Julia Neupert | Drucken28.01.2003 

Osten trifft Westen auf der Südmeile

Das East West Jazz Project in der naTo

Am Dienstag hatte man in Leipzig tatsächlich einmal die Qual der Wahl, denn nicht nur das Spizz, sondern auch die naTo lockte mit großen Namen. Aber: Kenny Wheeler konnte man sich einfach nicht entgehen lassen, und so entschieden sich viele Jazzbegeisterte für das East West Jazz Project auf der Südmeile.

Das Quartett - man will es kaum glauben - hatte sich tatsächlich nur für dieses Projekt zusammengefunden: der Pianist Antonin Donchev aus Sofia, der Bassist Vladimir Volkov aus Sankt Petersburg, der Schlagzeuger Klaus Kugel aus Köln und Kenny Wheeler, der britische Trompeter kanadischer Abstammung, dessen Name nun schon seit Jahrzehnten für gute Musik bürgt.

Die Fäden in der Hand hatte an diesem Abend aber Antoni Donchev. Seine klar strukturierten, melodiösen Kompositionen waren eine wunderbare Basis für Improvisationen und - irritierten häufig durch die komplizierten asymmetrischen Metren seiner bulgarischen Heimat. "Ja gehen denn die Bulgaren alle lahm, dass sie Melodien mit solch hinkenden Rhythmen haben?", zitierte schon Bartók in einer seiner Untersuchungen zur osteuropäischen Volksmusik einen anscheinend überforderten Musiker. Von Überforderung konnte nun allerdings bei diesem Quartett keine Rede sein und selbst in dem atemberaubenden Tempo des Stücks "We are the Barbarians" (!) wirkten diffizile Taktwechsel natürlich und dabei äußerst kontrolliert.

Energiegeladener Mittelpunkt des rhythmischen Geschehens war zumeist der russische Bassist Vladimir Volkov, der unermüdlich den Puls der Musik vorantrieb und dazu mit einer superben Technik brillierte. Ob mit dem Bogen oder der flachen Hand - Volkov forderte sich und seinem Instrument alles ab. Stets auf dem Grat zwischen präziser Taktfestigkeit und freien Passagen bewegte sich Klaus Kugel am Schlagzeug. Mit seinem beckenbetonten Spiel und dem perkussiven Einsatz von Metallschalen erweiterte er zudem die klangliche Dimension der Stücke. Kenny Wheeler schließlich beeindruckte besonders dann, wenn es ruhiger wurde auf der Bühne. Unaufgeregt melancholisch klangen die von ihm gespielten Melodien und Motive. In seinen sparsam dosierten Einwürfen ließ er immer dem Melodischen den Vorrang, so dass nichts zufällig, nichts undurchdacht wirkte.

An diesem Abend waren sich vier Musiker mit einer sehr unterschiedlichen geographischen und musikalischen Herkunft begegnet und haben gezeigt, dass es sich gerade dieser Unterschiede wegen lohnt, zusammen Musik zu machen.

East West Jazz Project

Antoni Donchev - Klavier
Kenny Wheeler - Flügelhorn, Trompete
Vladimir Volkov - Kontrabass
Klaus Kugel - Schlagzeug, Perkussion

28. 01. 2003, naTo

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