Stefan Horlitz | Drucken12.02.2003 

Die ungestüme Kraft aus der Zurückhaltung

Die Folk-Rock-Band „Farlanders” sind in der naTo

Was in Russland an "Folklore" zu holen ist, ist bisweilen mit äußerster Vorsicht zu genießen. Den größten Umsatz macht man dort wie hier mit Volkstümlichen - da lässt man einen Frauenchor irgendein altes Lied schmettern, legt einen flotten Rhythmus aus dem CASIO drunter und fertig ist die Single. Nicht unbedingt spannender sind die offiziellen Aufnahmen aus sowjetischer Zeit, die zur höheren Ehre der Völkerfreundschaft gereichen sollten und zumeist virtuose bis geschmacklose Inszenierungen allerlei fröhlichen Treibens sind.
Die Farlanders aus Moskau waren angekündigt - und wer die bisherigen Arbeiten der Russen um Sängerin Inna Zhelannaya und den Ethnologen, Sänger und Virtuosen Sergej Starostin, kennt, für den war klar: hingehen und voller Ehrfurcht lauschen, wie sich Jazz, "Russkij Rok" und vor allem die archaische Folklore des russischen Südens ein Stelldichein geben.

Sergej Starostin ist seit Jahrzehnten auf die Suche nach den älteren Schichten russischer Volksmusik. Ein unermüdlicher Sammler und Interpret, der kein spannendes Experiment scheut. Am bekanntesten ist wohl die Zusammenarbeit mit Michail Alperin und Arkadij Shilkloper im "Moscow Art Trio". Mongolischer Kehlkopfgesang prallt auf bulgarische Vokalensembles, die samische Sängerin Mari Boine spielt mit einer russischen Rockband...

Die "Farlanders" sind freilich mehr als nur ein weiteres Starostin-Projekt. Hier hat man es - soviel ist nach den ersten Takten klar - mit einer bestens aufeinander eingespielten Band zu tun, die sich blind versteht. Bei aller Virtuosität spielt sich niemand in den Vordergrund; die oftmals ungestüme Kraft entwickelt sich aus der Zurückhaltung der sieben Musiker. Inna Zhelannayas Stimme beherrscht alle Nuancen zwischen hypnotisierend-samtigem Flüstern und durchdringender Lautstärke. Das größte Faszinosum dürften allerdings die beiden bis an die Zähne mit selbstgebauten Holzblasinstrumenten bewaffneten Sergejs (Starostin und Klevenskij) sein. Mit Kuhhörnern ("...homemade...!"), Klarinetten, Schalmeien, allerlei Blechflöten, Dudelsäcken und Kalyuki (Hirtenflöten) prägen sie den kraftvollen Sound des Septetts. Diese außergewöhnlich bezwingende Kombination wird von der Rhythmussektion Sergej Kalachev/Pavel Timofeev abgefedert. Immer wieder flechten die "Farlanders" Trio-, Duo- und Solostücke ein: wüsteste Improvisationen stehen neben einstimmigen, unbegleiteten Balladen - dann bricht wieder Tanzbares im 11/8-Takt los, mit erdigen Klarinettensoli, die Giora Feidman wie einen Salonmusiker erscheinen lassen.

Bleibt nur die Frage, wer sich die Sache mit der Bestuhlung ausgedacht hatte...

Inna Zhelannaya - Gesang, Gitarre
Sergey Starostin - Holzblasinstrumente, Gesang
Sergey Kalachev - Bass
Sergey Klevenskij - Holzblasinstrumente
Pavel Timofeev - Schlagzeug
Alexander Cheparuchin - Percussion

12.02.2003, naTo

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