Tom Fischer | Drucken12.06.2003 

Der Blaue auf dem WGT

Das 12. Wave-Gotik Treffen ist zu Pfingsten 2003 wieder in Leipzig

Komplett azurblau gekleidet, und somit wenigstens den Unicolor-Gedanken des Schwarztreffens aufgreifend, macht sich der Blaue auf, vier Tage lang zu gucken, zu lernen und zu verarbeiten.

Was ist das Wave-Gotik-Treffen?
Trotz der zahlreichen Musikacts ist es mehr (Zusammen)Treffen und (Schwarze) Messe als ein typisches Festival. An mehreren Veranstaltungsorten (Agra, Werk II, MB, Haus L.E., Haus Auensee, Cinestar u.a.) gibt es Lesungen, Fotoausstellungen, Kurz- und Kinofilme, Mittelaltermarkt, Rollen- und Ritterspiele, Theater- und Varietévorstellungen, Fetischveranstaltungen, Szene DJs und Live-Bands, wie auch mittelalterliche Musik und vieles mehr zu bestaunen.

Ziemlich viel für einen Menschen an vier Tagen und mehr als ein Dutzend offiziellen Veranstaltungsorten.

Also nimmt der Blaue den Veranstaltungsplan, faltet ihn zusammen, steckt ihn in den Rucksack und zieht (zeit)planlos davon, auf der Suche nach Inspiration und Impressionen, nach dem Betrachten und Begreifen eines vielschichtig angelegten Lebensgefühls.

Oder eines lapidaren Modetrends?

Auf dem Agra-Gelände tut sich eine wahre Modenschau vor den gleichfarbigen Augen des Blauen auf. Neben den verschiedenen, überwiegend zu sehenden eher klassischen schwarzen Netz-, Latex-, Nylon- oder Samtkleidungen finden sich Männer mit Schottenröcken oder Mittelalterschurz, Frauen mit weißem Brautkleid oder barockem bis mittelalterlichem Brokatbombast. Wie aber passen dann Männer mit Strapsen und/oder Minirock in dieses Bild?

Da am Abend die Band Laibach erwartet wird, sind auch kleinere Grüppchen zu sehen, deren Auftreten mit dem Attribut `Erzkonservativ´ verniedlicht werden kann. Die auf den gesamten Tag verteilten `Live´-Auftritte arten dann doch zu sehr in eine Grufti-Playback-Show aus. Der Blaue könnte es ja akzeptieren, wenn zu fertigen Mini-Disc- oder Dat- Einspielungen ergänzend live gespielt würde, dass sich aber z.B. ein Hampelmann an ein E-Drum Set stellt, davor rumzappelt und ganz merklich nur so tut, als würde er die Schläge, die zu hören sind, selbst erzeugen, wozu er ganz augenscheinlich nicht in der Lage ist, das gleicht für den Blauen an Scharlatanerie. Das unmotivierte Herumgewippe der Keyboarder oder der hinter einem Keyboard stehenden Wesen, von denen man nie weiß, was sie dazuspielen oder was sie nur vortäuschen zu spielen, ging dem Blauen schon immer auf den Keks, und hier gibt es das nun den ganzen Tag im Halbstundentakt.

Da geht der Blaue lieber über die Verkaufsmesse und findet - was Zufall! - auf einem CD-Grabbeltisch zwei CDs, auf denen er unter der `special thanks´ Kategorie gegrüßt wird. Schmunzelt und geht weiter, vorbei an Headshop-Artikeln, Gasmasken, Latex-Kleidung und unzähligen Fanartikeln der Szenemusik, die sich so schwer eingrenzen lässt. Da sieht man alle möglichen Raritäten. Auch die Superikonen Depeche Mode finden sich darunter, die doch eigentlich als Mainstream-Synthipopper berühmt geworden sind. Und trotzdem werden sie mindestens genauso verehrt, wie The Cure und Sisters of Mercy, die die Ursuppe dieser Bewegung angerührt und abgeschmeckt haben. Oder auch The Mission, die nicht so elektronisch klingen, jedoch inhaltlich-atmosphärisch wie auch modisch Trendmetronom dieser seit den Achtzigern so urknallartig expandierenden Szene waren und zusammen mit den heutigen Kronprinzen immer noch sind.

Allein diese Verkaufsmesse umfasst sowohl die Faszination wie auch die Kritikpunkte dieser inhaltlich diversifiziert auftretenden Gemeinschaft. Unter anderem aus der Punkbewegung heraus entstanden, wurden anti-kapitalistische und gesellschaftsabgewandte Haltungen mit neuromantisch-mystischen Abgrundssehnsüchten gepaart und vor allem durch Musik und Poesie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht.

Auf dieser Basis erscheint dann eine Verkaufsmesse genauso fragwürdig wie die gesamte Veranstaltung, doch es liegt letztlich an den Besuchern, wahlweise den Kommerzialisierungs- oder den Eventcharakter zu zelebrieren. Und so fällt dem Blauen auf, dass es zwar kein übermäßiges Kontakten gibt, aber im Großen und Ganzen jeder den Anderen akzeptiert und respektiert, sei er Extremfetischist oder bloßer Epigone, sei er kreativ oder von der Stange bekleidet, schwarz oder azurblau. Keine `Wie sieht der/die aus!´ Blicke, keine `Was will die/der hier!´ Gesten.

