| Drucken24.01.2002 

Double Attack – Klavierduo, Jazz (Nico Thom)

Double Attack - Klavierduo, Jazz

Frank Raschke ? Klavier
Guido Raschke ? Klavier

Können Sie mir helfen?

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen? Da hört man ständig ein bestimmtes Wort, das allerorts und von jedermann benützt wird, und trotzdem glaubt man, daß niemand dessen Bedeutung jemals vollständig erschlossen hat. Das Wort ist quasi Allgemeingut ? und dennoch semantisch nicht greifbar. Eines dieser Wörter ist für mich das Wort: Kleinkunst.

Na das ist doch leicht, werden Sie denken, simples Wort, was soll daran so schwierig sein! Also ich verstehe es nicht! Was ist damit wohl gemeint? Ich versuche es morphologisch zu deuten ? das zusammengesetzte Substantiv ist eine Verbindung des Substantivs Kunst mit dem Adjektiv klein. Kleine Kunst also ? was ist kleine Kunst? Worauf bezieht sich das klein? Auf den Ort, an dem die Kunst aufgeführt wird? Wie sieht es dann mit einem Veranstaltungsort aus, mmh, sagen wir, wie beispielsweise mit der Moritzbastei? Ist das ein Ort für Kleinkunst? Die Moritzbastei ist nicht unbedingt klein, würde ich sagen, im Gegenteil. Immerhin fanden am Donnerstagabend zwei Konzerte gleichzeitig statt ? beide in der MB; und da hatte man noch nicht einmal den großen Diskobereich geöffnet, der blieb an diesem Abend geschlossen. Außerdem ist die MB der größte Studentenclub Deutschlands. Schön, schön, werden Sie denken, aber das Gewandhaus ist ja wohl offensichtlich größer, oder? Gegenfrage: Ist die Messehalle 7 nicht größer als das Gewandhaus? Führt man demnach im Gewandhaus kleine Kunst auf und in der Messehalle 7 große?

Definiert sich Kleinkunst eventuell über die Anzahl der beteiligten Musiker? Ja, werden Sie vielleicht denken; kleine Formationen, sagen wir, ein Klavierduo, macht kleine Kunst und große Formationen, wie zum Beispiel das Gewandhausorchester, macht große Kunst. Na, da ist eventuell etwas dran. Dann werden Sie mir also Recht geben müssen, wenn ich behaupte, daß die Fischer-Chöre richtig große Kunst machen, denn die sind sogar größer als das Gewandhausorchester.

Ich weiß nicht, irgendwie kommen wir so nicht weiter. Könnte man sagen, daß sich kleine Kunst eventuell über einen kleinen Zuhörerkreis definiert und große Kunst über ein großes Publikum? In diesem Falle wäre das Konzert des Klavierduos ?Double Attack? mit den Gebrüdern Raschke Kleinkunst, denn die Anzahl der Zuhörer war eher bescheiden. Richtig, werden Sie womöglich denken, bei Beethovens 9. ist das Gewandhaus stets ausverkauft ? über zweitausend Zuhörer ? das ist wahrhaft große Kunst. Ich stimme ihnen zu; Beethoven war ein Meister und er erschuf großartige Kunst, aber, stellen wir ihm die arenafüllende Kunst eines DJ Bobo gegenüber, dann muß seine verblassen.

Mein Vorschlag ? streichen wir dieses seltsame Wort vorerst aus unserem Vokabular, zumindest so lange, bis es jemand befriedigend explizieren kann! Bewerten und fördern wir Kunst doch lieber nach rein künstlerischen Maßstäben! Welch traumhafte Vorstellung ? eine Stadt in der Fördergelder für Kunst nach künstlerischen Kriterien vergeben werden. Doch wer zuviel träumt, erwacht böse...

Die Musik des Pianoduos Double Attack war, zumindest an diesem Abend, weder kleine noch große Kunst. Keine kleine, da man mit Bearbeitungen von berühmten Kompositionen, sowohl des Klassik- als auch des Jazzgenres, mitunter interessante und subtile Variationen aufzuweisen hatte. Das Duo spielte beispielsweise eine Bearbeitung von Tschaikowskis 5. Sinfonie, deren Titel ?Petr?s Waltz? die eigenwillige Interpretation erahnen läßt. Spannend und musikalisch hervorragend vorgetragen geriet eine Komposition namens ?Bluesolero? ? eine Verschmelzung von Miles Davis?s Klassiker ?All Blues? und dem Ravelschen ?Bolero?, bei der sich beide ?Hits? korrelierten. Überhaupt muß man die ungewöhnliche Programmzusammenstellung hervorheben und loben. Da ertönten Stücke von Kurt Weill, Friedrich Gulda und Wayne Shorter neben Eigenkompositionen namens ?Lydian Boogie?, ?Ballade about BACH? und ?Dinner for two?. Nachteilig waren nur die mittelmäßigen Instrumente (ein Flügel, ein Klavier und ein altes E-Piano) bzw. die schlechte Akustik in dem kleinen Gewölbe. Hätten die beiden Musiker die Möglichkeit gehabt, sich auf Steinway-Flügeln auszutoben, ihre Kunst hätte schlagartig an Größe gewonnen.

(Nico Thom)

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