Fabian Stiepert | Drucken01.05.2016 

Abschied von einem Pop-Genie

Prince starb unerwartet und viel zu früh. Almanach-Autor Fabian Stiepert schwelgt in Erinnerungen und empfiehlt ein paar gern übersehene Alben

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Prince auf dem Cover seines Albums „Lovesexy“ aus dem Jahr 1988.

Eigentlich war ich am Donnerstag, den 21. April 2016, bei einer guten Freundin zum Essen eingeladen. Kurz bevor ich los wollte habe ich noch schnell einen Blick aufs Smartphone geworfen und wurde von der Eilmeldung, dass Prince in seinem Paisley Park gestorben ist, schlichtweg überrollt. Da ich in den vergangenen 15 Jahren fast alles verfolgt habe, was Prince musikalisch wie privat so angestellt hat, wusste ich natürlich auch, dass er rund zwei Wochen vor seinem Tod ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Einen Tag nach dem Krankenhausaufenthalt wurde aber Entwarnung gegeben. Es habe sich nur um eine simple Grippe gehandelt. Ich war beruhigt, nachdem ich kurz darüber orakelt hatte, dass es nach David Bowie und Lemmy Kilmister doch nicht auch noch die nächste Musik-Legende erwischen dürfe. Und wenn, dann erst recht nicht Prince, der Zeit seiner künstlerischen Laufbahn frisch, natürlich und faltenfrei daherkam und somit locker die 90 hätte erreichen dürfen.

Unter diesen Gesichtspunkten lähmte mich die Nachricht von Prince’ Tod. Ich blieb in meinem Sessel sitzen, statt mich aufs Fahrrad zu schwingen und zu meiner Verabredung zu fahren und griff das „Purple Rain“-Album aus dem CD-Regal. Mit „Diamonds and Pearls“ zusammen war das mein erstes Prince-Album, das ich mir 2001 im Alter von 13 Jahren gekauft habe. In diesem frühpubertären Alter war für mich Prince’ provokantes Gender bending, das Überschreiten von Geschlechtergrenzen, in den 80er-Jahren eher nebensächlich. Im Kern bestand für mich das Faszinosum Prince darin, dass da jemand seinen inneren Zweikampf aus tief verwurzeltem Glauben und völliger Erotomanie so kompromisslos nach außen trug. Diese innere Zerrissenheit hat er ab Ende der 90er- Jahre bedauerlicherweise nicht mehr so eminent in seinem umfangreichen Werk verhandelt. Prince wurde Mitglied der Zeugen Jehovas und hörte auf zu fluchen oder en détail den Liebesakt zu besingen. Versaute Gassenhauer wie „Sexy M.F.“ oder „Automatic“ fanden damit keinen Eingang mehr in die Setlists seiner Konzerte.

Auch wenn solche Songs gefehlt haben, habe ich das Konzert von Prince im Jahr 2010 in der Berliner Waldbühne mehr als genossen. Trotz happigem Ticketpreis von 150 Euro wollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, immerhin war es das erste Deutschland-Konzert seit mehr als acht Jahren. Nachdem Prince die Bühne betreten und schon mit dem „Purple Rain“-Opener „Let´s go crazy“ die gesamte Waldbühne zum Überkochen gebracht hatte, folgten knapp drei unvergessliche Stunden. Und mit ein wenig Stolz kann ich von mir behaupten die Gitarre des Meisters kurz angefasst zu haben, nachdem dieser sie mit scheinbarer Nachlässigkeit ins Publikum gegeben hatte. Selbstverständlich hatten ein paar Securities das teure Stück im Auge, sodass niemand mit diesem Instrument von unermesslichem Wert abhauen konnte.

Was bleibt nun nach diesem viel zu frühen Abgang eines Giganten? Wenn alles gut läuft, kann man sich zumindest auf einen Hagel posthum veröffentlichter Alben einstellen. Der Tresor im Keller von Prince ist schon seit mehr als 30 Jahren ein sagenumwobener Ort. Angeblich sollen die ganz großen Geniestreiche dort schlummern und einige Weggefährten sind voller Angst, dass der Zahn der Zeit die noch analog bespielten Bänder kaputt gebissen hat. Hoffen wir, dass dort unten alles in bester Ordnung ist. Die Veröffentlichung unbekannter Perlen könnte ein wenig Trost spenden. Wer sich aber einfach so erstmal Zugang zum riesigen Prince-Kosmos voller Bootlegs und weit über zwei Dutzend offizieller Veröffentlichungen verschaffen will, der sei auf die folgenden fünf Alben hingewiesen.



