| Drucken18.03.2001 

Dame Felicity Lott und Ann Murray (Susanne Krostewitz)

18. März 2001 Gewandhaus Großer SaalDame Felicity Lott und Ann Murray

mit Liedern und Duetten von Franz Lachner, Robert Schumann, August Schäffer und Gioachino RossiniZephirs Abendgruß

Was tun zwei Diven, wenn sie sich feiern lassen wollen? Sie kommen in auffallendem Pink mit viel Pomp in den großen Saal des Gewandhauses, singen drei kurze Lieder, beginnend mit einem Gute Nacht-Stück eines eher unbekannten Komponisten (Franz Lachner), genießen den Applaus und gehen ab. Kurze Vorstellung - länger nichts - sie kommen wieder. Der Gedanke an Inszenierung macht sich bei den im Opernfach vielerprobten Sängerinnen breit. Dies wird sich fortsetzten. Doch scheint nicht Selbstdarstellung, sondern Selbstironie den Abend zu bestimmen.

Die Anfangs-Duette wirken somit auch nur wie ein Prolog, von einem Komponisten der als Liedkomponist zwar hervortrat, aber nicht überdauerte, obwohl er in seiner Wiener Zeit zum Schubert-Kreis gehörte. In Leipzig blieben seine Lieder auch im letzten Jahrhundert gänzlich unbekannt. Dafür wurde hier seine Instrumentalmusik gespielt, wie die sogenannte Preis-Symphonie unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Schumanns Mädchen-Lieder, Jahre nach der Liederflut von 1840 entstanden, wirken eher blass, sie scheinen nicht zu den Glanzstücken zu gehören. Und auch die Texte in ihren einfachen Versen kreisen um die schon im ersten Teil bestimmenden Themen Abendstunde und Natur im Frühling. Zu deutlich wird trotz aller Bemühung, dass solche Duette mehr für das häusliche Singen bestimmt sind. Die im Liederjahr entstandenen und durch häufige Unterrichtslektüre und volksliedhaften Stil bekannten Duette aus op. 43 bekamen mit hiesiger Interpretation neue Farbe. Durch die große Schnelligkeit erhielt "Wenn ich ein Vöglein wär" fliegende Leichtigkeit. Nur schade, dass das Stück nicht mehr im gegenüberliegenden Musentempel zu hören ist. Die Oper Genoveva wäre es wert, im Repertoire zu bleiben.

Die Stärke der Künstlerinnen liegt eindeutig im Theatralischen. Am deutlichsten im Duett von August Schäffer, einem Schüler Felix Mendelssohn Bartholdys. Nicht nur die Bühne benutzt Requisiten, den Tisch zum Kaffeeklatsch und die dafür notwendigen Utensilien, sondern auch die Sängerinnen verändern sich. Dazu schlüpften Ann Murray in die Rolle der Frau Direktorin und Dame Felicity Lott in die Rolle der Frau Inspektorin. Wie sollte man mit dem Zusatz vor dem Namen umgehen, der eigentlich auf die Stellung des Mannes abzielt? - Die alles entscheidende Frage der Duette. Auf einmal wird es ein freier Klang, ein freier Gesang, der sich im Raum ausbreitet, ihn erfüllt und sich nicht in Blickrichtung an der Oberkante des Notenpultes festmacht.

Die Stücke von Charles Gounod vertonen verschiedene Sprachen. Auch hier sind es Themen, die schon wohl vertraut sind. Sie erzählen von der Siesta im Schatten der leise im Wind murmelnden Blätter, von der Liebsten, die des Abends ihren Geliebten mit ihrem Gesang und ihrem Lächeln bezaubert, um schließlich in seinen Armen zu entschlummern, von der bescheidenen Celandine, die soviel schöner ist als die ganze, bald verwelkende Blumenpracht des Frühlings, von den Bedauernswerten, die ihre Feinde in der eigenen Brust haben, und von der Schönheit der Nacht, die im Gegensatz zur Vergänglichkeit ihrer Bewunderer, der Menschen, ewig ist. Wunderschön die Sérénade auf einen Text von Victor Hugo, ein Solostück, vorgetragen von Dame Felicity Lott im stillsten Pianissimo.

Die Duette von Gioachino Rossini entstanden nach 1829, da er schon Abschied von der Oper genommen hatte, doch ganz läßt sich der Opernkomponist nicht verleugnen und so sind die Diven zum letzten Mal in ihrem Element. Allerdings wird Rossini weitergeführt: mit der Zugabe des venezianischen La Pesca.

Die zweite Zugabe kann als ein Augenzwinkern auf all zu ernste Musik verstanden werden. Zwei Schwestern versuchen sich gegenseitig zu beeindrucken und zu übertrumpfen in einem englischen Duett. Als dritte Zugabe dann wieder das erste Lachner-Stück, nun wird deutlich, warum man mit einem gewohnten Schlusslied beginnt, der Bogen ist geschlossen, die Inszenierung erklärbar geworden.

(Susanne Krostewitz)

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