Christoph Sramek | Drucken17.10.2012 

Empfindsam und tiefgründig

Auf Doppel-CD „Wolfgang Stendel: Vis verbi et sonus“ bezeugen verschiedene Kammerensemble die Vielfalt des Komponisten

Emotional aufgeladene, farbige Ereignisse ohne vordergründige Gegenständlichkeit markieren das Cover einer neuen Doppel-CD mit Kammermusikwerken von Wolfgang Stendel. Das Bild, das viel Raum für die eigene Fantasie des Betrachters gibt, stammt vom äußerst empfindsam und tiefgründig arbeitenden Komponisten selbst und trägt den bezeichnenden Titel Chroma I. Offensichtlich verweist Stendel damit auf seine vitale Freude an der stimmungsvoll-metaphorischen Farbigkeit seiner Musik.

Ein Teil dieser klanglichen Coleur individuel kommt tatsächlich aus dem freien Umgang mit der Chromatik, die atonale Gefilde berührt und nicht selten im Spiel mit auch enharmonisch sich wandelnden tonalen Relikten große Spannungsbögen entfaltet. Ein anderer Teil der oft prismatisch aufgeblendeten Leuchtkraft der Werke (wie eben Diffraction!) resultiert aus einer subtilen Behandlung der Instrumente. Korrespondierende und kontrastierende Klangfarben sind satztechnisch so transparent gestaltet, dass sich faszinierende Stimmungsbilder, sphärische Klangräume, organische Formverläufe entwickeln, die in zauberhafte Gegenwelten zu (ent-)führen scheinen, und doch – auch oder gerade deshalb – als unverkennbare künstlerische Reflexe auf die Realität um die Jahrtausendwende verstanden werden können.

Schon durch die unterschiedliche Besetzung sowie die spezifische Präsenz ausgewählter Intervalle und ihrer Beziehungen heben sich die eingespielten Ensemblestücke deutlich voneinander ab, in gewisser Weise vergleichbar der Tonartcharakteristik in der traditionellen Musik. Darüber hinaus dienen eingefügte Texte und musikalische Zitate als klanglich bereichernde semantische Bezugspunkte: Wie der Titel Zeitsprung – in Kälte und Erstarrung (nach „Les Baricades Mistérieuses“ von François Couperin) für Kammerensemble und Sprecher (2003) angibt, integriert Wolfgang Stendel hier neben einem melodramatisch angelegten Text von Percy Bysshe Shelly auch ein Cembalo-Stück des genannten französischen Komponisten. In den Laudes für Kammerensemble (2002) hingegen greift er auf archaische Vokaltechniken zurück. Solistisch von einem Bariton herausgehobene Verse aus dem berühmten Sonnengesang des Heiligen Franziskus sowie aus dem Paradiso von Dante Alighieri sind durch melismatische und syllabische Vertonung ganz unterschiedlich strukturiert, zugleich aber in übergreifende Klangfelder integriert, die insgesamt aus der chromatischen Totale hervorgehen. Dadurch erhalten die alten Texte eine überraschende Aktualität, neuen Wahrheitsgehalt.

Diese weitgehend von mosaikartig wirkenden Bausteinen bestimmte, von variativen Prinzipien durchdrungene, anspruchsvolle Musik bedarf allerdings der kongenialen Aufführungspraxis, um zu wirklicher Authentizität zu gelangen. Das ist in den vorliegenden Konzertmitschnitten zweifellos gelungen, da hervorragende Spezialisten am Werke waren, allen voran das Ensemble Forum für Zeitgenössische Musik Leipzig sowie das Ensemble Konfrontation Halle unter der verdienstvoll-einfühlsamen Leitung von Friedrich Goldmann und Thomas Müller.

Wolfgang Stendel: Vis verbi et sonus – Wortgehalt und Klang

Musik für Kammerensemble aus den Jahren 1984-2004

Doppel-CD

Ensemble Forum für Zeitgenössische Musik Leipzig

Ensemble Konfrontation Halle (Saale)

Ralf Mielke; Friedrich Goldmann; Thomas Müller; u.a.

ambitus, Hamburg 2012

www.ambitus.de

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