Steffen Kühn | Drucken25.01.2007 

Die überwältigende Wucht von Musik

Das Bundesjugendorchester ist mit einem anspruchsvollen Programm im Gewandhaus

Das Programm ist anspruchsvoll, nach Rautavaaras Konzert für Vögel und Orchester steht Schostakowitschs zweites Violinenkonzert mit Kolja Blacher als Solist auf dem Programm, nach der Pause dann Sibelius´ klangmächtige zweite Sinfonie. Jac van Steen und das Bundesjugendorchester spielen heute Abend zusammen im Gewandhaus als hätten sie niemals wirklich etwas anderes vorgehabt. Am Ende haben sie das leider nur spärlich besetzte Haus in einen nicht enden wollenden Begeisterungsrausch versetzt. Erst nach einer Zugabe, dem Scherzo aus Mendelsohns Mittsommernachtstraum, kehrt Ruhe ein und die jungen Musiker und ihr Maskottchen, ein knudliger Teddybär verlassen das Podium.

Rautavaaras Cantus arcticus aus dem Jahre 1972 hat den finnischen Komponisten bekannt und berühmt gemacht, nach der üblichen Reise durch die strukturellen Imperative der zeitgenössigen Musik des 20. Jahrhunderts ist er bei einer sinnlichen respektive romantischen Tonsprache angekommen. Er reflektiert unmittelbar konkrete und unbewusste Erfahrungen, in Cantus arcticus speziell die Stimmen arktischer Wasservögel. Die menschenleere eisige Landschaft wird in melodischen Bögen gemalt, Vögelstimmen setzen die ersten Akzente, hauchen der Atmosphäre Leben ein. Vom ersten Takt an hat Jac van Steen die jungen Musiker auf dem Punkt, besonders die ausgezeichneten Bläser erreichen eine fesselnde Qualität. Melancholische Momente, die Kälte, die Gefahr des Eismeers zaubern die Streicher in wunderbar trockenen flächigen Strukturen, das Flimmern geht im letzten Satz in das Geschrei von Singschwänen über. Im großen Crescendo am Ende des Stückes kann man die Schwäne fast fühlen.

Dann Kolja Blacher: Das junge Orchester ist wie elektrisiert vom berühmten Kollegen. Die Orchestersolisten gehen auf im jazzigen Schostakowitsch-Groove, besonders die junge Dame am Solohorn spielt sich in unwiderstehliche Höhen. Kolja Blacher gibt sicher die Richtung vor in den rasenden, vielschichtigen Rhythmen. Doch auch noch im irrsinnigstem Pizzicato bleibt den Musikern Zeit sich gegenseitig anzulächeln, eine Spielfreude die ins Publikum strahlt und am Ende Begeisterungsstürme auslöst.

Nach den farbigen, oft auch ruppigen Kompositionen Sibelius´ schwelgende zweite Sinfonie. Für das Orchester das "go" sich mal richtig auszutoben. Jac van Steen, offensichtlich sehr erfahren im Umgang mit feurigem Nachwuchs, gelingt es an den nötigen Stellen auf die Bremse zu treten, auch hier begeistern wieder die exzellenten Bläser. Bei einem so bekannten Werk hört man dann doch ab und an handwerkliche Defizite, doch darum geht es eigentlich nicht. Das Gesamterlebnis, der Fluss und die Wucht der Musik ist überwältigend und man wünscht diese Spontanität und Offenheit den Profiorchestern dieser Welt!

Jugendorchester_Zyklus im Gewandthaus

Bundesjugendorchester - Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland
Leitung: Jac van Steen
Violine: Kolja Blacher
Einojuhani Rautavaara: Cantus arcticus - Konzert für Vögel und Orchester
Dimitri Schostakowitsch: 2. Konzert für Violine und Orchester Cis-Moll op. 129
Jean Sibelius: 2. Sinfonie D-Dur op. 43

15. Januar 2007, Gewandhaus, Großer Saal

www.bundesjugendorchester.de

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