Tobias Prüwer | Drucken18.12.2007 

„Any where out of the world”

Charlotte Wildes Theatermusik jetzt als Doppel-CD zu kaufen

Ein Vogel singt heut, der ist ein Märchenvogel, ich hab ihn schon am Morgen gehört. Ein Wind geht heut, der ist ein Märchenwind, das himmlische Kind, der weckt schlafende Prinzessinnen auf und schüttelt den Verstand aus den Köpfen. Heut blüht eine Blume, die ist ein Märchenblume, die ist blau und blüht nur einmal im Leben, und wer sie pflückt, der hat Seligkeit.
Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer

Den Moment kann man nicht festhalten. Das ist gerade hinsichtlich der schönen, wunderbaren bedauerlich. Aber man kann Erinnerungen an sie bewahren und auch erwecken. Eine solche Funktion wird Any where out of the world für alle haben, die bereits ein Theaterstück gesehen haben, dessen Musik von Charlotte Wilde stammt. Denn die Doppel-CD enthält allesamt Lieder, die Wilde in den vergangenen Jahren im Rahmen verschiedener Produktionen komponiert hat. Und bei wem das Album keine Erinnerungen an poetische Theaterabende evoziert, der kann sich dennoch an der Bildhaftigkeit und dem Variantenreichtum der Melodien erfreuen und über 120 Minuten betören lassen.

Der erste Silberling enthält Kinderstücke. Geige und Tinwhistle begleiten die melancholischen Landschaften, durch die Nils Holgerson reist. Im Flug durchquert er teils zu Folksongs Schweden, tanzt mit wilden Tieren, berauscht sich an der Natur. Danach finden sich luftig-leichte Klavieretüden eingestreut. Diese stammen aus der Adaption vom preisgekrönten Bilderbuch Leonard (Wolf Erlbruch), das von der Verwandlung eines hundescheuen Jungen in einen jungenscheuen Hund handelt. Die Stücke aus Der Hobbit illustrieren mit Geige und Mandoline den Abenteuerurlaub des Bilbo Beutlin, wie er frohen Mutes und forschen Schrittes aus dem Auenland zieht und schließlich auf verschiedene Bewohner Mittelerdes trifft. Da erklingt verzerrtes Ork-Geschrammel und besonders fantastisch geben sich hier die Elben. In piepsiger Vielstimmigkeit erschallt ihr Tirilieren, erinnert an religiöse Gesänge und verknüpft Getragenheit wunderbar mit Ironie. Der Fischer und seine Frau schippern zunächst musikalisch an einem Sommertag gemütlich auf dem Meer und zupfen sich auf der E-Gitarre ein Liedchen. Zu zarten Klängen schwelgt das Paar im neuen Luxus bis schließlich der sprechende Butt erzürnt und Geigen vom Himmel Gewitter, Sturm und ernüchterte Bescheidenheit bringen. Zwischen den verschiedenen Themen sorgen Stücke aus Maria auf dem Seil mittels Spieluhr und Akkordeon für stimmige Übergänge und das verbindende Element.

Auf der zweiten CD ist Musik zu Erwachsenenstücken zusammengetragen, von denen die meisten mit elektronischer Geige und E-Gitarre instrumentiert sind. Mit Wagneradaption und Rocksong ist Die Ballade vom Fliegenden Holländer akustisch inszeniert. In Toccata werden die Phantasmagorien Robert Schumanns mit der Hammondorgel erzeugt. Zwischen Chanson und freier Improvisation changieren die Stücke aus Salomé. Darunter mischen sich Interpretationen eines russischen und eines irischen Traditionals (aus Emigré und Exit. Eine Hamletfantasie) und zum Intermezzo tritt eine zartbesaitete Fee aus dem Sommernachtstraum - reorganisert auf und vollführt auf der Geige ein Tänzchen. Ins groteske Paris des Charles Baudelaire führt schließlich die Musik zu Spleen mit teilweise vertonten, von Kindern eingesprochenen Prosagedichten. Mal schleppend, mal quiekend, aber immer von sonderbarer Anmut zieht das urbane Wasteland am geistigen Auge vorüber. Die CD beendet eine großartige, froschgesichtige Interpretation des Elvis-Klassikers Don`t. Auch der Albumtitel ist Baudelaires Werk entnommen. Any where out of the world - Überall, nur nicht auf dieser Welt, kann sich die Seele einrichten. Besser lässt sich der leise melancholische Grundton von Wildes berückenden Arrangements gar nicht pointieren.Mir ist, als ob ich da glücklich sein würde, wo ich nicht bin...
Charles Baudelaire: Spleen

Charlotte Wilde: Any where out of the world

Theatermusik
2 CDs - 2:08 h

www.figurentheater-wildevogel.de

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach