Stefan Horlitz | Drucken15.05.2004 

Nächtliche Ent- und Verrückungen

Bachfest 2004: Ein nächtliches Konzert mit Vater und Sohn in der Thomaskirche

Ein Tag mit Bach nähert sich dem Ende. Nachtkonzert in der Thomaskirche. Keine Massenveranstaltung; ein kleiner Kreis hat sich im Saal eingefunden, um der Motettenkunst Carl Philipp Emanuel Bachs zu begegnen. Mit den ersten Tönen wird die sängerische Perfektion des Gesualdo Consort greifbar. Glockenhelle Stimmen, jede einzelne wunderschön und brillant - und jeder der Musiker hat zwei Ohren, die auch den anderen lauschen. So entsteht ein himmlischer Kammerchorklang unter der unauffälligen, doch bestimmten Leitung Harry van der Kamps.

Fast eine Stunde kann man sich an daran erfreuen, mit welcher Meisterschaft Carl Philipp Emanuel mit drei, vier, sechs und acht Stimmen umgeht. Satzkunst, die ihresgleichen sucht und sich im steten Dialog mit den Textvorlagen befindet - manchmal musikalisch ausdeutend, manchmal sich entfernend, sich mit den Worten aus der Distanz auseinandersetzend. Zentrales Stück: Die "Neue Litanei". Sie ist von unfassbarer Länge, vom Ausmaße einer mittleren Mozart-Sinfonie. Der zart-fromme Text, die getragene, dabei schlichte Vertonung - ist es himmlisch oder nur nervtötend?

Ein sonderliches Werk, das aber nächtens in der Kirche eine gleichsam hypnotische Wirkung entfaltet. Die Lider werden schwer und im Traumgesicht sitzen C. P. E. und Morton Feldman im Musikerhimmel und sind sich über maßlose Proportionen überraschend einig. Ist es wirklich schon so spät, Gerd?", zischt die Dame hinter mir und stößt ihren Mann kraft Ellbogen aus dem Schlaf. Gerd hatte sich zu einem Nickerchen zurückgelehnt und ich kann es Gerd nicht verdenken.

Zum Schluss noch eine ausufernde Vokalfuge von Vater Bach - wieder in getragenen Notenwerten. Manch einer wird unruhig, manch einer gleitet in die Trance hinüber. Kurz bevor die Aufmerksamkeit des gutwilligsten Hörers verlöscht, reißt die Fuge ab - sie ist Fragment geblieben und van der Kamp hat sie in diesem Zustand belassen. Kein Fortissimo, keine Stretta hätte den Schockeffekt des Nichts, des bloßen Abreißens evozieren können. Die Stimmen verschwinden mit einemmal in der Nacht und sehr, sehr wach und lautstark feiern wir van der Kamp und sein Ensemble. In feierlicher Stille geht es in die Nacht hinaus, mit einer sehr genauen Vorstellung davon, was es heißt, entrückt zu sein.

Bachfest: Nachtkonzert

Werke von C. Ph. E. Bach und J. S. BachGesualdo Consort Amsterdam
Harry van der Kamp, Leitung

15.05.2004, Thomaskirche

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Konzerte am Bachdenkmal

Noch bis zum 27. August gibt es jeden Montagabend um 19 Uhr direkt an der Thomaskirche "Konzerte am Bachdenkmal". Der Eintritt ist kostenfrei.

Express Abstractionism und Yo-Yo Ma

Violoncellistin Yo-Yo Ma ist am 31. August zu Gast im Gewandhaus. Mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Andris Nelsons spielt sie Schostakowitschs 1. Konzert für Violoncello und Orchester in Es-Dur. Zuvor hat an dem Abend das Auftragswerk "Express Abstractionism für Orchester" von Sean Shepherd seine Europäische Erstaufführung.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach