Frank Sindermann | Drucken11.03.2003 

Flüchtige Visionen oder Über das Rezensieren Neuer Musik

Cristóbal Halffter als dirigierender Komponist im Gewandhaus mit Werken von Prokofjew, Jolivet und Halffter

Neue Musik kann die Aufnahmefähigkeit des Hörers vor eine harte Prüfung stellen. Die geistige wie auch emotionale Verarbeitung moderner Kompositionen fällt deshalb oft so schwer, weil diese beim ersten Hören (welches meistens zugleich das letzte ist) nur wenige Anhaltspunkte für ein strukturiertes inneres Nachvollziehen bieten, also einen hilfreichen Ariadne-Faden durch das komplexe Labyrinth kompositorischer Verdichtung häufig verweigern. Um wie viel schwieriger ist es da, das eben Gehörte derart zu verarbeiten, dass auch Stunden oder gar Tage nach der Aufführung etwas davon in Erinnerung bleibt. Die wenigen Erinnerungsfragmente, welche doch eine gewisse Zeitspanne überdauern, sind oft kaum der Rede wert, da sie austauschbar sind und kaum dazu hinreichen, sich die Spezifika der konkret erlebten Musik wieder ins Bewusstsein zu rufen, geschweige denn, sie schriftlich festzuhalten. Unter anderem deshalb sind Rezensionen Neuer Musik oftmals reine Ansammlungen von Klischees und oberflächlichen Typisierungen, die sich nicht selten im Aufzählen des Instrumentariums und irgendwelcher Spieltechniken erschöpfen. Solcherart äußerliche Beschreibungen weichen jedoch einer Analyse oder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Werk aus.

Im jüngsten Rundfunkkonzert des MDR dirigierte der bedeutende spanische Komponist Cristóbal Halffter drei Werke, denen nach einmaligem Hören tatsächlich kaum beizukommen ist. Im Folgenden soll versucht werden, die aufgeführten Werke so zu charakterisieren, dass ihre individuellen Züge benannt werden, gleichzeitig aber auch die Schwierigkeiten ihrer Rezeption.

Ein stoisches Ostinato der Bläser eröffnet Prokofjews Violoncellokonzert op. 58. Das Solo-Violoncello hebt sich mit weit ausgreifenden, höchst emotionalen melodischen Charakteren von dieser Kulisse ab. Das Verhältnis von Solist und Orchester ist gleichermaßen durch Dialog wie durch unvermittelte Konfrontation gekennzeichnet. Da das verarbeitete motivische Material kaum greifbare Gestalt besitzt, ist es nicht immer einfach, dem Geschehen zu folgen. Besonders der zweite Satz bietet in dieser Hinsicht Probleme. Ständig in einer Haltung nervöser Gespanntheit verbleibend, übt dieser Satz eine äußerst beunruhigende Wirkung aus.

Der Solist Steven Isserlis wirft sich wie ein Gejagter in das musikalische Geschehen und malträtiert sein Instrument dabei ohne jede Zurückhaltung. Alles, was er dem Violoncello entlockt, ist Fragment; melodische Linie sucht man in diesem sperrigen Konzert, von Teilen des ersten Satzes abgesehen, nahezu vergeblich. Unheilvoll changiert diese kompromisslose Musik zwischen (kurzen) Ruhephasen und affektiven Höhepunkten von fast schmerzlicher Intensität. Dabei werden verschiedenste, teilweise recht bizarre Klangkombinationen erprobt, welche sich unterschiedlich stark mit dem Solo-Violoncello mischen lassen und demzufolge jenem entweder antagonistisch gegenüberstehen oder sich mit ihm zu einem komplexen Gebilde verflechten. Besonders die Variationen des letzten Satzes weisen eine große Vielfalt klanglicher Spektren auf, welche allerdings allesamt Ausdruck einer relativ konstanten dramatischen Grundhaltung sind. Die faszinierende Solokadenz gegen Ende des Konzerts führt das Violoncello fast wie eine menschliche Stimme vor, klingen die Vibrati und ätherischen Flageoletts doch beinahe wie ein klagender Gesang von großer Eindringlichkeit.

