Friederike Haupt | Drucken08.05.2004 

Jenseits von jedem

Die dritte Leipziger „Pop Up”-Messe: Die Independent-Szene macht Musik und versucht,sich zu definieren

Wer sind wir und was wollen wir? - eine in der Welt der Popmusik recht selten gestellte Frage. Nicht weiter verwunderlich, muss man hinzufügen, verfügen doch viele im sogenannten Musikbusiness lediglich über einen Reflexionshorizont mit dem Radius eines Bierdeckels. Wer sind wir und was wollen wir?, fragten sich auf der dritten Leipziger Messe für Independent-Popkultur, (Pop Up genannt, Labelmacher und Musiker bei einem Diskussionsforum und klärten erst einmal ausführlich, was sie nicht sein wollen. Demnach ist man noch lange nicht independent (in diesem Kontext eindeutig positiv konnotiert und mehr bedeutend als die bloße Übersetzung "unabhängig"), wenn man "Fickt das System" ruft, seit drei Jahren auf's Immergut-Festival fährt, oder, einen vermeintlichen Bohemien-Lifestyle zelebrierend, frühestens um 11 Uhr aufsteht. Das ist ja schon mal beruhigend. Als "Zeltlager für Trainingsjackenkids" wollten die Diskutierenden die Independent-Kultur allerdings auch nicht verstanden wissen, und es erschien ratsam, sich jenseits des Forums ein Bild vom "Indie"-Selbstverständnis zu machen - zumal die Messe dazu Gelegenheit genug bot.Messe

Samstags um etwa 10:30 Uhr im Werk II: Übernächtigt aussehende Mitzwanziger schleppen Boxen in die kleine Messehalle, drinnen sind die Stände zwar teilweise schon aufgebaut, nicht aber besetzt; die Halle, mit ihrer dämmrigen Beleuchtung und dem klischeeverdächtigen Connewitzer Gammelcharme eine Art überdimensionierter Proberaum, füllt sich erst gegen Mittag. Etwa 120 Aussteller, größtenteils Labels, aber auch Musikmagazine, Bookingagenturen, Radiosender und Vertriebe, haben ihre kleinen Tische aufgebaut. Stolz werden die eigenen Produkte präsentiert: CDs, Platten (der Independent-Insider spricht da von Vinyl), Kataloge und Plakate. Kaufen ist erwünscht, Reinhören auch, Fragen zu den Künstlern stellen ganz besonders. Eine ungewöhnliche Atmosphäre, vergleicht man einmal die (Pop Up mit anderen Messen wie zum Beispiel der Leipziger Buchmesse: keine gierigen Kinder rennen auf der Jagd nach schicken giveaways herum (obwohl die Labels viele mitgebracht haben: kostenlose CDs, kostenlose Buttons, kostenlose Sticker - ein Sammelsüchtige-Schüler-Paradies! Die angereisten Labelvertreter nehmen sich Zeit für Gespräche, sind gut gelaunt und kompetent (auch wenn sie, wie ein Aussteller berichtet, erst in der Nacht zu Samstag in einem klapprigen Golf aus der Schweiz angereist sind). Aus ganz Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz hat man sich auf den Weg nach Leipzig gemacht; die (Pop Up ist schließlich die größte Musikmesse Deutschlands nach der Popkomm - ein Vergleich soll der Popkomm an dieser Stelle erspart bleiben. Bezeichnend jedenfalls, dass Aussteller sich in Leipzig durchaus auch mal ausschließlich mit einem Luhmann-Zitat (so das Goon Magazin aus Berlin) oder mit dem Wunsch, "nicht den Sumpf urbar zu machen, sondern den Morast zu kultivieren" (Swamp Room Records) im Programmheft vorstellen.

