Friederike Haupt | Drucken26.04.2004 

Zwischen Raum, Zeit und Unendlichkeit

CD-Empfehlung "Perpetuum Mobile": Neues von den "Neubauten"

Unterstellung: Wenn Heinrich Heine heute noch leben würde, besäße er Perpetuum Mobile. Da er die Veröffentlichung dieser Platte aber leider um 147 Jahre und 357 Tage verpasst hat, lässt sich dieser Tage nur noch darüber spekulieren, was er von der Einstürzende Neubauten - Musik gehalten hätte. Dabei ist ein Zitat des Altmeisters durchaus hilfreich: "Was ist die Musik? Sie steht zwischen Gedanken und Erscheinung; als dämmernde Vermittlerin steht sie zwischen Geist und Materie; sie ist beiden verwandt und doch von beiden verschieden; sie ist Geist, aber Geist, welcher eines Zeitmaßes bedarf; sie ist Materie, aber Materie, die des Raumes entbehren kann." Und es dürfte schwer fallen, eine Musik zu finden, auf die diese Definition exakter zutrifft als eben auf das Album Perpetuum Mobile der Formation Einstürzende Neubauten.

Wenn diese Musik ein Kind wäre, würde es von Psychologen wahrscheinlich als schwer erziehbar eingestuft. Es ist keine Musik, die sich einem beim ersten, zweiten oder dritten Hören erschließt, und während der Spielzeit von 66 Minuten und 54 Sekunden drängt sich einem anfangs die Frage auf, ob es nicht so klingen könnte, wenn Kurt Schwitters und Arnold Schönberg im 21. Jahrhundert ein gemeinsames Projekt ins Leben rufen würden. "Die Träume sind verunglückte Zeitreisende", spricht Sänger Blixa Bargeld im Titelsong, und ein wenig später "Ein vegetarisches Bordmenü, mit Nudeln, Erdbeeren und Schokoladenkuchen. Rotwein. Rotwein. Rotwein. Bus. Rolltreppe. Gepäckwagen. Taxi. Fahrstuhl. Ein Gin'n'Tonic." Was man davon halten kann, sollen andere beantworten. "Schluss mit lustig und mit der Wegfahrsperre", heißt es an anderer Stelle, und wer die Texte des fabelhaften Musikers PeterLicht kennt, fühlt sich spätestens bei Passagen wie "Ich glaube ich rufe den chinesischen Arzt gegenüber an, der soll meine Leber schröpfen oder so..." oder "Archaeopterix ist nicht mehr dabei" an diesen erinnert. Heine würde sich bestätigt fühlen: Die Texte schweben alle, unterstützt von der Musik, zwischen Gedanken und Erscheinung, zwischen einem inneren Monolog und einer erzählten Geschichte. Weitgehend deutschsprachig mit diversen englischen Einsprengseln wird da in zahllosen Metaphern gesprochen, gesungen, geschrieen und geflüstert.

Die von Heine angesprochene Vermittlung zwischen Geist und Materie findet durchaus statt; ohne Musik wären die Texte kaum interpretierbar. Mit Musik sind sie zwar dafür beliebig interpretierbar, aber das ist nicht das Schlechteste. Man kann sich als Rezipient aussuchen, was man sich vermitteln lassen möchte und was nicht. Die instrumentale Begleitungen der Texte, wie schon erwähnt teilweise recht gewöhnungsbedürftig, variieren stark: Von sehr rhythmuslastigen und partiell lärmenden Stücken wie "Perpetuum Mobile" bis zu sphärischen und melodiösen wie "Youme & Meyou" oder "Ich gehe jetzt". Manchem Hörer mag diese Neubauten-Platte im Vergleich zu ihren früheren maschinenrockartigen Produktionen sogar recht ruhig vorkommen - kein Nachteil, und in der inzwischen 24-jährigen Bandgeschichte sind stilistische Veränderungen ohnehin nichts Ungewöhnliches.

Ein wenig erinnert Perpetuum Mobile an ein Hörspiel, das in zwölf Kapiteln (denn so viele Stücke befinden sich auf dem Album) eine Geschichte vom Leben erzählt und dabei möglichst ehrlich sein will. Etwas von der Unendlichkeit eines Perpetuum Mobiles hat das Album in der Tat, und die Neubauten - Musik als "dämmernde Vermittlerin" zu bezeichnen, dürfte in Heines Sinne sein. Der Rezensent Paul Poet schrieb über die Einstürzenden Neubauten: "Der kometenhaften Aufstieg zur Kultband der Achtziger hinterließ durchwegs irreparabel zerfetzte Bühnen, die Heiligsprechung an allen Kulturfronten, massig Kids in Schwarz, die Heinrich- Heine-Gedichte schreiend Schrottplätze verunsicherten." Das hätte Heine sicher gefallen.

Einstürzende Neubauten: Perpetuum Mobile

Label: Mute

Release: 9. Februar 2004

Tracklist:
01. Ich gehe jetzt
02. Perpetuum Mobile
03. Ein leichtes leises Säuseln
04. Selbstportrait mit Kater
05. Boreas
06. Ein seltener Vogel
07. Ozean und Brandung
08. Paradiesseits
09. Youme & Meyou
10. Der Weg ins Freie
11. Dead Friends (Around the Corner)
12. Grundstück

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