Steffen Kühn | Drucken31.01.2014 

Bruckners Neunte leidenschaftlich

In der Berliner Philharmonie dirigiert Zubin Mehta die letzte Sinfonie von Anton Bruckner und „Ancient Voices of Children” von George Crumb

Foto: Berliner Philharmoniker/Monika Rittershaus

Das Kind sucht seine Stimme..
In einem Wassertropfen suchte das Kind seine Stimme.
Ich will sie nicht zum Sprechen, ich werde einen Ring aus ihr machen,
der mein Schweigen tragen wird an seinem kleinen Finger.

Poetische Auszüge aus Gedichten des spanischen Dichters Frederico Garcia Lorca hat der 1929 im US-Bundesstaat West Virginia geborene George Crumb für sein Stück Ancient voices of childrens ausgewählt. Das Auftragswerk der Elizabeth Sprague Coolidge Fundation entstand 1970 in Tanglewoold, wo sich Crumb als Composer in Residence aufhielt. Crumbs musikalische Welt bewegt sich nicht in den strengen europäischen Ismen, er kombiniert eine Vielzahl musikalischer Stilrichtungen und ist in diesem Sinne ein typischer amerikanischer Komponist.

Ancient voices of childrens besteht aus fünf Vokalstücken und zwei instrumentalen Zwischenspielen. Lorcas poetischem Universum antwortet Crumb mit einem ungewöhnlichen Instrumentarium: Frauen- und Knabenstimme, Oboe, eine verstimmte Mandoline, eine mit Papierstreifen präparierte Harfe, ein elektronisch verstärktes Klavier, ein umfangreicher Klangapparat, ein Spielzeugklavier und eine singende Säge. Das cirka 30-minütige Stück beginnt mit einer Art Performance. Sopranistin Marlis Petersen singt, den Kopf halb im Flügel, die ersten Verse in einer Art Improvisation. Dann mischen sich erste Klänge des elektronisch verstärkten Klaviers unter. Zubin Mehta setzt die verschiedenen Klangfarben effektvoll mit leichter Hand, er gibt den Ensemblesolisten viel Raum zum eigenen Agieren. Marlis Petersen lässt tranceartige Vocalisen aufsteigen, grundiert von Harfe und Oboe, akzentuiert vom Schlagapparat. Das ist sehr leicht und offen, die kammermusikalische Akustik des großen Saales der Philharmonie fügt die unwirklichen und fremdartigen Klangbilder wunderbar zu großen melodischen Gesten zusammen. Ein tolles Stück, erst zum zweiten Mal auf dem Spielplan der Philharmoniker, 1983 wurde es unter Zubin Mehta zum ersten Mal aufgeführt.

Nach einer überlangen Pause, auf der Bühne musste das kammermusikalische Set von Ancient voices of childrens gegen die komplette Orchesterbesetzung für Bruckners Neunte ausgetauscht werden, liegt eine spannungsvolle Erwartung über dem Saal. Zubin Mehta lässt den Saal warten, dann eilt er mit schnellen Schritten zum Pult. Die Partitur braucht der 78-jährige in Bombay Geborene wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Wie oft wird er wohl Bruckners Neunte schon aufgeführt haben in seinem über 50-jährigem Schaffen als Chefdirigent des besten Orchesters der Welt?

Über Bruckners Neunte ist schon viel geschrieben worden. Irgendwann war dem schwerkranken Bruckners wohl bewusst, dass er die Sinfonie nicht vollenden würde können. So kann man wohl davon ausgehen, dass der Tuba-Einsatz im zweiten Thema des Adagios etwas mit dem Abschied nehmen vom Leben zu tun hat. Bruckner soll es selbst als „Abschied vom Leben“ bezeichnet haben. Zubin Mehta setzt auf Ruhe und Würde, wie aus dem Nichts schimmern die ersten Töne auf. Klangliche Dynamik arbeitet Mehta exzellent heraus. Er behandelt die Themenblöcke sinnlich und zeitlich ausgewogen, so dass sich die Dramaturgie nicht auf die Entwicklung, sondern in der klanglichen Ausgewogenheit entsteht. Im Scherzo brillieren die Philharmoniker mit einem uhrwerkartigen Pizzicato, glockenrein sind die Stimmgruppen des Streichapparates durchhörbar. Stampfende und dröhnende Rhythmen steigern das Geschehen bis zu einem verzerrten und grotesken Tutti. Mehtas Klang ist nie laut, die Tuttis haben physische Kraft, sein Tempo wechselt nicht einfach, metrisch exakt verschiebt und verändert sich der Rhythmus.

Ein Hochgenuss solch ein Orchester mit solch einem Dirigenten zu erleben. Können trifft sich da mit tiefer Leidenschaft – das überzeugt sogar einen eingefleischten Neutöner, der sich nach dem inspirierenden Crumb schon auf eine große Fallhöhe eingestellt hatte.

George Crumb: Ancient Voices of Children for mezzo-soprano, boy soprano and chamber ensemble

Anton Bruckner: Symphony No. 9 in D minor

Berliner Philharmoniker

Zubin Mehta Dirigent

Marlis Petersen Sopran

17. Januar 2014, Berliner Philharmonie


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