| Drucken24.06.2001 

Deutsche Bläserphilharmonie und Giora Feidman (Juliette Appold)

24. Juni 2001 Gewandhaus, Großer Saal

Deutsche Bläserphilharmonie

Solist:
Giora Feidman, Klarinette

Dirigenten:
Michael Kummer (Teil 1)
David Gilson (Teil 2)

Yasuhide Ito
Gloriosa
Oratio ? Cantus ? Dies Festus

Martin Ellerby
Dona Nobis Pacem
***
Francis McBeth
Kaddish

Ora Bat Chaim
An Innocent Smile (Chiyuch Tam)
für Klarinette und Sinfonisches Blasorchester arrangiert von Sergej Abir

Adam Gorb
Yiddish Dances
Khossidl ? Terkische ? Doina ? Hora ? Freylachs

Christlich-jüdische Verständigung im Gewandhaus

Mit den ersten Klängen des Ensembles verflog der Ärger darüber, daß noch beim Einstimmen und Auftreten des Dirigenten (im 1. Teil: Michael Kummer) Programmhefte im Parkett verkauft wurden und während des Erklingens des ersten Werks auch an besonders leisen Stellen Publikum noch ein- und ausging. Denn das im Rahmen der jüdischen Wochen stattfindende und Shalom betitelt Konzert der Deutschen Bläserphilharmonie mit dem Solisten Giora Feidman war einfach wunderbar. Die gespielten Werke paßten in den thematischen Rahmen und waren so überzeugend vom Ensemble und dem Solisten interpretiert, daß es am Ende drei Zugaben und stehende Ovationen gab. Im ersten Teil war, wenn man so will, ?Christliches?, im zweiten ?Jüdisches? zu erleben. Giora Feidman spielte das mittlere Werk des zweiten Teils und verband, insbesondere mit seinen Zugaben, christliche und jüdische Musik mit größtem Erfolg.

Da die meisten Werke neuere Kompositionen programmatischer Art sind, erlaubt sich Rezensentin, die Eindrücke etwas ausführlicher zu schildern.

Vor gut gefülltem Saale erklang zunächst Gloriosa von Yasuhide Ito, der vor allem für seine Blasmusik-Kompositionen berühmt ist. Mit diesem dreiteiligen Werk vertont er die Geschichte der Verfolgung der japanischen Christen, deren Widerstand und schließlich ihren Triumph. Zu den einzelnen Sätzen:

Oratorio
Die Röhrenglocken und Xylophon spielen wiederholt in langsamen Tempo eine mit einer aufsteigenden Quinte und der darunterliegenden Quarte beginnenden Tonfolge, bevor Mitglieder der Philharmonie einen gregorianischen Choral ohne Instrumentalbegleitung singen. Man befindet sich also in einer kirchlichen Atmosphäre. Diese Geborgenheit wird durch schnelle und aufdringliche Trommelstöße unterbrochen, ein schneller musikalischer Teil schließt sich an, der nach Vertreibung aus dem anfänglichen ruhigen Christenleben klingt. In der Aufregung des musikalischen Gefechts hört man Schreie, die durch schrill gespielte, teilweise gedämpfte Trompeten und Posaunen erklingen und Niedermetzelungen, die durch dumpfe Paukenschläge und Trommelwirbel dargestellt werden. Die gesamte Bläserphilharmonie ist mit schnellen und lauten Passagen beschäftigt. Aber hier und da ertönen doch ein paar lyrische Momente (der Eingangsmelodie angelehnt), als ob der starke Glauben dem Einzelnen die gegnerische, gewalttätige und zerstörende Verfolgung (wenigstens innerlich) besiegen könne. Der erste Satz endet mit dem oben genannten Eingangsmotiv.

Cantus
Eine japanische Flöte spielt hier solistisch eine überwiegend pentatonische Melodie, umspielt von Zeit zu Zeit einen Hauptton mikrotonal und mit verschiedenen Blasetechniken. Jeder würde diese Melodie sofort als ?typisch? asiatisch beschreiben, der Charakter der Melodie ist schwermütig. Es soll sich hierbei ?laut Programmheft? um die Klage eines Verfolgten handeln, und diese Erklärung leuchtet jedem Zuhörer sofort ein, nachdem er den ersten Satz gehört hat. Wehleidig und weinend sind auch die Töne, die durch das mit einem Geigenbogen gestrichene Xylophon fast zeitlich verschoben erklingen. Ein darauf folgendes, mit großen Intervallen durchzogenes melodisches Thema erinnert an Filmmusik der Sehnsucht, schnell gespielte Schellen und Glocken hingegen an einen traditionellen asiatischen Drachentanz. Es scheint, als ob der Verfolgte sich in diesem Moment seiner Identität als Christ und Japaner bewußt wird und nun zum Widerstand bereit ist. Der gefaßte und sichere Entschluß wird auch mit dem Ende des Satzes verdeutlicht. Ein lauter Schlag von Claves und anderen Holzblöcken beenden ihn abrupt.

