| Drucken18.03.2002 

43. Außergewöhnliches Konzert des Sächsischen Musikbundes e.V. (Enrico Ille)

18. März 2002

Konzertsaal der Musikschule "Johann Sebastian Bach"

43. Außergewöhnliches Konzert des Sächsischen Musikbundes e.V.

Markus Hötzel - Tuba
Jewgenij Feldmann - Klavier


Zoltán Gárdonyi (1906 - 1986): Sonate für Tuba und Klavier (1948/51)
Matthias Drude (1960): Sonate für Tuba und Klavier (1998)
Manfred Weiss (1935): Cappriccio für Tuba und Klavier (1998)
Jewgenij Feldmann (1967): 3 Sätze für Tuba und Klavier (2002, Uraufführung)


Karl Ottomar Treibmann (1936): Tubaballade (1987)
Sofia Gubaidulina (1931): Lamento für Tuba und Klavier (1977)
Jewgenij Feldmann (1967): Sonate für Tuba und Klavier (1999)

Gewöhnlich außergewöhnlich, manchmal außergewöhnlich gewöhnlich

Begegnungen mit einem nicht alltäglichen Instrumentarium


Der klischeeverwöhnte Normalbürger kennt sie aus Blaskapellen, wo sie in scheinbar nimmermüdem Gleichmut zwischen Grundton und Quinte hin und her stampft, der klassisch gebildete Musikkenner erinnert sich an Wagner, Bruckner und Berlioz, Jazzern ist sie noch am ehesten geläufig. Auch die innovativen Komponisten, selbst die sonst nichts auslassenden Avantgardisten gaben sich ohne sie zufrieden. Vorerst, denn mit Hindemiths Sonate für Tuba und Klavier begann dieses gewaltige Blechblasinstrument aus dem Hause der Bügel- und Flügelhörner bedachter zu werden und erhält seit den siebziger Jahren zunehmend Stücke, die seinem möglichen Ausdrucksspektrum angemessen sind.

Während der ersten Takte schaute ich mich kurz um, um einen kurzen Überblick über die Räumlichkeit zu bekommen. Ein Saal in gedämpften Farben, mit bescheiden verzierter Decke und durch gelbliche Lampen in ein warmes Licht getaucht. Die vielen dunkelbraunen Holztäfelungen gaben dem Ganzen zusätzlich eine ernsthafte, fast bedrückende Atmosphäre. Die Musiker wirkten in ihren Fracks ein wenig priesterhaft. Auch im Zuschauerraum viele ernsthaft-angestrengte Gesichter.

Ungeachtet der oben genannten Informationen hatte ich als Normalbürger-Musikkenner-Jazzhörer-Gemisch kaum eine Ahnung, was mich mit den hier gespielten Stücken erwarten würde. Hineingeworfen in eine vorher nicht einmal im Ansatz gehörte Instrumentenverbindung fing ich einen Kampf um positive Annäherung an den Zusammenklang an, den ich bis zum vorletzten Stück nicht beenden konnte.

Schon die ersten Stücke machten es mir sehr schwierig. Zum Beispiel passten mir die motivischen Einwürfe der Tuba in Matthias Drudes (1960) Sonate für Tuba und Klavier, mal düster, mal fanfarisch, überhaupt nicht zu den virtuosen Eskapaden des Klaviers. Deren emotionelle Übersteigerung und unzweifelhafte Brillanz standen in meinen Ohren diametral dem unglaublich warmen und geheimnisvollen Ton der Tuba entgegen. Da halfen auch die Imitationen nichts: Ich hatte das Gefühl, zwei Konzerte auf einmal zu hören, geteilt durch den Kopf meines Vordermanns.

Mit der Cappriccio schien alles besser zu werden. Wie Spielbälle flogen melodische Bruchstücke hin und her, und die Sprünge der Tuba ließen bewundernd aufschauen. Doch kaum versuchte ich, in der mühsam errungenen klanglichen Integrität eine sinnvolle Struktur zu erkennen, brach alles zusammen, und ich stand vor unerklärlichen Bruchstücken meiner Erinnerung. So konnte ich den anwesenden Komponisten Manfred Weiss leider nur aus Höflichkeit beklatschen.

