Claudia Becker | Drucken27.10.2002 

Musik und ihr Publikum

Ein Konzert im Beethovensaal der Petrischule

Der Chor betritt die Bühne, doch die Menschen auf den wenigen Stühlen sind viel zu sehr in ihr Gespräch vertieft, um dies sofort mitzubekommen. Lautes Lachen und ein munteres Stimmengewirr beherrscht die Atmosphäre. Erst verspätet setzt der Applaus für die Künstler des Kammerchores Cantamus Dresden und des Mädchenchores Schola Cantorum aus Leipzig ein.

Der erste Ton. Ergriffenheit beherrscht plötzlich den Beethovensaal der Petrischule. Das Publikum lauscht gespannt den romantischen Klängen. Ein Baby schreit. Man zuckt zusammen, doch schnell wird die Musik wieder Herr über das Geschehen.

Ein Blick in die Runde zeigt einige Gesichter, die das gesamte Konzert hindurch lächeln. Wie verzaubert wirken diese Leute an diesem Sonntagnachmittag. Sie sind abgetaucht in eine andere Welt. Andere wiederum schauen wie versteinert nach vorn. Keine Gefühlsregung ist zu erkennen. Was mag sich in ihren Köpfen abspielen?

Eine Frau mit rotem Haar und gelbem Tuch fällt ins Auge. Sie atmet tiefer und schwerer je weiter das Konzert fortschreitet. Scheint vollkommen mitgerissen von den tragisch-romantischen Geschichten der weltlichen Chormusik Johannes Brahms'. Untermalt wird die wunderschöne Szenerie durch den Sturm, der draußen um die Bäume und Häuser fegt. Eine eindrucksvolle Situation, welche in andere Sphären schweben lässt.

Der Chor zieht alle in seinen Bann. Die Gefühle, welche in jedem Stück zum Ausdruck kommen, greifen sofort auf das Publikum über. An einer Fortestelle erschrecken einige so sehr, dass sie für eine Weile ganz fassungs- und regungslos vor sich hin starren, bis der Schock abklingt. Eine Frau wird mit der Zeit so entspannt, dass sie am Ende einschläft. Für sie wirkte das Forte wie ein Weckruf. Ein Mann hat an eben dieser Stelle ein verschmitztes Lächeln im Gesicht und scheint gar nicht erschrocken. Wie verschieden Musik doch wirken kann.

Die musikalische Ausdruckskraft des Chores und seiner Pianistin wird durch die Mimik einiger Sänger noch untermalt. Sie verziehen ihre Gesichter auf feinste Art und Weise. Ob lustig oder traurig, ob lachend oder schmerzvoll, ob fragend, ob ernst - sie haben immer die passendste Mimik parat. Man erwischt sich dabei, wie man seine eigenen Gesichtszüge zusammen mit den ihrigen verändert.

Der schönste Moment des Konzertes besonders für den Leiter Martin Lehmann, aber auch für alle anderen Beteiligten, ist sicher der lange Spannungsmoment nach dem Abschiedslied. Der letzte Ton verklingt einige Sekunden lang ohne unterbrochen zu werden. Nicht einmal ein Atemzug ist zu hören, bis der wohlverdiente Applaus einsetzt zu einem Konzert, welches einlädt, die mitreißende und doch verschiedene Wirkung von Musik, auf die unterschiedlichsten Menschentypen, zu beobachten.

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