Dies Festus
Mit schnellem Tempo, sich wiederholenden Trommelrhythmen und vollem Bläserklang wird also der Kampf gegen die Verfolgung aufgenommen. Dabei ist wieder ein Motiv mit pentatonischem Tonumfang von Bedeutung. Besonders die homorhythmischen Trommeln und Pauken lassen Kampfszenen erahnen. Diese Szene wird kurzweilig von angenehmen Melodien der Flöten unterbrochen; wenig später erklingt ein christlicher Choral zunächst in den Trompeten und Posaunen, dann weitet sich der Klangraum aus, weil die gesamte Bläserphilharmonie diesen Choral nun spielt und begleitet. Der Triumph scheint sicher, doch eine dann ertönende Fuge weist noch einmal auf die Schwierigkeit des Bestehens hin. Die tiefen Stimmen spielen in dieser Fuge den christlichen Gesang. Besonders stark ist die Wirkung am Schluß, wenn dieses Hauptthema anstatt in Moll nun in Dur erklingt. Dieser laut und voller Schwung gespielte Schluß endet so, wie man sich ein Gloriosavorstellen möchte.

Von Martin Ellerby, der neben Kompositionen für sinfonisches Blasorchester auch Orchestermusik, Werke für unterschiedliche Besetzungen und auch Filmmusik schreibt, war das nächste Stück: Dona Nobis Pacem. Diese Komposition soll an den 50. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges erinnern und eine ?Hymne des Friedens? darstellen.

Eine weichen Melodie in den Holzbläsern, die eine gesummte ablöst, eröffnet das Werk. Die Posaunen spielen sie weiter, aufsteigende Sekundschritte begleiten sie. Dann folgt ein rhythmisch und harmonisch komplexerer, an den Feuervogel erinnernder Teil. Man hört, wie sich hier etwas Gefährliches zusammenbraut. Äußerst schnelle, scharfe, aber gedämpfte Trompetenstöße klingen nach Jagd und Kampf. Auch zwei Töne, die im Sekundabstand auf und ab ständig wiederholt und oft in das komplexe Klangbild eingeworfen werden, künden Gefahr oder gar Krieg an. Das Schlagwerk ist ebenfalls mit aller Kraft und Schnelligkeit dabei. Von Beginn an steigert sich die Spannung unentwegt und findet ihren Höhepunkt in einem lauten ?Hupen?, das an Sirenen erinnern mag. Einem Augenblick der Stille folgen Klänge von Röhren-, die an Kirchenglocken erinnern.

Das Blasorchester spielt nun ?O Haupt voll Blut und Wunden?. Der klagende Ton dieses Liedes aus der Matthäus-Passion wirkt hier besonders bedrückend. Das Lied wird zerteilt, nur einzelne Notenfolgen erklingen und bleiben auf dem letztgespielten Ton stehen. Dies ruft so etwas wie Fassungslosigkeit hervor. Dann klopfen die Instrumentalisten auf ihre Instrumente oder blasen ?nur Luft? durch ? so als ob es regne oder als würden Menschen durch eine imaginäre Leere laufen. Wenn die Flöten dann wieder ?O Haupt? als ganze Melodie spielen, hört dieses ?Getrappel? auf und ein beruhigendes Ende wird durch Modulationen nach Dur vorausgesagt. Weite Klänge, große Melodiebögen, die von Glockenspiel und Klavier mitgespielt werden, lassen aufhorchen und auf bessere Zeiten hoffen. Immer klingt ?O Haupt? mit (aber in Dur) und der warme Ton des Saxophons läßt den zuvor schmerzlichen Ton des Liedes nun warm und hoffnungsvoll ertönen. Das gesamte Ensemble legt die Instrumente ab und singt ?Dona Nobis Pacem?. Als es mit diesem eindringlichen Gebet endet, hält der Dirigent die Stille noch ungewöhnlich lange an, was die innige Wirkung verstärkt. Man wagte kaum, danach zu klatschen, doch der Applaus war verdientermaßen sehr groß.

