| Drucken24.05.2001 

André Campra – L’europe galante, opéra-ballet (Michael Maul)

24. Mai 2001, Musikhochschule Leipzig, Großer Saal

André Campra ? L?europe galante, opéra-ballet (EA Paris 1697)

Gesamtleitung: Susanne Scholz
Choreographie, Kostüme und szenische Gestaltung: Jutta Voß
Barockgestik und szenische Konzeption der ersten 3 Entrées: Margit Legler
Einstudierung Gesang und Chor: Maria Jonas und Gundula Anders
Barockorchester der Fachrichtung Alte Musik
Solisten:
Venus: Sun-Young Lee
La Discorde: Elke Voigt
Weitere Solisten in verschiedenen Rollen:
Susanne Krostewitz, Ulrike Mahlo, David Erler, Hans-Christian Lohs,
Michael Schaffrath, Hans-Christian Lohs, Ulrich Barthel, Mathias Kiesling

Das vereinte Europa im Zeichen der Venus
Oder glückliche Umstände einer nicht stattgefunden habenden Enthauptung

Der Liebhaber französischer Barockoper wird in Leipzig nicht gerade verwöhnt. Zwar schien es Anfang der neunziger Jahre des nunmehr vergangenen Jahrhunderts, daß der Extravagantes liebende, nunmehr scheidende Intendant der Oper, Udo Zimmermann, seine Liebe zu Rameau entdeckt hätte. Doch sein Vorsatz, fünf Bühnenwerken des Franzosen auf den Spielplan zu bringen, blieb ein Luftschloß.

So kann man es durchaus als eine Pioniertat bezeichnen, daß die Studierenden des Fachbereichs Alte Musik der hiesigen Hochschule für Musik unter Leitung der jungen Barockgeigen-Professorin Susanne Scholz mit Campras "L'europa galante" endlich wieder einmal auf das immer noch viel zu sehr vernachlässigte Barockopern-Repertoire des "Erbfeindes" zurückgriff.
Es handelt sich um ein Werk, daß 1697 in Paris uraufgeführt wurde und wohl die Geburtsstunde der spezifisch französischen Gattung "opéra-ballet" darstellt. Die Handlung ist schnell erzählt: Venus läßt sich mit der Discorde (Zwietracht) auf einen Kampf um die Vorherrschaft in Europa ein. In vier folgenden Akten (entrées) wird dieser Kampf in tanzender und singender Weise zunächst in Frankreich, dann in Spanien, Italien und zuletzt in der Türkei ausgetragen. Jeder Satz besitzt eine eigene Binnenhandlung, die in den ersten drei Ländern eine kleine idyllische Liebesgeschichte schildert. Entsprechend harmonisch geht es auch in der Musik zu, die sich von einem anmutigen Tanz zum nächsten zieht. Kein Zweifel also daran, daß in Europa die Liebe und damit Venus die Vorherrschaft hat, wäre da nicht die Türkei. Hier kommt doch die Zwietracht nach fast drei Stunden noch einmal zum Zuge, was auch der musikalischen Dramatik bedeutenden Auftrieb verleiht, doch muß sie bald die Erde Richtung Hades verlassen und Venus triumphiert mit dem vereinigten Europa um ihre Stärke.

Schreit dieser Stoff nicht förmlich nach einer modernen Inszenierung? Man denke nur an die angestrebte EU-Osterweiterung über den Bosporus hinaus... Dazu hatte man sich glücklicherweise nicht entschlossen! Vielmehr wurde der Abend zur Reflektion eines ganzheitlichen Erlebnisses französischer Barockoper. Denn nicht nur die benutzten Instrumente waren "Original". Vielmehr versuchten die Aufführenden, die allesamt mit dem Pflichtfach "Historischen Tanz" während ihres Studiums konfrontiert sind, auch in der optischen Umsetzung Authentizität zu schaffen. Das bietet sich gerade bei diesem Werk an, liegen von den Aufführungen am Versailler Hof doch noch die originalen Choreographien vor.

Die Umsetzung dieser Vorlagen gelang im mimischen Bereich dem tanzenden Chorensemble - zumal in authentischen Kostümen - sehr überzeugend. In jeder Bewegung sah man hier Beherrschung und den Willen zur bedingungslosen Delikatesse. Nie zu hektisch und mit einer Zartheit, ja fast Zerbrechlichkeit wurden die zahlreichen Tänze gestaltet. Im Mittelpunkt der gestischen Umsetzung stand Jutta Voß, eine Expertin auf dem Gebiet des historischen Tanzes, doch gelang es ihr im Einzelfall weniger überzeugend, gerade diese Delikatesse innerhalb des Französischen Entrée herüberzubringen. Erst als sich das Geschehen Richtung Italien bzw. in die Türkei verlagerte, konnte sie mit schelmischen bzw. tragikomischen Passagen glänzen.

