Anja Scharruhn | Drucken15.10.2008 

Tradition muss keine Bürde sein

Das Gewandhaus-Quartett spielt Günter Neuberts Auftragswerk "Streichquartetts Nr.2" zum Jubiläumskonzert

Mit einem zauberhaft gespielten Adagio aus Haydns frühen Sonnenquartetten verklang das überaus gelungene Jubiläumskonzert zum 200jährigen Bestehen des Gewandhaus-Quartetts. Von Blumen und Präsenten überhäuft, verabschiedeten sich die vielgeliebten Söhne der Stadt in die Garderobe, um sich anschließend bei Signierstunde mit Sekt beim treuen Leipziger Publikum zu bedanken. Zuvor boten Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Olaf Hallmann, Jürnjakob Timm auch dieses Mal ein wohl durchdachtes Programm, das uraufgeführte Werke früherer Besetzungen sowie die Uraufführung des Streichquartetts Nr.2 von Günter Neubert enthielt.

Das Ensemble zeigte sich bestens vorbereitet und musizierte auf allerhöchstem Niveau. Auch wenn es gelegentlich minimale Unsauberkeiten gab und man sich von Frank-Michael Erben hier und dort leidenschaftlichere Ausbrüche gewünscht hätte, so war man doch von der ersten bis zur letzten Note vom symbiotischen Musizieren dieser Ausnahmekünstler hingerissen.

Frank-Michael Erben glänzte im hübschen Streichquartett des jungen Max Bruch gleich zu Beginn mit samtenem Ton über der behutsamen Begleitung der Unterstimmen. Günter Neuberts Streichquartett Nr.2 forderte alle Musiker in gleichem Maße. Es basiert deutlich hörbar auf einer neuntonigen Reihe. Die Satzüberschriften Anläufe, Innehalten, Auflösungen und Unaufhaltbar beziehen sich auf musikalisch formale und emotionale Zustände. Neubert komponiert fasslich, den Gegebenheiten der Streichinstrumente entgegenkommend, auch unter Einbeziehung moderner Spieltechniken. Wilde Experimente, aber Fehlanzeige. Mit den wunderbaren Streichquartetten Robert Schumanns ist das Leipziger Publikum bestens vertraut. Das Gewandhaus-Quartett befand sich in seinem Element und machte dem Komponisten alle Ehre.

Ein Jubiläum lädt ein, sich den Wert des Vergangenen bewusst zu machen. Historischen Quellen zufolge fanden vier Gewandhausmusiker am 12. Oktober 1808 erstmalig zusammen und begannen, regelmäßig Kammermusikabende zu veranstalten. Damit ist das Gewandhaus-Quartett die älteste Streichquartett-Formation der Welt, die selbst das 20. Jahrhundert hindurch bestehen blieb. Bedeutende Musiker wie Karl Suske oder Friedemann Erben prägten sie.

Eine große Tradition kommt jedoch nur in ihrer ebenbürtigen Fortführung zur Geltung. Dementsprechend waren ehemalige Quartettmitglieder gekommen, um der heutigen Besetzung zu lauschen. Dass in dieser ausnahmslos Absolventen der Leipziger Musikhochschule und zugleich drei Söhne ehemaliger Mitglieder spielen, ist einmalig. Und so kann angesichts dieser überzeugenden Darbietung mit viel Zuversicht auf die nächsten zweihundert Jahre angestoßen werden. Zum Wohl!

Kammermusik - 200 Jahre Gewandhausquartett

Gewandhaus-Quartett: Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Olaf Hallmann, Jürnjakob Timm
Max Bruch (1838-1920): Streichquartett c-Moll op.9
Günter Neubert (geb. 1936): Streichquartett Nr.2 (für J.S.B.)
Uraufführung - Auftragswerk des Gewandhauses zu Leipzig
Robert Schumann (1810-1856): Streichquartett a-moll op.41 Nr.1

12. Oktober 2008, Mendelssohn-Saal

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