Der zweite Teil begann mit dem Werk Kaddish von Francis McBeth. Im Programmheft war zu erfahren, daß es sich bei dem Werk um ein jüdisches Gebet für das Seelenheil Verstorbener handelt. Es beginnt mit dem Erklingen von dreimal angeschlagenen Röhrenglocken und dem Gong, deren Klang bis zum Ausvibrieren den Saal füllt. Ein insgesamt ruhiges Stück, dem Inhalt angemessen. Auffällig ist hier der immer wieder zu hörende Paukenschlag, der den Puls eines Herzschlages nachahmt. Spannung entsteht, indem sich einzelne Stimmen in Sekundschritten zu Clustern aufbauen. Die Flöten klingen dagegen beruhigend. Eine Tonfolge von vier Tönen wiederholt sich mehrmals, als ob ein Name permanent genannt würde. Der Name eines Verstorbenen, den man in der Erinnerung immer wieder vor sich her spricht. Fast monodisch wirkt dagegen, wie Trommelwirbel, Becken und Blechblasinstrumente lange einen Ton gemeinsam spielen. Am Ende steigt nach und nach wieder ein Ton-Cluster nach oben, der zudem crescendiert wird. Als ob der Tote nun dem Himmelreich überlassen würde. Ein im piano beginnender gebrochener Dur-Dreiklang symbolisiert am Ende die tröstende ?Toten-Feierlichkeit? der Hinterbliebenen.

Es folgte Giora Feidman mit dem Werk An Innocent Smile von Ora Bat Chaim. Als der Dirigent (David Gilson) vor dem Orchester steht, hört, besser gesagt, erahnt man eine Klarinettenmelodie von Ferne. Giora Feidman ist noch nicht da, sein Klang ist es aber. Eine Melodie in Moll mit übermäßiger Quarte, wie sie so bezeichnend für schöne, oftmals jüdische Melodien ist. Wenn Giora Feidman dann hereinkommt, ist sein klarer, durchdringender Klang immer noch genau so leise, ganz so als ob er noch außerhalb des Konzertsaales spielen würde. Die durch Blastechnik heruntergezogenen Töne klingen mal klagend, mal jauchzend und oft imitieren verschiedene Instrumente aus dem Ensemble den vom Solisten vorgegebenen Ton. Die Palette der Gefühle wird durch seine Klarinette hörbar, wie es für Klezmer-Musik so typisch ist. Der Grundton des Beginns ist eher nachdenklich. Dafür sind im folgenden lebhaften Teil mehr rhythmisch markante Motive zu erleben. Häufige Taktwechsel erinnern an eine Zugfahrt. Ein 7/8-Takt ist auch dabei und es macht Spaß, durch diese Wechsel den gewohnten Rhythmen zu entkommen.

Das Stück beinhaltet witzige und eher nachdenkliche Momente, die Feidman auch durch seine Gesten ausdrückt. Oft scheint es, als tanze er mit seinem Instrument oder als ob er mit der freien Hand den Ton aus der Klarinette herauslocke. Der Applaus ist groß, und Feidman spielt noch ein paar Zugaben, in die er das Publikum mit einbezieht. Dabei summt zunächst das Publikum einen Ton, über den Feidman verschiedene Melodien spielt, und die Wirkung ist fast hypnotisch. Leise und unmerklich entsteht aus seinen Tönen die Melodie von Mozarts Ave Maria. Dann verwandelt er diese Melodie in einen jüdischen Gesang, den sofort viele Besucher mitsummen. Die Brücke zwischen Christentum und Judentum war da, und beim Ausklingen seines letzten Tones gibt es stehende Ovationen. Den Blumenstrauß, den man dem Solisten überreicht, wirft dieser dem Publikum als Dank zu.

Ein wahrer ?Rausschmeißer? waren schließlich die Yiddish Dances von Adam Gorb. Voll tänzerischem Schwung erklangen fünf Stücke, in denen sich Klezmer mit Musik verband, die sowohl Gershwins Fröhlichkeit als auch spanisches Feuer besaß. Nicht nur die vielen Melodien mit übermäßiger Quarte (ähnlich der Zigeunertonleiter), die zum Tanz einluden, auch eine Art ?Säbeltanz? motivierte das Publikum, klatschend noch drei Zugaben zu erzwingen. Daß es sich bei dem Ensemble um ein überregionales, aus Professionellen, Studierenden und guten Laien bestehendes Orchester handelt, erhöht noch den Respekt und die Begeisterung beim Publikum für die musikalische Qualität. Ein gelungener Konzertabend!

(Juliette Appold)

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