Erfreulich ist vor allem, dass angesichts der sehr erschwinglichen Standgebühren auch viele sehr kleine, aber interessante Aussteller (wie zum Beispiel das Label Das Blumenmädchen oder auch das Leipziger Uni-Radio Mephisto 97.6) neben den Independent-Größen wie Kitty-Yo oder L'Age D'Or/Ladomat ihren Platz fanden. "Wir sind die Guten", ist das Motto der Messemacher, und dass sie weder schlecht noch böse sind, steht hiermit fest.Musik

Neben der eigentlichen Messe am Samstag gab es im Rahmenprogramm der (Pop Up, wie könnte es anders sein, auch zahlreiche Konzerte in Leipzig. Ob Ilses Erika oder UT Connewitz, MB oder naTo, von Donnerstag bis Samstag wurden jeden Abend mehrere Clubs Schauplatz guter Musik fernab vom Alltäglichen. Waren die Künstler doch einmal etwas bekannter, gingen die Karten umso schneller weg - für Die Sterne etwa waren am Freitag 15 Minuten nach Öffnung der Abendkasse alle Karten verkauft. Da man aber bei der Beurteilung von Musik (wie auch anderswo) zwischen Beachtung und Bedeutung differenzieren muss, sollen an dieser Stelle zwei im Messeprogramm nicht besonders auffällig angekündigte Musiker vorgestellt werden, deren Auftritt (Samstag, 19:05 Uhr, 45 Minuten lang) auf der Werk II-Bühne dennoch ein absolutes, wenn nicht das Highlight der (Pop Up war: nämlich Saalschutz.Saalschutz, das sind zwei DJs aus der Schweiz. Dass aus der Schweiz feine Musik kommt, weiß man spätestens seit den Aeronauten; Saalschutz sind quasi der elektronische Beweis der Hypothese, dass die Schweiz Musik machen kann. Das, was sie machen, nennen DJ M.T. Dancefloor und DJ Flumroc "Techno-Punk"; ihr Hamburger Label ZickZack/What's so funny about, seit Jahrzehnten als Independent-Pionier bekannt, tendiert eher zur Bezeichnung "Metadisko". Passt genau, denn Saalschutz-Musik zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass, eingekleidet in graziöse Popmelodien und tanzbare Mischpultklänge, sämtliche Musikstile, inklusive des eigenen, persifliert, ironisiert und veralbert werden. Schwer vorzustellen?

"Yes yes yooo", ruft M.T. Dancefloor in bester Hiphopper-Manier, um gleich darauf grinsend zu verkünden, dass Schweizer Schokolade und eine Käsefondue ans Publikum verschenkt werden, man sei ja schließlich nicht umsonst aus der Schweiz. "Yeah, party people, Saalschutz in da house", hört man die beiden im Intro ihrer CD "Das ist nicht mein Problem", aber wer sie daraufhin als Dancefloor-Idioten abstempeln will, wird schnell eines Besseren belehrt. "Diedrich Diederichsen, wir lieben dich,/ aber deine Bücher verstehen wir nicht./ Sie sind so introvertiert und originell. Wir kaufen sie und stellen sie ins Büchergestell.", so ein Saalschutz-Text, und es ist davon auszugehen, dass kein Proleten-DJ Diedrich Diederichsen überhaupt kennt.

So geht es kreuz und quer weiter, während Synthie und Drum-Computer alles geben. "Könnt ihr mal eine ausfreakende Menge mimen?", wird zwischendurch das Publikum gefragt, anschließend drücken die DJs wie wild auf irgendwelche Knöpfchen und mischen ein schönes Lied nach dem nächsten zusammen. "Ohne Saalschutz macht das Leben keinen Sinn,/ ohne Saalschutz ist das Dasein ziemlich schlimm", ist auch so einer von den Sätzen, die Saalschutz zu etwas Besonderem machen in der Independent-Landschaft, die sich selbst oft viel zu ernst nimmt; "Das ist ein Popsong mit nicht zu unterschätzender Protestkomponente", heißt es in "Protestpop", um kurz darauf zu enden mit "mangels Wertschätzung hab ich dieses Lied jetzt an dieser Stelle unterbrochen." Da sollten die Gutmenschen-Pop-Macher vielleicht mal besonders gut hinhören. Man könnte noch lange so weiterschreiben über Saalschutz und versuchen, sie einzuordnen (musikalisch bestehen Ähnlichkeiten zu Daft Punk, International Pony und Konsorten).

Aber das muss gar nicht sein; es würde schon reichen, wenn durch Musiker wie eben jene aus der Schweiz bewirkt würde, dass gute Musik, egal ob sie unter Independent, Alternative oder Mainstream läuft, die ihrer Bedeutung entsprechende Beachtung fände.

(Pop Up 2004

8. Mai 2004, Messe Werk II

Bilder:
oben: (Pop Up Bild
unten: Saalschutz

www.leipzig-popup.de
www.saalschutz.com

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