Rainer Schöbe | Drucken18.02.2012 

Güldene Klangwelt

In Weltklasseform debütiert der junge Dirigent Tomas Netopil im Grossen Concert des Gewandhausorchesters

Tomas Netopil (Foto: PR / www.tomasnetopil.com)

Wenn junge Dirigenten, wie derzeit Gustavo Dudamel, Yannick Nézet-Séguin und auch Tomas Netopil eine derart rasante Weltkarriere starten, ist man natürlich voller Erwatungen. Was zeichnet einen Tomás Netopil aus, unterscheidet ihn, macht ihn besonders?

Und so ging ich trotz klirrender Kälte am 3. Februar gespannt ins Gewandhaus.

Der junge Tscheche Netopil brachte gänzlich Werke aus seiner Heimat mit. Zwei große Orchesterrhapsodien und eine riesige symphonische Dichtung. Eine erfrischend andere Programmkonstellation. Endlich einmal nicht, wie noch in der Vorwoche, das übliche Ouvertüre-Solokonzert-Sinfonie-Ritual. Der Abend begann mit Taras Bulba von Leos Janácek. Ihm liegt eine von Nikolai Gogol bearbeitete Sage über den Ataman Taras Bulba zugrunde, der „die ukrainischen Kosaken im Kampf gegen die polnische Fremdherrschaft führte“ (aus dem Programmheft). In diesen Kämpfen verlor Taras Bulba seine beiden Söhne Andrij (1. Satz der Rhapsodie) und Ostap (Nr. 2) bevor er dann selbst starb. Die Befreiung des ukrainischen Volkes blieb zu seinen Lebzeiten Vision. Dies gelang erst im Jahre 1648, weit nach Taras Bulbas Tod (Nr. 3). Ein solches Programm war für den glühenden Patrioten Janacek, der alles Deutschsprachige entschieden ablehnte, wie geschaffen, sind doch die Befreiungsbemühungen der Ukrainer damals und des Tschechischen Volkes zu Janaceks Lebzeiten (1854–1924) ein deutliches Äquivalent.

Die dreisätzige, mit Orgel und großem Streicherapparat üppig besetzte Rhapsodie beginnt mit sanft wiegenden Streicherakkorden, über die sich eine klagende Melodie des Fagotts langsam erhebt. Oboe und Violine treten hinzu, dann feierlich leise ein Choral in der Orgel. Die Stimmung schwenkt, nach anschwellendem Glockengeläut um, zu einem fast tänzerischen, von schroffen Posaunenakkorden und heroisch jubelnden Trompeten unterbrochenen Tanz, um dann, nach Andrijs Tod, in Resignation zu verhallen.

Der zweite Satz ist ein krasser Kontrast. Gegen einen leuchtenden Klangteppich der Harfe setzen sich extreme Staccati des Streichorchesters, die sich erst nach und nach zu einem Motiv zusammensetzen, um dann, ähnlich wie im ersten Satz, wieder in eine tänzerische Passage zu münden. „Prophezeihung und Tod Taras Bulbas“ (Nr. 3) ist wider Erwarten kein Requiem, kein klingender Nachruf. Janacek konzentriert sich auf Bulbas Befreiungsprojekt. Schon der Anfang ist entschlossen. Die Posauneneinwürfe aus Nummer 1 treten erneut hinzu, allerdings über einem wiegenden Achtelpuls der Pauken und Streicher, und eingebettet in einen wundervollen, auftrumpfenden Blechbläsersatz, der durchaus an Bruckner denken lässt. Es ertönen Hornrufe und eine leidende Melodie der Solovioline lässt dann doch Trauer aufscheinen – jedoch nur kurz. Die Hornrufe ertönen wieder, nach und nach mischen sich das gesamte Orchester und die Orgel mit vollem Werk ein und beenden in einer grandiosen Coda das Werk.

Die Aufführung unter Tomás Netopil muss als hervorragend bezeichnet werden. Das gut aufgelegte Gewandhausorchester bietet ihm neben hervorragenden Bläsersoli und einem kernig dunklen Streicherklang eine extrem ausdifferenzierte Palette an Klangfarben und -mischungen sowie eine dynamische Breite, die in beide Richtungen ins Extrem geht. Einige Schönheitsfehler hatte lediglich das etwas abgebrüht gespielte Solo von Konzertmeister Christian Funke und die etwas überdeckend laut gespielten Röhrenglocken. Das bemerkenswerte an Netopils Interpretation jedoch war die absolute Stilsicherheit. Wo andere Dirigenten einfach nur Dreiertakte schlagen, entdeckt er tschechische Folklore und dirigiert es auch wiegend tänzerisch. Er vermag es, große Kontrastwirkungen aufzubauen, jedoch nicht mit oberflächlicher Show. Nein. Er entwickelt die Dramaturgie aus der Tiefe heraus, aus Bedeutungen und ihren Binnenzusammenhängen. Damit ist er ein bereits sehr reifer Dirigent, der nicht nur präzise schlägt und wirklich alle Einsätze gibt, sondern auch mitreißt, an den richtigen Stellen seine Körperlänge auch dazu nutzt, Lautstärke zu fordern. Ihn in der zweiten Hälfte, in Antonin Dvoráks symphonischer Dichtung Das goldene Spinnrad von vorne gesehen zu haben, war die reine Freude. Beide Werke dirigierte der junge Tscheche auswendig!

Vor der Pause gab es dann noch eine echte Rarität: Bohuslav Martinus Rhapsody-Concerto für Viola und Orchester. Solist war Bohuslav Matousek, dessen dunkler und charakterstarker Ton wunderbar zur Klanglichkeit des Gewandhausorchesters, das nun in einer deutlich kleineren Besetzung spielte, passte. Leider kommt man kaum umhin, dem dargebotenen Stück doch etwas die Originalität absprechen zu müssen. Da sind hin und wieder interessante Modulationen, eine eigene harmonische Sprache. Diese hat aber kein Ziel. Melodische Einfälle sind gut, werden aber nur aneinandergereiht, nicht auskomponiert. Am überzeugendsten geriet der zweite Satz, der langsam beginnend nahtlos in einen zweiten Allegroteil mündet, also eine Art angehängtes Minifinale darstellt. Hier wird es tänzerisch, hier blühen alle Beteiligten hörbar auf. Eine gelungene, nicht überragende Aufführung, die dann, dank der Schlusswirkung, mit viel Beifall aufgenommen wird.

Der absolute Höhepunkt war jedoch Das goldene Spinnrad. Ein absolut typischer Dvorák. Blühende, fast triefende Melodien, Naturklänge der Hörner, urwüchsige Märsche und Tänze. Das alles ist eingebettet in eine charakteristische Märchenhandlung. Da reitet der König zur Jagd, Mutter und Tochter bleiben in der Hütte zusammen mit der Stieftochter, die am Spinnrade webt. Der König verliebt sich nach seiner Rückkehr in die Stieftochter, bittet um ihre Hand. Hochzeit. Bald darauf muss er in den Krieg ziehen. Die Stieftochter wird von den beiden anderen Frauen ermordet und ihre Körperteile werden erst im Handel gegen Goldschmuck, darunter auch ein goldenes Spinnrad, herausgegeben. Ein alter Greis findet die Leiche, erweckt sie wieder zum Leben und ermordet die beiden Mörderinnen. Als der König zurückkehrt, findet er die Stieftochter und junge Königin gesund wieder und wirft die Überreste von Mutter und Tochter den Wölfen zum Fraß vor. Dvorák komponiert recht streng an der Handlung entlang, schafft es aber durch kluge Wiederholungen, etwa die charakteristischen Märsche und durch innere thematische Rückbezüge, eine enorme Geschlossenheit zu erzielen.

Netopil erweist sich als Kenner der Partitur und entlockt dem Gewandhausorchester einen unglaublichen Klang sowie einen Grad an technischer Perfektion, den man selbst bei einigen Chailly-Konzerten vermisst. Das ist wirklich absolute Weltklasse und zwar in jedem Register. Besonders heraus stachen die Hörner, welche als Quartett in ihrer Homogenität einmalig sind. Aber auch Jan Wessely, stellvertretender Solohornist, verblüfft mit seinen langen Melodien. Dvoráks, aber auch Janáceks Orchestrierungskunst sind unglaublich passend zur Klangkultur des Traditionsorchesters. Alles in allem eine bemerkenswerte Aufführung und ein absolut geglücktes Debüt eines sehr weiten und intelligenten jungen Dirigenten in einem erneut bei weitem nicht ausverkauften Gewandhauskonzert. Bravo!

Grosses Concert

Leos Janácek: Taras Bulba

Bohuslav Martinu: Rhapsody-Concerto für Viola und Orchester

Antonin Dvorák: Das goldene Spinnrad

Bohuslav Matousek, Viola

Gewandhausorchester

Dirigent: Tomás Netopil

2. Februar 2012, Gewandhaus, Großer Saal


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