Das uraufgeführte Stück von Feldmann brachte den ersten Durchbruch. Jewgenij Feldmann komponierte schon frühzeitig, größtenteils inspiriert vom Musiktheater. Die Zusammenarbeit mit dem Tubisten Hötzel gab den stark vertretenen dramaturgischen Elementen aber auch besondere Formen der Virtuosität bei, die sonst kaum verwendet werden. In den 3 Sätzen schuf die dunkle Stimmung in beiden Instrumenten erstmals eine Einheit, mit der ich mich identifizieren konnte. Dumpfes Grollen und aufblitzende Spitzentöne in episodenhaften Einblendungen brachten das Stück langsam ins Rollen, erinnerten natürlich nicht nur an konzertantes Musizieren. Auch verlor ich in einem unruhig zwischen Form und Freiheit pendelnden Fugato oft den Faden, erst den, der zwischen den Musikern bestehen sollt, und dann den zur Musik überhaupt. Wieder fehlte zu einer guten Beziehung noch ein gutes Stück.

In der Pause las ich noch einmal die Programminformationen. Ironischerweise kam ich nur bis zu den Stücken, die schon erklungen waren. Also gab es wieder kein Vorbereiten, ich musste weiter aus dem Moment schöpfen. Zu Beginn des zweiten Teils kam Markus Hötzel allein auf die Bühne. Ich atmete auf.

Wirklich schaffte mir die solistische Tubaballade des Leipziger Komponisten Karl Ottomar Treibmann die Möglichkeit, völlig in die klangliche Vielfalt des Blechblasinstruments einzutauchen. Dabei half vor allem die innere Logik, die gewaltvoll aufblühende Töne und schmerzliche Intervallschritte verknüpfte und aufleben ließ. Wie in einem riesigen Atemzug reihten sich die immer größeren Tonsprünge und ihre Motive aneinander, bauten sich die Motive neben- und miteinander auf, um in einem melodischen Abgesang wieder in die Reduktion auf ein einzelnes Intervall zurückzukehren.

Voller Befürchtungen sah ich den viel beklatschten Tubisten hinausgehen. Dabei lenkte mich das sonderbare Design eines runden Lochs in der Künstlertür ab, das den Verbindungstüren zu Küchen ähnelte, erst recht durch das kalte weiße Licht dahinter...

Mit einer anderen Tuba im Arm betrat Markus Hötzel in Begleitung seines Pianisten wieder die Bühne. Bedächtig blies er die ersten Töne des Lamentos der russichen Komponistin. Und plötzlich eröffnete sich eine völlig andere Klangwelt. Hier spielten die Instrumente wirklich gemeinsam. Hier bauten beide an den selben klanglichen Bauwerken, schufen eine gleichartige semantische Fülle. Aus den klagenden Lauten der tiefen Klavierstimmen und aus dem verzweifelten Dröhnen der tiefsten Tubatiefen drang derselbe Ausdruck. Und die große Welle an aufgeschichteten Tongebilden ließ mich nur noch an eine Musik, in keinster Weise aber mehr an schwer Vereinbares denken. Dennoch erschien jedes der Instrumente trotzdem in seiner eigenen Sprache. Die Motive der Tuba grenzten an individuelle sprachliche Äußerungen. Das Klavier konnte über weithin verschleierten Phrasen seinen mystischen Reiz ausspielen. Schließlich aber verliehen die deutlich erkennbare Stringenz des Aufbaus dem Stück den kostbaren Wert der Nachvollziehbarkeit.

Völlig versöhnt mit der Besetzung wartete ich nun ungeduldig auf das weitere Stück von Feldmann. Wieder begann die Tuba solistisch, und plötzlich schienen ungeahnte Läufe und Intervallsprünge die Tuba in ihre virtuosen Geschwister aus den höheren Lagen zu verwandeln. Dann setzte das Klavier mit ein, und ich freute mich über das neugewonnene Gespür für den Zusammenklang. Doch zunehmend kroch Enttäuschung bei mir ein. Plagiative, längst bekannte, formelhaft-abgedroschene Tastaturfiguren und affektive Andeutungen sahen im Vergleich zum vorher Erfahrenen ziemlich blass aus. Debussy klang mir in den Ohren, wie er die Besucher von Virtuosenkonzerten mit denen eines Zirkus' vergleicht, und ich starrte sehnsüchtig zum Loch in der Tür.

Wahrscheinlich spielte mir diese Enttäuschung am Ende auch einen Streich, aber ebenso bei der sehr amerikanischen, amerikanischen Zugabe konnte ich ein heftiges stilistisches Unbehagen nicht abwehren. Und so ging ich etwas enttäuscht und unzufrieden, aber um eine große und neue Klangerfahrung reicher schließlich nach Hause.

(Enrico Ille)

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