Eine willkommene Abwechslung für den Blauen, der doch allzu häufig jene Intoleranzsymptome im Alltags-Leipzig sehen und ertragen muss. Der Blaue jedenfalls fühlt sich immer noch zu unwissend und zu wenig verstehend. Deshalb unterhält sich mit einigen Teilnehmern des Treffens. So sieht er am Sonntag auf dem Agra-Gelände ein etwas verlassen auf einer Wiese sitzendes Mädchen. Nach einigem Nachfragen erfährt er, dass sie extra aus Portugal zum Wave-Gotik-Treffen angereist ist, und damit sich der Aufwand lohnt, noch einige Tage in Prag dranhängen wird.

In gebrochenem Englisch erzählt sie dem Blauen von ihren Lieblingsbands, die allesamt nicht anwesend sind. Sie beschwert sich über die Scooteresken Beats, die in der Messehalle vorherrschen, und man ist sich schnell einig, dass die Kommerzialisierung und die damit einher gehende künstlerische Gleichschaltung schon bedrohlich Oberhand gewonnen haben. Originalität und Eigenständigkeit sind im hier anwesenden Musikbereich selbst mit dem alles in Atome zerlegenden Neutronen-Elektronenmikroskop der PTB Braunschweig schwer zu finden. Epigonie und Einfalt herrschen leider vor.

So sind die wirklichen musikalischen Superstars der Szene doch eher in dem Nebel der Achtziger zu suchen, und so waren in den letzten Jahren die Topacts die 80er-Comebacker oder Legenden Alphaville, Witt, Camouflage, The Mission oder Soft Cell. Und auch dieses Jahr darf ein 80er Act seiner Comebacktour einen Auftritt beim WGT hinzufügen. DAF, die ehemaligen 80er Provokateure (Der Mussolini), deren damalige Tabubrüche heute nach Reality-TV und gezielten Kommerzprovokationsprojekten wie Eminem oder TaTu mehr als obsolet wirken, traten am Freitag zum viel umjubelten Konzert zur Mitternacht in der Messehalle auf dem Agra-Gelände auf.

Richard aus Belgien, begeisterter Project Pitchfork-Fan, ist ebenfalls enttäuscht, dass weder diese noch ihre Dresdner Klone aus Klotzsche, die Absurd Minds, der Geheimtip der letzten zwei Treffen, am Start sind. Musikalisch freut er sich besonders auf Wayne Hussey (Ex-The Mission). Ansonsten aber genießt er lieber die `Community´, wie er es ausdrückt. Leipzig wird in diesen Tagen zum Dark-Wave-Fetisch Modelaufsteg und zur Grufti-Kontaktbörse. Richard betont, er trage nur echte Gummi-Oberteile, kein Latex.

Sein Gummi-Oberteil zerrissen hat Kasimir M. aus Pillnitz beim letztjährigen Treffen, damals sein achtes. So fragt der Blaue den frischen neunfachen Teilnehmer ein wenig aus, und er erzählt von polnischen Raubkopien oder verrauschten Kassettenaufnahmen seiner Idole in der DDR der 80er. Den nächsten Depeche Mode Remix zu ergattern, das war damals eine freudige Zukunftsaussicht, sich einmal mit 30.000 Szeneristen aus mehr als 30 Ländern zu einem viertägigen Austausch dieses Kalibers in Leipzig treffen zu können, davon wagte er damals, DT 64 hörend, nicht zu träumen.

Als der Blaue ihn bittet, ihm noch einige Faszinationen und Geheimnisse der Szene näher zu bringen, entschuldigt sich Kasimir M., da er los müsse, um pünktlich zur `Heiße Eisen Show´ im Werk II zu kommen.

So verbringt der Blaue noch weitere zwei Tage orientierungslos, findet doch noch Bands, die Instrumente live spielen, hört Horror-, Psycho-, Gothic- und Chaosliteratur, verirrt sich im Heidnischen Dorf, trinkt warmen Met, quatscht noch unzählige dunkle Gesellen meist erfolglos an, wundert sich, wie sich überhaupt jemand die Herr der Ringe-Doppelvorstellung mit integrierter Lesungspause (MYK Jung: Herr der Ohrringe) am Pfingstmontag antun soll, verpasst viermal in Folge das Absinthfrühstück im Sixtina und geht dann irgendwann am Montagabend mit der Erkenntnis nach Hause, dass diese Schwarze Szene doch recht bunt ist, mit allen politischen, künstlerischen und menschlichen Schattierungen ausgestattet.

Fröhlich-frühlingshafter Britpop dröhnt aus den Boxen, während der WGT-Blaue in brauner Cordhose und orangefarbenem T-Shirt das WGT reflektiert.

12. Wave-Gotik Treffen

Pfingsten 2003

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