Jörn Seidel | Drucken22.02.2005 

Bird lebt!

Der Klassiker: Studs Terkels „Giganten des Jazz” erscheint in deutscher Erstveröffentlichung

Studs Terkel macht etwas Wunderbares: Er schreibt die Welt so auf, wie sie ihm begegnet. Und Terkel begegnete schon vielen. Der heute 92-Jährige ist „der Mann, der Amerika interviewte“ und eine Legende der amerikanischen Linken. Der studierte Jurist, der nie recht wusste, wohin sein Weg ihn einmal führen werde, landete ein ums andere Mal beim Radio als Diskjockey von Jazzsendungen und aufmüpfiger Moderator in einer Ära, als man für „unamerikanische Umtriebe“ noch seinen Job verlor. So erging es auch Terkel. Die Tugend, die er aus dieser Not gebar, machte ihn berühmt und aus heutiger Sicht unermesslich wertvoll für die Geschichtsschreibung seines Landes. Er nutzte seine freie Zeit, um die ganz normalen Leute zu interviewen – zu ihren Erlebnissen während der Großen Depression, ihrem Alltag, ihren Träumen und Illusionen. Fast 10.000 Gespräche entstanden auf diese Weise, die er in zahlreichen, ausgezeichneten Büchern veröffentlichte. In seinen Radiosendungen interviewte er Martin Luther King, Mahalia Jackson, Tennessee Williams und viele andere mehr. Dabei verweigerte er sich stets einer Wissenschaftlichkeit, wie er selbst sagte, sondern war allein an den individuellen, subjektiven Geschichten der Menschen interessiert.

Aus dieser Neugierde heraus entstand auch sein erstes, 1957 veröffentlichtes Buch Giganten des Jazz, dessen Neuauflage von 1975 nun erstmals in deutschsprachiger Übersetzung erscheint. Das Buch ist ein Juwel für jeden Jazzliebhaber. Auf jeweils zehn bis zwanzig Seiten portraitiert Terkel einige seiner ganz persönlichen Jazzgiganten, die er häufig persönlich kennenlernen durfte. Es war die Zeit, als Jazz noch eine ganze Nation und spätestens seit Louis Armstrong, so erfahren wir, die ganze Welt ins Jazzfieber versetzte. In ebensolchem Fieber schwelgt das Buch und steht ganz in der Tradition der anekdotischen Erzählweise und Legendenbildung, ohne die auch heute keine Jazz-Dokumentation auskommt. Doch während üblicherweise erst die Schönheit der Anekdoten über die Zweifel an ihrer Richtigkeit hinwegtäuscht, ist man bei Terkel seltsam überzeugt, dass es sich genau so abgespielt haben muss – so und nicht anders.

So erfährt man über Charlie Parker, dass er als Knabe in den Hinterhöfen der New Yorker Clubs lungerte und geröstete Hühnerschenkel abnagte, während er auf eine günstige Gelegenheit wartete, mit seinem Saxophon durch den Bühneneingang hineinzuschleichen. „Ein älterer Musiker hängte ihm den Spitznamen ‛Yardbird’, ‛Hinterhofvogel’ an. Der Name blieb. Die meisten nannten ihn einfach ‛Bird’“. Einer der Schätze des Buches ist sein Zitatenreichtum. Birds Plädoyer gegen Drogen, das Terkel hier anführt, gehört zu den schönsten, die es gibt; denn er wusste, wovon er sprach. Aber auch das unbefangene Zitieren von Kollegen ist ein immenser Zugewinn – wie etwa der Erklärungsansatz für Parkers Selbstzerstörung und Unsterblichkeit aus Ross Russells Biografie Bird lebt!. Terkels Interpretationen stehen diesen in nichts nach.

Über John Coltrane lässt er sich zu der Erklärung hinreißen: „Vielleicht kommt man dieser Spiritualität am nächsten, indem man sagt, sie sei in einem tiefen Glauben an das Leben begründet gewesen, in der Überzeugung, dass alle Dinge des Lebens miteinander zusammenhängen, das alle aus einem gemeinsamen Etwas herrühren und dass es dieses Etwas war, dieses allen Dingen gemeinsame Wesen, nach dem Trane suchte und das er in seiner Musik einfangen wollte.“

Terkels Sprache ist einfach, aber bestechend und zugleich wundervoll geschwungen. Aus der Überfülle an Lebensdaten und Interpretationen destilliert er nur die Essenz und hüllt sie in das Gewand märchenhafter Geschichten. So ist zu lesen, wie der junge Louis Armstrong durch die Willkür der Polizei ins Heim kam und ‛Papa Joe’, der Kornettist King Oliver aus New Orleans, ihn mit Liebe und Protektion zum besten Jazztrompeter der Welt machte, während er selbst dem Abgrund zusteuerte.
Bereits die Überschriften verraten Terkels Tenor: Billy Holliday, die Lady des Blues; Count Basie, der gut gelaunte Graf; Dizzy Gillespie, Erforscher neuer Klangwelten; Duke Ellington, der Klang des Lebens. Bessie Smith, Bix Beiderbecke, Fats Waller, Benny Goodman und Woody Herman sind die anderen, denen Studs Terkel liebevoll gedenkt.

Ergänzt werden die Portraits durch zwölf Zeichnungen von Robert Galster und eine umfangreiche, persönliche Diskographie, die durchaus Ungewöhnliches empfiehlt. Die deutsche Ausgabe enthält zudem als Besonderheit eine zehnseitige Biografie in Selbstzitaten von Studs Terkel – dem Mann, der einst den Unbekannten eine Stimme verleihen wollte und heute selbst so berühmt ist wie seine Giganten des Jazz.

Studs Terkel
Giganten des Jazz

Jazz-Geschichten aus Terkels Augen

Aus dem Amerikanischen von Karl Heinz Siber

Zweitausendeins, Frankfurt a.M., 2005

240 Seiten, EUR 14,00


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