Alessa Paluch | Drucken | Kommentare (8)21.10.2007 

Dekonstruktion oder plattes „Post”-Gehabe?

Von Spar stellen ihr neues Album im Conne Island vor und verwirren das Publikum

Von Spar stellten ihr neues Album vor und damit das Publikum vor eine Menge Fragen. Schon die Veröffentlichung des Albums, welches lediglich aus den zwei circa 20minütigen Tracks "Xaxapoya" und "Dead voices in the temple of error" besteht, verwirrte. Die Post-Punk-Agit-Pop-Hype-Band schien genau diesem Ade gesagt zu haben. Keine Parolen mehr, keine Wut, keine Aggression. Trotzdem kann man nicht von einer totalen Abkehr von den eigenen Wurzeln sprechen. Oder doch? Anknüpfende Momente wie Von-Spar-"typische" Basslinien, Riffs und Beats sind zwar auszumachen, aber das, was den Hype um die Band ausmachte, fehlt: Der Sänger Thomas Mamoud scheint seit Sommer 2007 nicht mehr dabei zu sein.

So richtig fällt diese Tatsache erst auf dem Konzert ins Gewicht. Unbestritten sind die vier Musiker sehr gut, voller Energie und sie schaffen es, eine adäquate Atmosphäre zu schaffen. Zu Beginn laufen auf den Bühnenhintergrund projizierte Filme, die die beinahe spirituelle "Trommelmusik" noch stärker meditativ einfärben. Die langen, sich entwickelnden Tracks reißen nicht mit, aber sie fesseln. Auf gewisse Weise ist das unglaublich hochwertig. Aber es ist eben nicht das, was man erwartet hat: aggressiver Electro-Post-Punk, oder wie die Mediengruppe Telekommander es einst sang: "Ihr wollt Konsumkritik, doch die kriegt ihr nicht." Das trifft auf diesen Abend erschreckend offensichtlich zu. Als während des Konzerts diese Erkenntnis sich Bahn bricht, folgt auf die Enttäuschung die alte, tausendmal gefragte und nie beantwortete Frage nach dem, was "Punk" ist: Form oder Inhalt. Ist nicht die Verweigerung von Aussagen - vor allem allseits erwarteter - ein rebellischer Gestus? Ist der Entzug des Bekannten und der damit verbundene Abfuck des Rezipienten nicht klassischer Punkhabitus? Damit wäre Von Spar mit ihrem neuen Auftritt sich selbst also doch treu geblieben.

Mach keine Aussagen! Zerstöre Selbstgefälligkeit durch Schweigen!
Aber die Wirkung, die dieses Neue, diese Wandlung hervorruft, ist wiederum auf zwei verschiedene Arten fragwürdig: Zum Ersten führt diese Art der Aussagenverweigerung zu einer Art Stille. Was bleibt ohne die mit Von Spar assoziierte aggressiv abkotzende Parolenschreierei jenseits von Weltverbesserungsvorschlägen ist "nur" eine einnehmende, nicht im Geringsten angreifende und damit auch nicht angreifbare Musik, die sich hochgradig selbst genügt.

Zum Zweiten führt diese neue Harmlosigkeit zu einer gewissen Einigung in den Diskussionen, die noch bis vor kurzem geführt wurden, wenn Von Spar-Sympathisanten auf Von-Spar-Hasser trafen. Diese Band hat tatsächlich polarisiert, und zwar in Bezug auf die Frage nach ihrer Authentizität und der Ernsthaftigkeit ihrer Posen und ihrer Gesellschaftskritik, beziehungsweise Zeitgeistkritik. Der Hass oder die Sympathie machten sich daran fest, ob man ihnen ihre Verachtung glaubte oder sie als ebenfalls schrecklich zeitgeistliche Plattitüde von sich wies. Genauso unterhaltend wie grundsätzlich waren diese Diskussionen über den so hassgeliebten Indiepop.

