Alessa Paluch | Drucken18.05.2007 

Die Rehabilitation der Uncoolness

Am Ende siegt das Talent: Whitest Boy Alive und The Robocop Kraus spielen im Conne Island

Wann kommt es tatsächlich mal vor, dass die Jungs, die auf der Bühne stehen, weniger prätentiös sind als ihr zahlreiches Publikum und von diesem doch gefeiert werden wie die Verheißung eines "less ordinary life"? Auf einem The Whitest Boy Alive Konzert! Es ist ein Phänomen: Auf einem solchen Konzert huldigen modisch top ausgestattete Männer und Frauen Musikern, die sie definitiv auf der Straße nicht einmal registrieren würden.

Der Abend beginnt um kurz nach Neun im außerordentlich vollen Conne Island mit der norwegischen Band Grand Island. Fünf Jungs, die aussehen wie Philosophiestudenten und rocken wie Rock'n'Roll-Altmeister. Allerdings ohne deren Posen und Arroganz: "My beautiful brother will sell our record afterwards!" sagt der Sänger und meint den Banjo spielenden Gitarristen neben sich! Der Keyboarder gibt alles an Körperlichkeit, was sein Instrument hergibt. Er und die beiden Gitarristen schütteln ihre Haare in wunderbarer Hingabe. Eine gute Vorband für den heiß ersehnten Hauptakt, der zwar wider erwarten nicht The Whitest Boy Alive ist, sondern The Robocop Kraus. Das aber macht gar nichts, kommt man so doch schneller in den Genuss des Wunderkinds Erlend Oye.

Es ist schwer zu beschreiben, aber die Musik des neusten Projekts des Röyksopp aufwertenden Kings-of-Convience-Helden ist astreine, perfekt popelektronische Gitarrenmusik, die gleichzeitig Bewegung der Füße und der Hüften erzwingt und ein entrücktes, seliges Dauergrinsen in jedes, ja wirklich jedes Gesicht brennt. Langsam steigern The Whitest Boy Alive ihr Tempo, mit jedem Stück gerät das Publikum näher an eine religiös anmutende Ekstase. Es klingt übertrieben, aber Erlend Oye, die Verkörperung des 80er Jahre Nerds und die Vertonung der tanzbaren Melancholie in einem, macht glücklich. Der Applaus am Ende des Konzerts zeugt davon.

Danach strömen erst einmal alle ins Freie. Die Hoffnung ist groß, dass einige nicht zurückkehren. Es ist viel zu voll und die so dringend benötigte Bewegung so gut wie unmöglich. Doch ist man geradezu euphorisiert, hofft auf Robocop Kraus und deren energiegeladene Musik als Ventil für das überbordene Glücksgefühl, vermittelt durch deren Vorgänger.

Aber natürlich können Robocop Kraus im Angesicht solcher Brillanz nur verlieren. Das Publikum ist gespalten: Die Tanzwütigen hüpfen und springen, der Rest ist gelangweilt oder gar genervt. Die Pausen zwischen den Liedern sind scheinbar endlos lang und die Jungs selbst nicht mehr ganz fit. So oder so ist man ernsthaft erschöpft, und nach einem letzten Aufbäumen - als Erlend Oye zur Zugabe zum Tanzen zwischen die Batik-T-Shirts tragenden Robocop Kraus springt - schleppt sich doch der Großteil des Publikums nach Hause. Mitleid hat man da mit Kommode, die die sogenannte Aftershowparty bestreiten, zu der wohl nur der hart gesottenste Kern bleibt.

Dieser Abend, trotz und wegen der Unterschiedlichkeit der jeweiligen Musik, führt zu der unglaublich gut tuenden Erkenntnis, dass man sich keine Sorgen mehr machen sollte um belanglose Dinge wie Aussehen oder Style. Denn auch in dieser oberflächlichen Welt zählt am Ende vor allem Talent. Selbst mit dem Aussehen eines Philosophiestudent, als bebrillter Nerd oder im Batikshirt kann man verdammt cool sein!

Whitest Boy Alive & The Robocop Kraus

10. Mai 2007, Conne Island

www.whitestboyalive.com

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