen und wunden Fingern spielte man nach eigenem Bekunden gegen Rechtsextremismus und für die Nischenexistenz im Jazz. Jugendlich locker, mit viel Spaß und einer guten Portion Coolness, musizierten ?Radiobliss? (Gitarre, Baß, Drums). Surfrock, Reagge, Funk und Bluegrass waren ebenso erkennbar, wie die Freude, die dieser Auftritt den jungen Männern machte. Das ?Kristofer Benn Quartett? aus Berlin hatte entspannte Sounds im Gepäck. Der Sänger Kristofer Benn stellte das aktuelle Programm ?mellow tones? vor. Die Noblesse der Band konterkarierte zwar ein wenig mit der eigenwilligen Gesangstechnik Benns, aber schlußendlich entstand eine bemerkenswerte Liaison. ?Live Bait? wandelte hingegen auf bewährten Pfaden. Man spielte weitestgehend Mainstream-Jazzrock. Die angenehm kopflastige Musik der Band fand in einer fünfundzwanzigminütigen Suite ihre adäquate Form.

Das Quartett ?Barton Vink? aus Essen kam mit einer äußerst rhythmischen Musik daher.
Die Mischung aus Kontemplation und gebrochener Rhythmik machte den Reiz dieser Band aus. Miriam Frank's Kompositionen erinnerten ein wenig an das Dave Holland Quintett, wobei ihre Eigenständigkeit unbestritten ist. Für mich der Geheimtip des Festivals! ?Stinksteefl?, ein Duo, bestehend aus E-Gitarre und Schlagzeug, hinterließ einige Fragezeichen. Irgendwie konnte sich ihre Musik nicht entfalten. Zu abgeschnitten und zerfasert waren die einzelnen Parameter dieser Musik. Kaum baute sich eine Idee auf, wurde sie von belanglosen Spielereien verdrängt. Strukturierter kamen da schon die ?Exotischen Früchte der Saison? daher, wenngleich man deren Musik als strukturiertes Chaos bezeichnen sollte. Die Kompositionen von Sandra Weckert bewegten sich auf einem humoristischen Terrain. Die Affinität zur Groteske war das wesentliche Merkmal dieser Stücke. Skurril waren aber auch die Soli der einzelnen Ensemblemitglieder. Das ?Garcia Orchestra? der Drummerin Alexandra Gerhard-Garcia beschloß das Festival mit abgestandenem Fusion, wie man ihn aus den achtziger Jahren kennt. Unklar blieb, was diese Band auf einem Nachwuchsfestival zu suchen hatte, da alle Bandmitglieder der lieblichen Jugend längst entwachsen sind.

(Nico Thom)

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