| Drucken18.12.2002 

Vitalität, Spannung und Gestaltungskraft

Das Weihnachtsoratoium mit der Kantorei St. Nikolai in der Thomaskirche zu Leipzig

Weihnachtsoratorium, Klappe die ??? Mit den Kantaten 1, 4-6 war die Kantorei St. Nikolai unter Leitung von Jürgen Wolf in der Thomaskirche zu hören. Aus der großen Flut der vorweihnachtlichen Aufführungen tat sich diese angenehm hervor. Schade, dass sich die Kirche nur zur Hälfte mit Besuchern füllte, aber vor allem schade für die, die nicht dort waren. Denn gleich der Eingangschor der ersten Kantete, das Jauchzet, frohlocket, zündete und nahm jeden sofort mit in die Musik.

Die Camerata Leipzig und das Trompetenensemble von Jürgen Hartmann ließen die Orchesterpartien zu einem eigenen Hörgenuss werden, machten eine Vorlage, die der Chor später zu erfüllen wusste. Der Klang der Streicher war besonders rund und tragfähig, ob im Forte oder im Piano. Er blieb stets elegant und agil, zeichnete sich durch Ausdrucksvielfalt und Facettenreichtum aus. Die glänzende Krone setzten dem Ganzen die Blechbläser auf, die ihren Part durch alle Partien hindurch brillant meisterten.

Nach dieser Leistung war nun die Spannung groß auf den ersten Einsatz des Chores. Die Kantorei St. Nikolai sang deutlich über dem Niveau eines Laienchores und begeisterte mit einem facettenreichen Chorklang. Dynamische Vielfalt, rhythmische Präzision, Intonationssicherheit und Textverständlichkeit gehörten zu den Säulen dieser Aufführung. Die Textverständlichkeit war auch zwingend notwendig, da es leider keine Programmhefte gab. Sicher ist der Text ein Klassiker, aber zum Mitlesen wäre es schön gewesen, auch als Erinnerung an die Aufführenden und das Konzert.

Jürgen Wolf gelang es, alle Beteiligten zu einem Ensemble zu verbinden und seine Interpretation engagiert umzusetzen. Durch seine persönliche und charakteristische Sicht auf das Werk wurde das Hören der Kantaten zu einem spannenden Erlebnis. Sein Feinsinn für die Musik Johann Sebastian Bachs gab dem Konzert einen außergewöhnlichen Gehalt. Kleine und große Bögen, dramaturgisches Gespür, Witz und Mut zur Subjektivität gaben der Folge aus den Kantaten 1 und 4-6 oratorische Dramatik und machten es möglich, sie als musikalisch-logische Einheit zu hören. Auch das seltene Glück, manche Passagen ganz neu - im Sinn von auf diese Weise noch nicht gehört - zu erleben, trug zur Spannung des Ganzen bei.

Unter den Solisten überraschte die Altistin Annette Reinhold mit ihrer ungewohnten Klangfülle und schönen Tiefe. Trotz ihrer großen Stimme geleitete sie den Hörer stilsicher und überzeugend durch ihre Arien und Rezitative. Ihre Stimme füllte jeden Winkel der Thomaskirche und war doch nie laut oder unangenehm. Einen besonders fein nuancierten Vortrag boten Gotthold Schwarz (Bass) und Constanze Backes (Sopran). Die barocken Klänge erwachten in ihren Arien auch an diesem Abend zu neuem Leben und besaßen Aktualität und Ausdruck. Bedauerlich aber, dass es Constanze Backes so gar nicht gelang, die Thomaskirche mit ihren leisen Tönen zu füllen. Hier blieb leider manches im Verborgenen. Auf unangenehme Weise hob sich dagegen der Tenor Albecht Sack ab. War sein Vortrag zwar stets technisch souverän und auf hohem Niveau, fehlte ihm doch erzählerische Raffinesse. Die Evangelientexte wurden wiedergegeben, aber nicht gerade wiederbelebt. Zudem versuchte er oft Dramatik mit Lautstärke zu erzeugen, die unangenehm lärmend wirkte. In virtuosen Abschnitten seiner Arien erinnerten die Koloraturen eher an schwerfällige Raupenfahrzeuge, als an barocke Leichtigkeit. Trotz aller Unterschiede gelang es den Solisten in ihren Ensemblesätzen zu einer Einheit zu verschmelzen.

Insgesamt bot dieser Abend mit Ausschnitten aus dem Weihnachtsoratorium ein seltenes Erlebnis an Vitalität, Spritzigkeit, Gestaltungskraft und Spannungsgeladenheit, die sich souverän aus dem großen (Leipziger) Weihnachtsoratoriumsallerlei heraushob.

J. S. Bach Weihnachtsoratorium BWV 248 (Kantaten 4-6)
Kantorei St. Nikolai unter der Leitung von Jürgen Wolf

18.12.2002, 20 Uhr in der Thomaskirche zu Leipzig

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