Setsuko Makino | Drucken06.05.2002 

Genuß des französischen Geschmacks

Motetten und Kantaten von Johann Sebastian Bach und Jean-Philippe Rameau zum Bachfest 2002

Auch Montagabend klang die Musik von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche zusammen mit der seines französischen Zeitgenossens Jean-Philippe Rameau. An diesem Abend konnte ich das Konzert im Altarraum neben der Grabplatte J. S. Bachs, auf der Lilien, Rosen usw. gelegen haben, das Konzert miterleben, was ein besonderes Erlebnis bedeutete. Ich stellte meinen Stuhl ein wenig schräg, so daß ich mich genau gegenüber vom Orchester, das sich auf der Empore befand, saß. So habe ich die ganze Kirche überblicken und die Musik gewissermaßen vom Platz Gottes aus hören können. Es war ein besonderes Gefühl.

Die Motette ?Lavorabi? von Jean-Philippe Rameau, die den 69. Psalm vertont, eröffnete das Konzert. Durch die Orgel und das Violoncello als basso continuo begleitet, füllte der einzig erhalten gebliebene Chorsatz dieser Motette den ganzen Raum mit einem vollstimmigen prachtvollen Klang. Zudem bot das Leipziger Barockorchester, das auf historischen Instrumenten musiziert, süße abgerundete Klänge, die im Gegensatz zu modernen Instrumenten die klangliche Stimmung der Zeit Bachs ahnen lassen.

Die andere Motette von Rameau, "Quam dilecta", der der 84. Psalm zugrunde liegt, die aber auf etwa die Hälfte gekürzt wurde, beeindruckte mich an diesen Abend am meisten. Die Arie, vorgetragen von der klaren Stimme der lyrischen Sopranistin, Monika Frimmer, führte weiter zur prächtigen vollstimmigen Chor-Fuge, dieser folgten die tänzerische Tenor-Arie und das Terzett von Sopran-, Alt- und Baßstimme nach, und immer wieder kam der massive Chorsatz zum Einsatz. Dieser Wechsel zwischen den tänzerisch beschwingten Arien und den kontrapunktischen mächtigen Chorsätzen stellte einen besonderen Reiz dar, der aus dem Kontrast dieser beiden Gegenpole eine besondere Spannung entstehen ließ. Die Chorstimmen hallten dabei weit in die ganze Kirche hinein, es war ein vorzüglicher Genuß.

Der ersten Motette Rameaus folgte Bachs Kantate "In allen meinen Taten"( BWV 97). Die beiden Kantaten Bachs an diesem Abend gelten als die wenigen seiner Vokalwerke, die an den französischen Stil erinnern und verwiesen somit auf das Thema des diesjährigen Bachfestes "Bach und die französische Musik". Dennoch lassen auch diese Kantaten den "vermischten Geschmack" verschiedener Völker, gemeint sind der italienische und der französische Stil, erkennen und als Synthese tritt zugleich der "deutsche Geschmack" bzw. Stil hervor, wie er von den Musiktheoretikeren späterer Zeiten gepriesen worden ist.

Zum Schluß wurde Bachs Kantate "Höchsterwünschtes Freudenfest"(BWV 194), deren Aufführung durch die Einweihung der umgebauten Kirche am Tor der Stadt Leipzig zustande kam, aufgeführt. Nachdem man durch Rameaus großartige Stück den "französischen Geschmack" kennengelernt hatte, konnte man im Eingangssatz des tänzerisch beschwingten Chors die Form der französischen Ouvertüre erkennen. Die mit dem begleitenden Instrument kontrapunktisch gestaltete, sehr virtuose Soloarie ließ dagegen den "vermischten Geschmack" erahnen.

Ob sich Bach jemals vorgestellt hat, dass nach seinem Tod die Musik seiner französischen Zeitgenossen zusammen mit seiner eigenen Musik an seiner beruflichen Wirkungsstätte zu hören sein würde? Mit diesem Gedanken genoß ich den Abend.

Bachfest 2002

Monika Frimmer (Sop.)
Klaudia Zeiner (Alt)
Martin Petzold (Ten.)
Peter Kooji (Baß)

Leipziger Vocalensemble
Leipziger Barockorchester
Christiane Bräutigam (Orgel)

Leitung: David Timm

06.05.2002, Thomaskirche

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Neues italienisches Kino

Das Filmfestival "Cinema! Italia!" zeigt vom 19. bis 25. Oktober in den Passage-Kinos Leipzig neue italienische Produktionen im Original mit deutschen Untertiteln. Mehr Infos unter www.cinema-italia.net.

DOK Leipzig wird 60

In diesem Jahr haben 113 Filme ihre Welt- und internationale Premiere auf dem Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, das vom 30. Oktober bis 5. November zum 60. Mal stattfindet.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Jetzt Mitglied werden!

Damit der Leipzig-Almanach nichtkommerziell bleibt, brauchen wir Ihre und Eure Unterstützung. Jetzt Vereinsmitglied werden! Als Dankeschön gibt es einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach