Jens Köckritz | Drucken30.10.2002 

Pusteblumen in Grenzregionen

Die second Generation erforscht die „Grenzregionen” der Neuen Musik

Bereits zum fünften Male fand am 30. Oktober das Festival "Grenzregionen" in Leipzig statt. Unter dem Motto "2nd generation" wollte der Veranstalter, das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig e.V., im Theater Lofft die Schnittstellen zwischen Musik und anderen Medien ausloten. So bot das Forum-Ensemble unterschiedliche Konzepte im Umgang mit musikalischem Material und Elektronik, zeigte ein breites Spektrum der Möglichkeiten dieses Genres.

Als erstes erklang das Werk "Flutes and Cymbals for Cybele" für Flöte, Percussion und Tape des polnischen Komponisten Kent Olofsson in deutscher Erstaufführung. Ein ruhiger Einstieg mit sanften Klängen der Flöte und gestrichenen Gongs lassen einen Hauch der Entspannung über die ca. 30 Zuhörer gleiten. Nun setzen sphärische Harmonien ein, es klingt nach Ferne und Raum. Rhythmusfrei wird ein sehr virtuoser und feiner Klangteppich gewebt, hauchdünn aber stabil. Ansatzgeräusche und Überblasen der Flöte sind ebenso wichtig dafür, wie der rauhe Klang dreier angeschlagener Flaschen. Pauken und zwei Windspiele erzeugen durch An- und Abschwellen ihres Klanges einen Höhepunkt im Stück.

" ncideno/fluido" der Österreicherin Olga Neuwirth ist mit einem Stück für Klavier und Zuspiel-CD ein Kontrast zum eher beschaulichen Anfang. Die Erkundung des tonalen Potentials eines Konzertflügels - mit wehendem Haar des Interpreten - gestaltet sich als interessante Performance. Einige Teile des Klavierklanges sind bereits auf der CD eingespielt, die Lautsprecher allerdings im Flügel unsichtbar integriert. Dem Interpreten sind sieben Elemente zur beliebigen Kombination freigegeben. So wird es zu einem interessanten Spiel, zu erkennen, welchem Medium welche Passage zuzuschreiben ist.

Es folgt die Uraufführung "Polaroid" des Schweizer Künstlers Andreas Pflüger, der selbst anwesend ist. Das Stück gleicht einer Unterhaltung zwischen Oboe und Klangspur, freundschaftlich sachlich, aber auch mit herben Kontroversen. Symbolisch sollen sich verändernde akustische "Polaroidaufnahmen" erklingen. Diese verzerren und mutieren bis zur Unkenntlichkeit. Als einziges "live-elektronisches" Instrument des Abends kommt hierbei eine Polaroidkamera zum Einsatz. In Erwartung eines tollen Effektes schauen die meisten Zuschauer ins Blitzlicht, wenn der Interpret das Publikum fotografiert.

In der Pause lenkt Kai Kauerhofs Installation "Pause Heavy Rotation"", welche im Foyer zu hören und zu sehen ist, die Aufmerksamkeit auf sich. In einem Raum der Erwartungen und des Übergangs zum Eigentlichen schlägt man sich Zeit mit Nebensächlichkeiten tot. Dies hat seine auditive Entsprechung im Abspielen verschiedener regionaler Privatsender durch mehrere im Raum verteilter Radioempfänger. So erklingt aus der einen Ecke Radio Energy, aus einer anderen Oldie-FM. Ganz normal wie im Kaufhaus oder auf der Arbeit. Dies soll die ständige Wiederholung "der größten Hits" und die "oberflächlichen Reflexe eines glatt gebügelten und weichgespülten Hörers" aufzeigen. Ebenso symbolisch ist die "Übertragung" eines Ping-Pong-Spiels sowie das am Ort der Notdurft installierte Radio.

Das abschließende Stück "Tape-Symphony" von Peter Herrmann enthält wohl die stärksten Gegensätze in sich. Instrumentiert für Violoncello, Klavier und 4-Kanal Tonband klingen zarte Melodien gleich neben heftigen Disco-Beats mit Halleffekten. Dies assoziiert starke Schwankungen in der Raumvorstellung. Ein perfektes Zusammenspiel der zwei Akteure ist Voraussetzung für einen Dialog (bzw. Monolog?) zwischen Mensch und Maschine. Kammermusikalische Melodien, lange Pausen. Plötzlich sehr laut tosende Beats um alle vier Ecken. Das 4- Kanal- Tonband vermag interessante Effekte hervorzurufen. Klänge werden weggepustet und schweben wieder vorüber, kaum zu erkennen, was im nächsten Moment passieren mag.

Sehr interessante Hörerlebnisse bot dieser Abend, was das Publikum veranlaßte, nach der Darbietung angeregt mit den Initiatoren und Interpreten des Forum-Ensembles zu schwatzen.


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