Anja Scharruhn | Drucken23.09.2008 

Beeindruckende Einzelleistungen

Das Chagall-Quartett gibt Debussy, Bartók und Schumann zum Besten

Ein sehr anspruchsvolles und wohl durchdachtes Programm präsentierte das Chagall-Quartett Donnerstagabend im Schumann-Haus. Vier herausragende Studierende der Musikhochschule "Hanns Eisler" fanden sich 2002 unter dem Namen des poetischen Surrealisten Marc Chagall zusammen, um sich der höheren Kammermusik zu widmen.

Im hell erleuchteten, drückend heißen Schumann-Saal, dessen Akustik entgegen vieler Behauptungen eher schwierig ist, spielten Stefan Hempel und Holger Wangerin (Violine), Max Schmiz an der Viola und Jan Ickert am Cello Claude Debussys einziges Streichquartett in g-moll op. 10, Béla Bartóks erstes Werk dieser Besetzung op. 7, sowie Robert Schumanns A-Dur Streichquartett op. 41/3. Die gelungene Zusammenstellung dieser unverwechselbaren Künstler, welche dem tradierten Formmodell des Streichquartetts klanglich und harmonisch neues Gewicht verliehen, versprach ein schönes Konzerterlebnis in musikhistorisch bedeutsamer Umgebung.

Das erst seit sechs Jahren bestehende Ensemble überzeugte weniger mit jahrzehntelanger Erfahrung oder schlafwandlerisch sicherer Abstimmung als mit leidenschaftlicher Spielfreude und Risikobereitschaft. Dank ihrer exzellenten Ausbildung meisterten die jungen Musiker technisch äußerst schwierige Passagen problemlos, nur ganz selten hatte man den Eindruck eines zu forschen Tempos. Für die einführenden Worte von Holger Wangerin an das Publikum, die Verweise auf entscheidende Stellen in Bartóks dreisätzigem, zutiefst spätromantischen Werk oder Schumanns Bezugnahmen auf ältere Komponisten war das Publikum dankbar.

Eine wesentliche Beobachtung soll dennoch nicht unerwähnt bleiben: Trotz der sehr guten individuellen Anlagen bildeten Hempel, Wangerin, Schmiz und Ickert noch keine echte Klanggemeinschaft, die beeindruckenden Einzelleistungen mündeten noch nicht in eine konzentrierte Klangvorstellung. In Gemeinschaft neigten die Musiker zur ungestümen Steigerung. Leider vermochte das Ensemble nicht die Unterschiede der Personalstile Debussys, Bartóks und Schumanns deutlich herauszuarbeiten. Der späte Abend klang mit einer Bach-Zugabe aus. Doch dem Kontrapunctus Nr. 4 fehlte es an der nötigen Transparenz.

Ohne die Leistung des Chagall-Quartetts schmälern zu wollen - es handelt sich um vortreffliche Instrumentalisten! - blieb doch die leise Ahnung, dass Quartett-Spiel mehr als technische Versiertheit und einen warmen Ton erfordert. Die geheimnisvolle Aura legendärer Streichquartette basiert womöglich hauptsächlich auf der Erfahrung im sorgfältigen Miteinander, auf dem Streben nach dem perfekten und doch vielgestaltigen Klang. An solch einer Idee wird sich das Chagall-Quartett in den folgenden Jahren messen lassen müssen.

Chagall-Quartett

Claude Debussy (1862-1918): Streichquartett g-moll op. 10
Béla Bartók (1881-1945): Streichquartett Nr.4 Sz 91
Robert Schumann (1810-1856): Streichquartett A-Dur op. 41/3

11. September 2008, Schumann-Haus

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