Johannes Wilde | Drucken06.07.2002 

Abschlusskonzert des Bachwettbewerbs 2002

Ein festliches Preisträgerkonzert beendet einen zukunftsweisenden Internationalen Bachwettbewerb
Der XIII. Internationale Johann- Sebastian- Bach- Wettbewerb Leipzig anno 2002 wird wohl in die Annalen der Musikgeschichte eingehen. Denn erstmals überhaupt hat die Ausschreibung neben den Kategorien Klavier und Gesang eine gemeinsame Wertung für Barockvioline und moderne Violine vorgesehen - mit einem Programm und einer Jury. Wurde zu vergangenen Wettbewerben viel diskutiert über Ausrichtung und Konzeption, nicht zuletzt auch über die Leipziger Art, Bach zu interpretieren, die nicht immer auf der Höhe der Zeit schien, so darf nun festgestellt werden: Leipzig hat nicht nur verlorenen Boden wieder gut gemacht, sondern sogar eine führende Rolle und Vorreiterschaft im aktuellen Diskurs zur Musik Johann Sebastian Bachs und des Barocks übernommen.

Am Samstagabend bot sich anlässlich des Preisträgerkonzerts im Großen Saal der Hochschule für Musik und Theater die Möglichkeit, die frischgekürten Bachpreisträger mit kleinen Ausschnitten ihres breiten Könnens zu bewundern und einen kaleidoskopartigen Eindruck vom Wettbewerbsgeschehen in den verschiedenen Kategorien zu erhaschen. Nun lässt sich über die tatsächliche künstlerische Bedeutung eines solchen "Schaulaufens der Sieger" durchaus streiten, bewegen sich Abende dieser Art oft irgendwo zwischen Gala und Abgesang. Deshalb geht es dabei auch nicht um Rechtfertigung der oftmals knappen Plazierungen und Preise, sondern um einen würdigen Abschluss eines Treffens internationaler junger Spitzenmusiker. Dazu geriet der Abend denn auch und die Zuhörerschaft im mehr als ausverkauften Saal erlebte gleich zu Beginn die Entdeckung des diesjährigen Wettbewerbs.

Mit welcher kristallinen Klarheit und überirdischen Vollkommenheit der deutsche Pianist Martin Stadtfeld in Bachs c-Moll-Partita einen Kosmos entfaltet, selbst im zartesten piano nichts von seiner Plastizität opfert und dabei große Bögen spannt, blieb an diesem Abend ohne Konkurrenz und hält auch sonst jedem Vergleich stand! Stadtfelds brillante Technik tritt dabei hinter einer geistigen und künstlerischen Reife zurück, die für einen 21jährigen ungewöhnlich ist. Seit 1988 (!) kann Leipzig damit erstmals wieder einen Ersten Bachpreisträger im Fach Klavier feiern, von dem in Zukunft hoffentlich noch sehr viel zum Thema Bach ausgehen wird. Die beiden zweiten Preisträger Andy Brownell (USA) und Eric Fung (Hong Kong) verdeutlichten mit der Toccata fis-Moll BWV 910 bzw. zwei Scarlatti-Sonaten das sehr hohe Niveau der Klavierkonkurrenz.

Weniger Anlass zur Begeisterung gaben die Sänger. Einige der Preisträger offenbarten stimmliche und intonatorische Probleme, was teilweise auf die konzertplanerisch etwas unglückliche Entscheidung zurückzuführen sein mochte, ausschließlich aus dem Zusammenhang gerissene Arien aus Bachkantaten singen zu lassen. Der gewählte Raum erwies sich dabei gerade für die Gesangsdarbietungen als schwere Hypothek. Bei aller Wertschätzung für den neuen Hochschulsaal ist zu fragen, warum man das Abschlusskonzert eines Barockwettbewerbs in einem akustisch so trockenen und glanzlosen Saal stattfinden lässt, der zudem nur einem Bruchteil der Interessierten Platz bietet. Selbst die an diesem Abend hervorragenden Dominik Wörner aus Deutschland und Seung-Hee Park aus Südkorea hatten alle Mühe, die Nachteile dieses Raumes nicht zu sehr ins Gewicht fallen zu lassen. Zusätzlich kämpfen mussten alle Sänger mit dem vom Konzertmeisterpult aus geleiteten und leider enttäuschenden Leipziger Barockorchester, das sehr starr, hausbacken und zudem intonatorisch unsicher agierte und damit die Erkenntnisse dieses Wettbewerbs auf eigene Weise bestätigt. Nämlich, dass es keineswegs ausreicht, einfach Darmsaiten aufzuziehen, um Authentizität der Interpretation beanspruchen zu können. Und umgekehrt, dass auch moderne Geigen sehr wohl barockes Musizieren zulassen.

Dies zeigte die finnische Geigerin Laura Vikman mit einer wunderbar schlank hingezauberten Bach-Sonate für Violine und Cembalo ebenso wie Sonja Starke aus Deutschland mit Bibers an Klangfarben ungemein reichen Passacaglia. Vor allem die bei den Violinen bestplazierte Vikman bestach mit souveräner Stilistik und einfallsreicher Ornamentik, nicht ohne dabei gemeinsam mit der Cembalistin Cornelia Osterwald eine Emotionalität und Musizierfreude verspüren zu lassen, die diese Musik zum höheren Erlebnis werden ließ. Kumiko Yamauchis musikalisch fantastische und technisch über alle Zweifel erhabene Interpretation einer Veracini- Sonate auf der Barockgeige unterstrich noch einmal hörbar, dass das gewagte Wettbewerbskonzept voll aufgegangen ist und sich zur Nachahmung und Neuauflage empfiehlt!

Preisträgerkonzert des Bachwettbewerbs

Leipzig am 6. Juli 2002, Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy, Großer Saal

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