Falk Hamann | Drucken30.08.2011 

Erkundungen der Vergänglichkeit

Vor Beginn der Leipziger Jazztage ein Rückblick auf einen der Höhepunkte des vergangenen Jahres

Thärichens Tentett Live in der Oper Hanoi 2010 (Foto: Hoang Dirc Thinh)

In knapp zwei Wochen, am 9. September beginnen die nunmehr 35. Leipziger Jazztage, dieses Jahr überschrieben mit „Von Mahler bis Miles“. An zwei Opernabenden werden sich jeweils drei Konzerte einem der beiden Musiker widmenden. Daneben finden wieder zahlreiche Konzerte internationaler, aber auch regionaler Künstlern statt. So kurz vor diesem Ereignis mag es angebracht sein, auf die Jazztage des vergangenen Jahres zurückzublicken und noch einmal an einen der Höhepunkte zu erinnern: Am 8. Oktober gastierte auf der Bühne der Leipziger Oper Thärichens Tentett aus Berlin. Zu hören waren Stücke des immer noch jüngsten Albums Farewell Songs.

Wie schon bei den drei vorhergegangenen Veröffentlichungen des seit 2001 bestehenden Ensembles handelt es sich auch bei diesen Stücken meist um Gedichtvertonungen, deren Grundlage Texte von Robert Creeley, Maria Slowinska, Ronald D. Laing und Dorothy Parker bilden. Die Vertonung von Gedichten im Jazz ist bei weitem nichts Außergewöhnliches, jedoch bestechen die auf diesem Album versammelten Titel fast durchgängig dadurch, wie in ihnen Musik und Wort miteinander verbunden sind. Nicolai Thärichen lotet in seinen Kompositionen die Inhalte und Bewegungen der Texte oft bis ins kleinste Detail aus und schafft so eine organische Verbindung, in der Musik und Text sich gegenseitig durchdringen und beleuchten. Das gelingt nicht zuletzt durch die üppige Besetzung des Ensembles, die kammermusikalische Innigkeit in verschiedenen Klangfarben ebenso erlaubt wie die massive Klanggewalt einer Bigband.

Nicolai Thärichen (Foto: Joachim Gern)

Paradigmatisch für diese Symbiose von Musik und Wort ist der Titel „This Time“, welcher als einziger spiegelbildlich zum Rest des gesamten Albums nicht Erfahrungen des Vergehens und Abschieds thematisiert, sondern die von hier ausgehende Hoffnung auf neues Entstehen. Der Text schildert diesen Gedanken an dem Erstaunen einer Person über eine Beständigkeit und Tiefe der Liebe, die sie bisher noch nicht kannte. Der geistige Gang von zurückhaltenden Vergleichen zwischen der gegenwärtigen Liebeserfahrung und den vergangenen hin zu stillem Zutrauen und Gelassenheit erhält in der Musik sein emotionales Pendant. Andreas Spannagel eröffnet mit einem gefühlvollen Flötensolo, das sich dezent vom Klavier begleitet zaghaft aus dem Rubato herausarbeitet und den von Michael Schiefel gesungen Text so thematisch schon vorwegnimmt. Erst kurz vor Schluss bewegt sich der allgemeine Duktus aus der Gemessenheit heraus zu einem enthusiastisches Aufbäumen, das sofort wieder mit dem Text in zuversichtliche Gelassenheit zurückfällt. Überhaupt sind es hier die kleinen Dinge, mit denen die Musik den Text kongenial bereichert: so ein kurzes Flötensolo, welches die Erfahrung der Unbeschwertheit und Offenheit („instead of pretending / it's eager to play.“) veranschaulicht, oder ein wunderbar platzierter Stop, in dem sich schließlich die vorsichtige Verwunderung Bahn bricht, dass hier wirklich eine qualitativ neue Erfahrung von Liebe vorliegt („How it is – ain't it funny?“).