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N.E.W.S (2003)

Ein Album, auf dem Prince nicht eine einzige Silbe singt, gibt’s das denn? Ja, das gibt’s! „N.E.W.S“ ist eine ungemein filigrane, vierteilige Suite, in der jedes Stück haargenau 14 Minuten dauert. Prince selbst brilliert dabei an der Gitarre von jazzig bis progrockig, John Blackwell vollbringt virtuose Großtaten am Schlagzeug, Rhonda Smith slappt unaufdringlich den Bass. Bedauerlich, dass es diese Aufnahme momentan nur zu Wucherpreisen zu erwerben gibt. Selten hat ein Pop-Künstler ein so virtuoses Instrumental-Album aufgenommen.



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20Ten (2010)

Wenn man was geschenkt bekommt, dann kann es ja nix taugen. Von wegen. „20Ten“ gab es damals wenige Wochen nach dem Konzert in der Waldbühne nur als Beilage der Augustausgabe des deutschen Rolling Stone und bietet knapp 40 Minuten schnörkellose, kurzweilige Popmusik, bei der auch Prince’ altbekannter „LINN-LM1“ Drumcomputer ausführlich zum Einsatz kommt. „Future Soul Song“ verliert trotz eindeutiger Retro-Ästhetik nicht an modernem Schmelz, „Act of God“ verpackt Finanzkrise und Krieg in kompakte 3:30 Minuten und „Lavaux“ ist eine funky Ode auf das gleichnamige Schweizer Weinbaugebiet. Abgefahren!



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Lovesexy (1988)

Allein das unfassbar kitschige Cover könnte einen davon abhalten dieses Album überhaupt aufzulegen. Wer sich vom Cover abschrecken lässt, der verpasst aber eine Menge. „Alphabet Street“ könnte glatt auf einem Gitarren-Lick von Nile Rodgers basieren. „Anna Stesia“ ist sowieso ein Fan-Favorit, den Prince auf seinen Konzerten gerne mal weit über 10 Minuten zelebriert hat und „I wish U heaven“ erinnert in seiner Verträumtheit fast schon an ein Kinderlied. „Lovesexy“ war rückblickend betrachtet Prince’ letztes Meisterwerk der Achtziger, bevor es mit dem seltsamen „Batman“-Soundtrack bergab ging.



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Dirty Mind (1980)

Mit seinem dritten Album war die Erfindung von Prince als Musiker und zentrale Figur der Achtziger endlich abgeschlossen. Auf den beiden Vorgänger-Alben „For You“ und „Prince“ wimmelt es zwar auch schon vor tollen Ideen und unwiderlegbaren Beweisen seiner Kreativität, aber mancher Song verliert sich in zu langen Jams. In knapp 30 Minuten wird auf „Dirty Mind“ hingegen alles richtig gemacht. Das Titelstück enthält mit „In my daddy´s car it´s you I really wanna drive“ eine Perle der Songlyrik, „Do it all night“ wird von einem genialen Keyboardsolo gekrönt und „Head“ ist wohl das einzig wahre Stück über Oralsex, das jemals produziert wurde. Was für ein unfassbar spaßiges Album, ideal für die Dauerschleife.



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The Rainbow Children (2001)

Dies ist zugegebenermaßen das vielleicht schwierigste Album, das er jemals aufgenommen hat. Wer aber die Tatsache beiseite wischen kann, dass es sich um ein Konzept-Album handelt, auf dem irgendeine für den deutschen Hörer nicht nachvollziehbare, quatschige Geschichte über Könige, Pharaonen und Martin Luther King erzählt wird, der kann sich ganz auf die musikalische Vielfalt einlassen, die einem hier auf stattlichen 70 Minuten geboten wird. „The Work“ ist fein arrangierter Funk, „Mellow“ purer, elegant hingecroonter Soul und der Spannungsaufbau bei „1+1+1 is 3“ so vertrackt und überwältigend, dass einem Angst und bange wird. Auch wenn es auf „The Rainbow Children“ textlich extrem gaga zur Sache geht, so gleicht das kompositorische Können von Prince das mehr als aus. Für echte Fans ist „The Rainbow Children“ absolut unverzichtbar.

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