Der Rückgriff auf französisches barockes Repertoire setzt aber neben der zaghaften Gestik auch in der musikalischen Umsetzung besonderes Einfühlungsvermögen voraus. Gar zu sehr unterscheidet sich doch die französische von der deutschen, italienischen bzw. auch der französisierenden Musik dieser Zeit. Begegnet man einem Stück Rameaus oder eben Campras mit einer unbändigen draufgehenden Musizierweise, wie sie etwa bei Biber oder Vivaldi angebracht ist, erreicht man meist nicht den Charme, von dem diese Musik lebt. Da sind zum einen die völlig anderen Phrasierungen, ganz abgesehen von der diffizilen Ornamentik. Wo innerhalb einer Vivaldischen oder Telemannschen 8taktigen Phrase in einem Sonatensatz, Spannung und Entspannung eindeutig zu fühlen ist, muß in einem zerbrechlichen französischen Air stets über die Phrase hinaus gedacht werden und gerade dieses kurzsichtige Spielen zugunsten einer etwas geglätteten, nie aufgesetzten aber dafür weiter gespannten Dynamik birgt dann das eigentlich "Französische" in sich. Auch innerhalb der metrischen Umsetzung ist jegliche Pedanterie der Tod für diese Musik. Hier darf man sich nicht an den Notentext halten, der, wenn er beispielsweise eine Kette von vier Achteln zeigt, doch in Wirklichkeit zwei "Neuntel" und zwei "Siebentel" meint (oder so ähnlich?!).

Kurz gesagt gilt in fast allen Bereichen beim Umgang mit französischer Musik, daß hier weniger meistens mehr ist. Wozu nun dieses verzweifelte Bemühen, diese stilistischen Eigenheiten in unvollkommene Worte zu fassen? Weil sie einfach an diesem Abend wirklich überzeugend beherrscht wurden. Weder das Orchester noch die Sänger zeigten die oft und auch in berühmten Spezialensembles anzutreffenden Probleme, die sicher auch dazu beitragen, daß diese Musik so selten diesseits vom Rhein zu hören ist. Zwar könnte man bemängeln, daß innerhalb des Orchesters der "Authentizitätsanspruch" nicht konsequent eingehalten wurde, saßen doch zwei Cellisten im Ensemble, die wohl zu Zeiten Campras am Versailler Hof mindestens enthauptet worden wären. Auch waren die "24 violons" bzw. die "Les petits violons" (16) an diesem Abend nur 13, aber dies kann alles mit an realen Bedingungen geschuldeter Aufführungspraxis entschuldigt werden und spielt bei einer so selbstverständlich wirkenden Spielweise überhaupt keine Rolle. Zumal die Akustik des neuen Konzertsaals in der Hochschule den durchaus anderen Klangeigenschaften barocker Instrumente nicht im Wege steht.

Auch die vokale Umsetzung geriet vorbildlich. Sun-Young Lee hatte als "Venus" ihre großartigsten Momente in den ersten beiden Teilen, wohingegen die junge Stimme der Discorde, gesungen von Elke Voigt, erst zum Ende, unmittelbar vor ihrer Niederlage und der Rückkehr in die Unterwelt, den ihrem Wesen und Kostüm entsprechenden finsteren Tonfall einer französischen "Königin der Nacht" traf. Susanne Krostewitz, zunächst als Grazie und im dritten Entrée dann als zarte Spanierin, sang und spielte ihre Charaktere mit dem Charme einer unschuldigen Schäferin und mit großem Gespür für Gestik und Phrase.

Besonders gelungen war der Abend aber auch wegen der vier, jeweils das Land des folgenden Entrées vorwegnehmenden Zwischenaktmusiken, die im Foyer in unmittelbarer Nähe des heiß umkämpften Buffets (noch mehr Aufführungspraxis geht nicht!) erklangen. Hier zeigte das Orchester, verstärkt um nunmehr als Lautenist oder Streicher wirkenden Sängern, Stilsicherheit im Umgang mit einem Corelli-Concerto Grosso oder Gespür für Tragikomisches: Etwa bei den herrlich vorsätzlichen Mißachtungen satztechnischer Grundsätze, die z.B. einem Meister Fux für die musikalische Umsetzung der Charaktere einer Turcaria als geeignetes Mittel erschienen.

Alles in allem also ein wunderbar konzipierter, kurzweiliger fünfstündiger Abend, der uns die vergessene Welt des französischen Hochbarocks wieder etwas näher brachte. Vielleicht beehrt uns ja ein zukünftiger, mit französischer Barockmusik sicher vertrauter, Opernintendant dereinst mit einem wirklich starken Rameau - ein aufgeschlossenes Ensemble dafür gibt es jedenfalls in Leipzig!

(Michael Maul)

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