Henner Kotte | Drucken07.07.2001 

Ist die intermusikalische Vernetzung exotisch?

Das Januarfestival zieht in den Sommer: „Klangrausch” mit Neuer Musik im Lindenfels

Stadt Leipzig kann sich vor Festivitäten und Akten kaum retten. Böllerschüsse aller Orten. Mehrere Tage der Literatur, der Gotik, des Wasserbaus und der Mode. Auch Monate des Wohlklangs existieren. Und es gab ehedem ein Januar-Festival, ein Treffen von Zuhörern und moderner Musik. Steffen Schleiermacher rief ins Leben, warb, engagierte und tat mit an diesem Podium der Avantgarde. Doch Kultur will in diesen Zeiten vor allem finanziell organisiert sein. Und staat/städtische Institutionen rechnen behördlich, bevor sie Gelder aus ihrem Säckel lösen. Schleiermacher, selbst Kompositeur und Pianist von Ruf, war der Bettelgänge müd, und so drohte das Festival nicht nur aus dem Winterkulturplan zu verschwinden.

Aber es gibt einen Sommer. Bereits zum 9. Male bietet die Medienanstalt mdr in den Monaten Juli. August und September Musik aller Orten satt. Wenn andere Kulturstätten dicht machen, haben die "Drei Länder - EinKlang", den mdr-Musik-Sommer. Voll logisch steht Leipzig drin im Terminplan. Erstmal wegen Bach, Johann Sebastian (28. Und 30. 7.). Wegen dem Gewandhaus sowieso (29./30. 7./25. 8.). Wegen der Heimstadt vom mdr-Orchester und ?Chor. Und neuerdings wegen Steffen Schleiermacher. Sein Januarfestival wurde in den Sommer verlegt, und die Finanzen stellt nunmehr der Mitteldeutsche Rundfunk.

Die Schaubühne Lindenfels bleibt Austragungsort Neuer Musik. Fünf Konzerte wird es geben, und die haben einen Titel: Klangrausch `Exotik!(?)´. Das Programm stellt sich der Aktualität von Problemen der Kunst, des Kommerz und des resultierenden world wide web. Gibt es bei aller internationaler Vernetzung auch die der Musik? Existiert das intermusikalische Netz? Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, Elemente außereuropäischer Musik (oder was man dafür hielt) in die europäische Kunstmusik zu übernehmen, so beschäftigen sich jedoch erst seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts Komponisten ernsthaft mit der Musik fremder Völker. Kann man die Musik von der Kultur, der Religion des Volkes trennen? Machen allein exotische Instrumente neue Musik? Sind fremde Tonskalen oder Polyphonie avantgardistisch? Fragen über Fragen über Fragen.

Schleiermacher wird sie samt exotischen Klangrauschs uns nicht beantworten. Aber die Konzerte bieten (fast) alles zum Thema. Die Anfänge (6. 7.) wie Mauricio Kagels "Exotica" wurden und werden heiß diskutiert. John Cage wird geboten (7. 7.), hat doch grad er sich japanischen, buddhistischen, fremden Gedanken- und Musikgut anvertraut und es uns erlebbar gemacht. Steve Reich gilt als einer der Väter der minimal music. Seine Kompositionen (8. 7.) haben nur in der Struktur sehr viel mit afrikanischer Musik zu tun, das "äußere" Klang-Gewand ist dagegen echt europäisch. Markus Hinterhäuser gilt als einer der renommiertesten Pianisten für die Musik des 20. Jahrhunderts. In seiner Matinee (9. 7.) stellt er Werke vor, die bereits im Titel exotische Assoziationen wecken: Cantéyodjayâ, Helku oder Bot-Ba. Wie komponieren Zeitgenossen? Setzen sie die fremden Instrumente ein, die andren Skalen, andren Rhythmen? Und die Fremden, die sich hiesig bilden ließen, wie nutzen sie die Traditionen? Das Ensemble Recherche stellt solch Kompositionen vor (9. 7.).

Schleiermachers Festival ist aus dem Januar in den Sommer gerutscht. Moderne Musik stört das wenig. Hauptsache die Öffentlichkeit kann sie auch hören. Die (leidigen, stressigen) Dinge scheinen geklärt. Dank mdr und Schleiermachers Kompetenz. Und übrigens auch Steffen Schleiermacher fühlt sich von aller Exotik gefordert: Eine Komposition von ihm gibt´s im letzten der Konzerte. Steffen Schleiermacher, ein Mann also, der nicht bloß daherredet und organisiert. Der tut was. In echt.


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