Clemens Harasim | Drucken07.05.2002 

"Danke und gern mal wieder"

Zum Bachfest: La Stagione Frankfurt mit deutschen und französischen Orchestersuiten

"La Stagione Frankfurt gehört zu den führenden Orchestern Europas auf Originalinstrumenten." Ein solcher Satz im Programmheft läßt den Konzertbesucher gemeinhin skeptisch werden: Wird hier werbewirksam unbescheiden übertrieben? Sind die "Originalinstrumente" nicht vielmehr Nachbauten derselben? Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von "führend" sprechen? Unter den im Vergleich zu anderen Konzerten des Bachfestes recht zahlreichen Zuhörern wird es dennoch niemanden gegeben haben, der daran Anstoß genommen hat. Denn: Der mutige Satz wurde durch das Konzert verifiziert.

Das Programm paßte zum diesjährigen Bachfest-Thema "Bach und die französische Musik" wie kein anderes: Der Ouvertüre zu "Armide" von Lully, dem Urvater aller Ouvertüren, folgten solche von den drei großen Deutschen dieser Gattung: Johann Caspar Ferdinand Fischers bereits 1695 gedruckte und bis heute merkwürdigerweise relativ unbekannte Suite Nr. 1 aus "Le Journal de Printemps", Johann Bernhard Bachs wunderbare 1723 entstandene e-moll-Ouvertüre, Johann Sebastian Bachs BWV 1068 sowie die ehemals Bach zugeschriebene Ouvertüre BWV 1070.

Eine Frage drängte sich dem CD-erprobten Hörer an diesem Abend besonders auf: Würden La Stagione auch live solch unglaubliche Tempi vorlegen? Sie taten es. Und zweifellos wurden sie diesen gerecht. Auch wenn man an wenigen Stellen - kaum wirklich störende - minimale Abstriche bei der Sauberkeit machen mußte und auch einige wenige Auftakte beliebig schienen, so überraschte der homogene und gleichwohl abwechslungsreiche Klang des Ensembles. Vom ersten bis zum letzten Paukenschlag hielt die Spannung dieses musikalischen Krimis. Der Mut zur ungemein konsequenten Ausreizung der orchestralen Möglichkeiten erstaunte die Ohren.

Und wirklich: Wo's knallen muß, da knallte es richtig, wo's schwingen muß, schwang es und wo's langsam sein soll, wurde es empfindsam. Tonale Expressivität wurde vorzüglich herausgearbeitet. Die Eingangssätze strahlten prächtig und die Menuette schmeichelten zart. Das Capriccio aus BWV 1070 wirkte bei aller Strenge ungemein tänzerisch. Als ausgesprochen vorteilhaft erwies sich der sparsame Einsatz des Cembalo zugunsten der Theorbe bei den ruhigen Sätzen vor allem in den beiden Bachs. Die Konsequenz des piano der Trompeten im Mittelteil des Eingangssatzes zu BWV 1068 sucht ihresgleichen. Mit einer Selbstverständlichkeit geht dem Hörer ein Licht auf: Nur zu Beginn sind die Trompeten Träger des musikalischen Geschehens - im Mittelteil bilden sie lediglich einen Klangteppich und treten hinter die thematische Arbeit der Streicher zurück, um erst später wieder ihre volle Pracht zu entfalten.

Und auch im übrigen gab es viel neues in bekannter Musik zu entdecken. Nicht einen Moment lang ließen La Stagione den Verdacht der Routine aufkommen. Zitat einer Zuhörerin: "Mich reißt es fast vom Stuhl." Und in der Tat konnte man neidisch auf Dirigent Michael Schneider werden, der nicht gezwungen war, seinen Bewegungsdrang zu bändigen.

Nach nicht enden wollendem Beifall und einer ersten Zugabe gab's mit einem gehörigen Augenzwinkern noch einmal "die Air". In der Tiefgarage steigt die Konzertmeisterin in ihren Passat: "Vielen Dank für das wunderschöne Konzert!" "Danke und gern mal wieder."

Bachfest 2002

La Stagione Frankfurt unter Leitung von Michael Schneider spielt Orchestersuiten von Jean-Baptiste Lully, Johann Caspar Ferdinand Fischer, Johann Bernhard Bach und Johann Sebastian Bach

7. Mai 2002, Mendelssohn-Saal des Gewandhauses

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