Von Spar haben mit ihrer neuen Identität diesen Diskurs zum Erliegen gebracht. Die Fragen, die ihr Schweigen und ihre Konzentration auf die Musik aufwerfen, prallen an der Bühne ab und knallen dem Fragenden hart ins eigene Gesicht: Ist man wieder nur hereingefallen auf die postmodernen Parolen gegen die Parolen? Ist man in die Falle getappt, als man sich mit etwas identifizierte, was man als eine Postpunkaussage so einfach bejahen konnte? Muss man sich eingestehen, doch nicht über der Verachtung zu stehen, mit der der Sänger früher so herrlich das Publikum strafte? Hat man diese Verachtung vielleicht tatsächlich verdient, weil man sie so cool fand?

Zugegebenermaßen dekonstruieren die neuen Von Spar damit die Selbstgefälligkeit, die jeder Kritik und jeder Verachtung innewohnt und die so verdammt leicht fällt, wenn man sich anders, zum Beispiel "Indie", fühlt. Schön wäre es, wenn darüber genauso diskutiert werden würde wie über die frühere Parole: "Ist das noch populär?"

Von Spar

18. Oktober 2007, Conne Island

www.vonspar.net

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Kommentare lesen und hinzufügen (8)

Mxxx Wxxx schrieb am 12.04.2010 um 22:26 Uhr:

29. Oktober 2007

ISt mir gerade erst aufgefallen: In einem eigentlich guten Text findet sich folgendes:

"Zugegebenermaßen dekonstruieren die neuen Von Spar damit die Selbstgefälligkeit, die jeder Kritik und jeder Verachtung innewohnt und die so verdammt leicht fällt"

Ja, klar - "dekonstruieren" - 5 Euro ins Phrasenschwein. Weil: nicht alles widersprüchliche oder selber-destruierende ist auch schon Dekonstruktion, gelle?

Grüße

Michael

Alessa K. Paluch (Pop-Autorin) antwortete am 12.04.2010 um 22:28 Uhr:
29. Oktober 2007

Hallo!

So, ich habe noch mal über das so schöne Wort "dekonstruktion" an dieser Textstelle nachgedacht. Also erst mal: das phrasenschwein hat immer hunger und möchte oft gefüttert werden. ich tue das gerne. trotzdem wird es an dieser stelle nur mäßig satt. Dekonstruktion verstehe ich wohl eher in einer popkulturellen Weise, nämlich als eine -analytische- Zerlegung eines Ganzen, welche zum Hinterfragen dieses Gnzen führt. Also eine mehrfache Reflektion voraussetzt. eine destruktion hat dieses reflexive nicht inne, es zerlegt nur. also natürlich hast du recht. aber vonspars ansatz, so wie ich ihn sehen wollte, ging ja weit über dieses widersprüchliche und selbst-destruierende hinaus, indem sie genau das ja gar nicht thematisierten.
nun ja, vielleicht ist dies alles auch wirklich zu viel der ehren für von spar...
lieben gruß, alessa

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 22:30 Uhr:
29. Oktober 2007

Werter Herr Max Weber(?),

vielen Dank für Ihren konstruktiven wie kritischen Beitrag. Ich gebe Ihnen in sofern Recht, daß das durch von Spar wie auch immer intendiert erzeugte Widersprüchliche nicht gleichzusetzen ist mit einer Dekonstruktion im Derridaschen bzw. Derridaesken Sinne. Da Begriffe über die Zeit ein Eigenleben und semantisches Schillern entwickeln, würde ich hier nicht zu so scharfen Urteil rufen. Aber es ist gewiß: Mit Ihrem Beitrag haben Sie etwas Wichtiges angestoßen: Ein Gefühl für begriffliche Nuancen zu wahren. Vielleicht hätten Sie Lust & Interesse an einem selbstgewählten Beispiel einen Beitrag für den Almanach zu verfassen, indem sie gerade die wenn auch kleinen aber umso wichtigeren Unterschiede zwischen Destruktion, Destruierendem und Dekonstruktion einer breiteren LeserInnenschaft vor Augen führen. Ich freue mich auf Ihren Beitrag, den ich sofort im Almanach veröffentlichen werde.

