Juliette Kaiser | Drucken22.06.2008 

Die Kassette

Zwischen Retro-Schick und Zukunftsmusik

Als ich reinkomme, sitzen die Jungs vom Kassettenladen auf der Couch, trinken Eiskaffee und lauschen einem Tape. War ja klar. Sobald ich aber drin bin, springen Johann und Jacob auf und führen mich stolz herum. Im ersten Raum zieren die 150 Tauschobjekte die Wände und in der Mitte thront in einer Glasvitrine das Tape des Monats. Den Grundbestand an Tapes stellten die Betreibern selbst, nun ist es an den Besuchern diese munter gegen eigene auszuwechseln. Im Nebenzimmer wird's gemütlich: eine Sofaecke, Magazine und Fotowand. Natürlich darf auch ein "Käffchen" nicht fehlen. Das wissen die vier Neu-Kaffeesachsen und Ladenbesitzer, die als Band geschlossen von Ulm gen Osten zogen. Mit drei weiteren Helfern schufen sie auf freiwilliger Basis einen Ort für alle, denen die digitalen Musikportale zu wenig kuschelig sind.

Kuschelig in Lindenau? Genau!

"Also wir wohnen noch weiter draußen in Alt-Lindenau", erzählt Jacob. "Wir finden Lindenau interessant aufgrund der Kontraste, die es hier gibt: Einerseits die Alkoholiker, die neun Uhr morgens mit der Flasche rum laufen und anderseits die Studenten, die immer mehr hierhin ziehen, weil es einfach billiger ist." Schön sei es auch noch und nette Nachbarn haben sie mit der Galerie D21 auch. Man plant einen gemeinsamen Tag der offenen Tür und nachbarschaftliches Werben für einander bleibt nicht aus. Die Jungs reden von einem Aufbruch, den sie spüren. Da wollte man halt ein bisschen mitmachen, sagen sie bescheiden. Gerade laden sie zum Fußballschauen und kommentieren (als Belohnung winkt ein Bier gegen die trockene Kehle). Ab Ende September kommt eine Musikreihe mit experimenteller Musik dazu. "Wir hoffen jetzt natürlich, dass noch mehr Leute entdecken, dass man hier gemütlich sitzen und Kaffee trinken kann", meint Jacob und ergänzt lachend: "Sonst sitzen wir halt allein hier, das ist auch schön."

Rewind FastForward Play - DIE KASSETTE drückt die richtigen Knöpfe

Niemand weint um die Diskette oder die Telefonkarte, doch im Gedenkraum der Kassette vergießen alle Medien vom Spreeblick über Intro bis zum MDR Freudentränchen. Was macht die Kassette so apart? Das Geheimnis heißt Gefühl. Wer sein Herz verschenkt, der legt meist ein Tape mit auf den Tisch. So sind all die liebevoll zusammengestellten oder im Radio mitgeschnittenen Unikate vielmehr Medium der Liebe als der Musik. Sogar die Selbstfabrizierten bergen zärtliche Erinnerungen an vergangene Sommer, Winter oder zumindest Autofahrten. Kein Wunder, dass in der KASSETTE kurz vor dem Tausch noch viele rumheulen: "Ah, das wollt ich eigentlich gar nicht weggeben." Einer hat seins letztlich noch mal überspielt. "Da kann keine CD mithalten." Bezeichnenderweise Rohling genannt, fehlt ihr letztlich der Charme der Handarbeit. "Kassetten sind einfach etwas total persönliches und erzählen oft Geschichten", ergänzt Jacob. Letztlich ist es aber doch einfacher sich von einer Kassette als von einem "I love Klaus"-Tattoo zu trennen, besonders wenn man dafür ein Neues kriegt. "Es ist schon etwas Besonderes, wenn du hier ein Mixtape mitnimmst und merkst: Das ist es ein ganz konzentriertes, schön gemachtes Kassettending." Denn durch die Anonymität verwandelt sich das persönlich in etwas Geheimnisvolles. Als ich mein Tape schließlich mutig aus der Tasche krame und die Wand entlang stöbere, da sind wir beide aufgeregt. Es wäre auch für ihn immer ein besonderer Moment, wenn dann tatsächlich getauscht wird, erklärt mir Ladenbesitzer Jacob. Also los. Anschauen, Aufklappen, Reinhören, Austauschen - auf dem Marktplatz der namenlosen Intimitäten ist alles erlaubt und man kann nur gewinnen.

DIE KASSETTE

Geöffnet: täglich 15-20 Uhr
Demmeringstraße 23

www.diekassetteleipzig.de

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