Steven Isserlis meistert das Konzert mit überwältigendem technischen Geschick, vor allem aber mit großer künstlerischer Ernsthaftigkeit. Letztere teilt auch Cristóbal Halffter, dem neben seiner unspektakulären, zurückhaltenden Art vor allem seine langjährige Erfahrung als Komponist zugute kommt, wenn es darum geht, die komplizierten Verstrickungen der Partitur ein Stück weit zu entwirren. Langanhaltender Applaus belohnt den grandiosen Steven Isserlis, der dafür eine Zugabe der besonderen Art spielt: Er legt den Bogen zur Seite und zupft sich auf ebenso atemberaubende wie unterhaltsame Weise noch ein Stück weiter in die Gunst des Publikums. Nur eines ist schade: Bereits in der Pause beginnt das Konzert von Prokofjew wieder aus dem Gedächtnis zu schwinden. Einmal hören reicht bei dieser Art von Musik nicht, wenn sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen soll.

André Jolivets zweite Sinfonie ist in ihrem ersten Satz vor allem durch einen permanenten Erregungszustand gekennzeichnet. Nur stellenweise beruhigt die Musik sich einmal, doch auch in diesen Momenten löst die Spannung sich nie wirklich. Das Ineinander verschiedenster motivischer Elementarteilchen übt eine starke suggestive Wirkung auf den Hörer aus und lässt diesen nach einiger Zeit beinahe in einen Trance-Zustand verfallen. Daran hat auch das reiche Schlagwerk seinen Anteil, das nicht nur der orchestralen Farbpalette exotische Töne hinzufügt, sondern integraler Bestandteil dieses sinfonischen Vexierspiels ist, bei dem sich nichts greifen lässt, aber alles ergreift.

Einen denkbar großen Kontrast zu diesem Satz (und zum dritten, für den Ähnliches gilt, wenn er auch etwas übersichtlicher strukturiert ist) bildet der zweite und damit mittlere Satz. Auch er wird von Klangflächen geprägt; diese sind jedoch kein dynamisches Gewebe aus unzähligen Linien, sondern liegende, statische Gebilde. An die Stelle unentwirrbarer Polyphonie treten viele kleine, punktuelle Ereignisse. Einfachheit bestimmt hier das Geschehen, große Gesten bleiben ausgespart. Hier macht das Detail die Musik. Am Ende des nervenaufreibenden Schlusssatzes muss man jedoch wieder ernüchtert feststellen: Es bleibt kaum etwas im Gedächtnis zurück, ausgenommen die Erkenntnis, Zeuge eines faszinierenden musikalischen Ereignisses geworden zu sein.

Als das zwar spärlich vorhandene, dafür aber sehr aufnahmebereite Publikum die hervorragende Leistung von Orchester und Dirigent mit warmem, lang anhaltendem Applaus würdigt, weist Halffter auf seine Dirigierpartitur und macht damit deutlich, wem seiner Ansicht nach der Beifall eigentlich gebühre. Die Wahrheit mag, wie so oft, in der Mitte liegen.

Am Ende des Konzertprogramms steht eine Eigenkomposition Cristóbal Hallfters, das Divertimento "Halfbéniz". Diese interessante Komposition zeigt sich zugleich als "Halffter-Albéniz" und als "halber (half) Albéniz". Halffters Hommage an seinen bedeutenden Landsmann Isaac Albéniz ist weder eine bloße Instrumentierung, noch handelt es sich bei dem Werk um eine andere Form bloßer Bearbeitung. Halffter übernimmt aus einer von Albéniz' Kompositionen eine kleine rhythmische Zelle, welche sich im Lauf des Divertimentos mehr und mehr auflöst und im dichten Geflecht einzelner Stimmen fast verloren geht. Zugleich gewinnt der thematische Gehalt der gewählten Passage mehr und mehr an Gestalt. Zersetzung und Synthese sind so in einem überaus originellen Werk vereint, das musikalisch hervorragend zum vorhergehenden Jolivet passt.

Dass, wie schon mit Bedauern erwähnt, wenige Stunden nach dem Konzert bereits ein Großteil der Eindrücke dem Vergessen zum Opfer gefallen ist, muss man nicht der Musik anlasten, eher der häufig so ungerechten Göttin des Gedächtnisses. Grausame Mnemosyne...

5. Rundfunkkonzert des MDR
"Komponisten als Dirigenten"

Sergej Prokofjew: Violoncellokonzert e-Moll op. 58
André Jolivet: Sinfonie Nr. 2
Cristóbal Halffter: Halfbéniz

Steven Isserlis, Violoncello
MDR Sinfonieorchester
Dirigent: Cristóbal Halffter

11. März 2003, Gewandhaus, Großer Saal

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