Mxxx Wxxx schrieb am 12.04.2010 um 22:29 Uhr:

29. Oktober 2007

Tobs, du kannst dir deine "freundliche" Klugscheisserei sparen. Selten so was XXX gelesen. Natürlich gibt es keine legitimierte Diskurspolizei, natürlich soll jeder sich Begriffe aneignen und sie neu interpretieren - etc. pp..
Das ist doch völlig banal und von mir aus soll die Autorin es auch so halten. Allerdings hat der journalistische Ideolekt schon länger die Tendenz mit der guten Dekonstruktion ein bisschen freizügig rumzuschmeißen. Das ist nicht weiter schlimm, ersetzt aber leider manchmal das genaue Hinschauen.
Das ist ein bisschen wie in der HGB: setzt man sich da in eine Klasse werden einem alle was von der Dekonstruktion/den Dekonstruktionen erzählen, welche sie in ihren Werken an den Start bringen. Meine Güte - soviel Dekonstrukion...
Ich für meinen Teil freue mich über jeden Kurzschluss zwischen Begriffsarbeitern wie Derrida und einem Diskurs über Popkultur, nur: wenn der Begriff zur Formel, zur Evidenz gerät - da beginnt (!) der Text für die Leserin/den Leser unspannend zu werden. Verstehste?
Ansonsten kann ich der Autorin nur zustimmen: das ist eine Nummer zu groß für VON SPAR.

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 22:32 Uhr:
30. Oktober 2007

Lieber Mxxx,

meine Antwort war nicht als freundliche oder unfreundliche "Klugscheißerei" gemeint, sondern war lediglich eine ad-hoc-Replik auf Deinen Beitrag. Natürlich weiß ich, daß der D-Begriff oft floskelhaften Einsatz findet. Ich sympathiere auch nicht HGB-&-Co-Attitüden, die gedanklos zu Begriffen greifen, um sich hipper oder intellektualistischer zu gerieren. Ich weiß auch gar nicht, was von Spar macht. Der einzige Punkt den ich machen wollte: Eine puristische Auffassung in Frage zu stellen, die mir in Deinem Beitrag durchschien. Das ich mich hierin wohl geirrt habe, zeigt Deine (beleidigte) Antwort. Tut mir leid, Deine Gefühle mit meinem "banalen" Einwurf verletzt zu haben. Im Übrigen: Das viel bemühte Phrasenschwein ist mittlerweile so langweilig, daß es für dessen Bemühen auch 5 € in selbiges geben sollte.

ge-x-te Grüße,

tobs

Mxxx Wxxx schrieb am 12.04.2010 um 22:33 Uhr:

31. Oktober 2007

Hallo lieber Redaktionswischmob,

ich hielt meinen ersten Beitrag einfach für denjenigen welcher sich direkt auf den Artikel bezog...und da habe ich den Artikel gelobt und eine Kritik geäußert...nun gut - zähle halt jeder wie es ihm beliebt.
Und ich halte es weiterhin für ein ödes Manöver (da es doch eh völlig klar ist), die Kritik am Jargon selber als Jargon zu bezeichnen. (Das kann man analog ja auch in/mit der Psychoanalyse betreiben - mal so als Beispiel.)
Denn: es geht ja um den ersten Text (also die Rezension). Und wie gesagt: wenn die Kritiker-Phrase der Preis dafür sein sollte, dass von Zeit zu Zeit der Ich-ersetze-Erfahrungsanalyse-durch-einen-Begriff-Jargon ausfällt - bitte, ok.
Horstig wird es in dem Moment, in dem anhand deiner Antworten klar wird: Ironie is the new Ernst.
Schade.

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 22:34 Uhr:
02. November 2007

Lieber Mxxx,

auf Putzutensilien aller Art nicht weiter eingehend, sei mir gestattet zu sagen, daß ich so langsam nicht mehr mitkomme. Worum geht es hier eigentlich gerade?