Die meisten Stücke auf Farewell Songs behandeln hingegen die verschiedenen Facetten der Erfahrung des Menschen von seiner Vergänglichkeit. Der instrumentale Titel „The Last Day of My Youth“ vermittelt etwa das Schwanken zwischen Schwermut und Freude, wie es sich in der Erinnerung an unwiederbringlich Vergangenes zeigt. Die Sehnsucht findet ihren Ausdruck in einem lyrischen Thema, das sich schier endlos von einem Motive zum nächsten hangelt, um nicht abzureißen, und sich erst im letzten Moment in ein versöhnliches E-Dur auflöst. Den Kontrast freudigen Verweilens bildet hierzu ein tänzerischer Latin-Teil mit einem Trompetensolo von Sven Klammer, das letztlich aber wieder in die ursprüngliche Melancholie des Themas zurückfällt. Wesentlich geladener gibt sich dagegen „Unadored“, dessen derber Text aus der Feder Ronald Laings stammt. Der 7/4-Takt samt der impulsiven Bläsersätze bilden hier eine gelungene musikalische Form für den im Text ausgedrückten Zorn über Selbstliebe, die Instrumentalisierung durch andere und das damit verbundene Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen. Der einzige Titel, der sich dieser thematischen Ausrichtung des Albums entzieht ist die Vertonung von Dorothy Parkers „On Being a Woman“. Thärichen interpretiert es als Satire auf die (vermeintlich) typisch weibliche Unentschlossenheit und gestaltet das gesamte Stück entsprechend zutiefst ironisch: flatternde Bläsersätze, ein acapella Teil, in dem Anklänge an Kirchenmusik von den rhythmischen Klänge einer Beatbox abgelöst werden, und über allem der bewusst überzogen extrovertierte Gesang Schiefels, der hier die Diva mimt. Darüber, ob eine solche Interpretation angemessen ist, lässt sich durchaus streiten; zumindest aber wirkt der Titel so etwas irritierend angesichts der sonstigen thematischen Homogenität.

CD Cover "Farewell Songs" (Layout: Gero Desczyk)

Den eigentlichen thematischen Kern des Albums bildet die dreiteilige „Farewell Suite“. Dieses musikalische Triptychon erschließt sich erst rückblickend: Das dem letzten Teil „If“ zugrundeliegende Gedicht Robert Creeleys ist die Anrede einer Person, die selbst mit der Erfahrung des eigenen Alterns und Sterbens konfrontiert ist. Verschiedene Verfallserscheinung des Alters werden hier nacheinander aufgeworfen, um diese aber abschließend in einer Retrospektive als natürliche Momente eines erfüllten Lebens aufzuheben („you've had the world / such as you got. / There's nothing more, / there never was.“). Die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben durchzieht so thematisch auch die ersten beiden instrumentalen Stücke der Suite. Das noch in 4/4 allein durch die Bläser vorgestellte Thema des „Waltz for My Father“ drückt Trauer aus, welche in der Bewegung des 3/4-Takts schnell in Wut umschlägt; eine emotionale Dialektik, die Spannnagel und Klammer in zwei überzeugenden Soli noch einmal reflektieren. In „Strange Bells“ dominiert dagegen als Gegenbild in sich gekehrte Schwermut und Resignation. So führt diese Suite die innere Bewegung einer Selbstvergewisserung der eigenen Sterblichkeit exemplarisch vor, die erst im dritten Teil zu einem vorläufigen Ende kommt.

Auf Farewell Songs ist es Nicolai Thärichen und seinem Tentett fast durchgängig gelungen, unter einem Thema Musik und Wort in beeindruckender Weise miteinander zu vereinen und so auch das gelungene Zusammenspiel zweier Künste vorzuführen, die ursprünglich zueinander gehören. Es lässt sich nun hoffen, dass ähnliches auch die Besucher der diesjährigen Jazztage erwartet.

Thärichens Tentett: Farewell Songs

Traumton Records 2009

www.thaerichen.de

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