Ich hatte in meinem ersten Kommentar ja gerade geschrieben, daß ich es wichtig finde, begriffliche Nuancierungen zu wahren und nicht in Jargon oder Floskel zu verfallen. Und damit hatte ich Dir ja Recht gegeben. Ich hatte in meinem - und ich wiederhole gern: ad-hoc-Kommentar - meine Bedenken vor zu scharfem Urteil geäußert. Mehr nicht. Und das auch nur, weil Alessa noch nicht auf Deinen Beitrag reagiert hatte.

Warum jetzt Ironie "the new Ernst" sein soll oder Adlernester zu Titulierungen werden, will mir nicht einleuchten.

Tja, schade.

Tobias

Mxxx Wxxx schrieb am 12.04.2010 um 22:35 Uhr:

02. November 2007

"Worum geht es hier eigentlich gerade?" Das frag ich mich auch. Alessas Antwort war ok und ich denke meine Aussagen zur Phrase "der Kritik an der Kritik" und derem notwendigem Übel habe ich gemacht.
Ich bin zwar schon überrascht, dass es sich bei dem Artikelvorschlag (Destruktion-Dekonstruktion...) nicht um Ironie gehandelt haben soll ;) - aber egal, ich geh jetzt schlafen. Nacht. (Ich empfehle dies auch dem Rest der Nachtgestalten.)

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 22:36 Uhr:
02. November 2007

Lieber nachtgestaltige Mxxx,

natürlich war mein Artikelvorschlag auch ironisch, aber interessant finde ich ein solches Unterfangen schon.

Wenn das nun der ganze Aufhänger dieser Diskussion war, dann gut: Ich werde in Zukunft ironiefrei auf zumindest Deine Beiträge antworten. Aber im Ernst: In einer Replik auf Deinen nicht gerade unflappsigen Beitrag erwartest Du graues Kalkül? Oder soll ich demnächst hinter jeden halbseidenen Satz ein Emoticon setzen, als Wink mit dem Zaunpfahl?

Ich gehe noch nicht ins Bett, wünsche aber angenehme Nachtruhe. Wir wissen schließlich: Der Schlaf / Traum der Vernunft gebiert... [ ;) ]

Tobias

[Leipzig, Ortszeit 2:21]

Mx schrieb am 12.04.2010 um 22:37 Uhr:

16. Oktober 2009

welche vernunft?

Mxxx Wxxx schrieb am 12.04.2010 um 22:40 Uhr:

02. November 2007

Wenn du es trotz Ironie so geil findest, dann setz dich mal schön dran. Ich wünsche da viel Spass und Erfolg. Und:
Eigentlich habe ich gar nix erwartet - vielleicht noch eine Antwort der Autorin, aber es gibt ja den Oberpatriarch ;)

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 22:41 Uhr:
03. November 2007

Lieber Mxxx,

hm, manchmal können offensichtlich auch gar keine Erwartungen ent-täuscht werden. Die Frage wäre dann: von was. Aber der gebe ich mich jetzt nicht hin.

Da der "OP" ja piktographisch als ironisch gekenzeichnet war - schöne Diskurspolitik hast Du hier eingeführt -, wünsche ich Dir auch noch viel Spaß, Erfolg & hin und wieder die ein oder andere Ent-Täuschung,

Tobias

Günther schrieb am 12.04.2010 um 22:43 Uhr:

04. April 2008
Eure "Diskussion" ist ALBERN

Echolot schrieb am 12.04.2010 um 23:05 Uhr:

22. Oktober 2007
Holladiho, was für ein geiles Stück Musikjournalismus. Frau Paluch, unbekannterweise meine Hochachtung - es war mir eine Freude, den Artikel zu lesen (und das passiert selten, wenn es um Mugge geht).

Alessa K. Paluch (Pop-Autorin) antwortete am 12.04.2010 um 23:06 Uhr:
23. Oktober 2007

Vielen herzlichen Dank für dieses schöne Lob. Manchmal lohnt es sich also doch, sich und sein Selbstverständnis ein wenig dekonstruieren zu lassen (damit meine ich mal ganz subjektiv mich und nicht Von Spar!)! Danke für's Feedback! Hochachtungsvoll, Alessa

 
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