| Drucken03.02.2002 

Emmerich Kálmán, Gräfin Mariza, Operette konzertant (Steffen Lehmann)

03.02.2002 Emmerich Kálmán, Gräfin Mariza, Operette
konzertante Aufführung

MDR Sinfonieorchester
MDR Rundfunkchor
MDR Kinderchor

Dirigent: Fabio Luisi

Morenike Fadayomi, Sopran (Gräfin Mariza)
Wolfgang Bankl, Bassbariton (Fürst Dragomir Populescu)
Adam Sanchez, Tenor (Baron Koloman Szupán)
Herbert Lippert, Tenor (Graf Tassilo)
Martina Dorak, Sopran (Lisa, seine Schwester)
Matthias Hummitzsch, Sprecher (Tschekko)
Ursula Karusseit, Sprecherin (Fürstin Bozena Cuddenstein)
Franziska Gottwald, Alt (Manja)
Lothar Ballhaus, Sprecher (Penižek)
Klaudia Zeiner, Alt (Ilka)

Csárdás á la Gewandhaus

Die großen Zeiten der Operette sind vorbei. Allenfalls ein Nischenplatz wird ihr noch zugestanden. Auch in Leipzig ist sie in der Musikalischen Komödie in Lindenau mehr schlecht als recht gelitten. Dass erfolgreiche Operetten-Aufführungen Anlass für hitzige Debatten im Wien der k.u.k.-Monarchie gewesen waren, ist heute kaum noch vorstellbar. Selige Zeiten. Und Emmerich Kálmán, einer der erfolgreichsten Operetten-Komponisten, konnte davon buchstäblich ein Lied singen. ?Der Rentier?, ein konservatives Intelligenzblatt für gebildete Stände, verriss Kálmáns ?Die Csádásfürstin? erbarmungslos. Verunglimpfung der Monarchie wurde dem Komponisten vorgeworfen, durch die Gendarmerie sollten ?die edelsten und höchsten Vertreter der Monarchie vor den Belustigungen des gemeinen Volkes geschützt werden.? Befriedigt stellte gleiches Blatt 1924 fest, dass Kálman sich mit der ?Gräfin Mariza? der Kritik gebeugt hätte, die fast zehn Jahre zuvor an seinem ?peinlichen Machwerk?, der Csádásfürstin, geübt worden war.

Ohne Umschweife kam Fabio Luisi gleich zur Sache: kurze Vorbeugung, auf Podest springen und die ersten Takte waren Sache von Sekundenbruchteilen. Die Schlagzeug-Batterie, die sich an der Orgelempore aufgebaut hatte, legte sich gleich mächtig ins Zeug. Angefeuert von Luisi, der einen wahren Veitstanz auf dem Podest aufführte, legten auch die Streicher von Beginn an jegliche Zurückhaltung ad acta. Nach fünf Minuten schon ertönten die ersten Bravo-Rufe. Nach dieser Offensive des ekstatischen Beginns wurde es Zeit, dass sich die Gemüter wieder etwas abkühlen.

Gelegenheit nun für den Rezensenten, sich der Handlung zu widmen. In Kürze: Graf verliert durch waghalsige Spekulationen gesamtes Vermögen und muss sich inkognito als Verwalter auf einem der Schlösser der aparten Gräfin Mariza verdingen. Die Dinge nehmen ihren Lauf, eine vorgetäuschte Verlobung muss ausgestanden werden, der Verwalter verliebt sich in die schöne Gräfin, das Vermögen kann gerettet werden und am Ende läuten die Hochzeitsglocken.

Eingebettet ist die Geschichte in ein Medley von Melodien (?Komm mit nach Varasdin? oder ?Komm Zigány?), die, hätte es damals bereits Hitparaden gegeben, wohl allesamt auf Platz eins abonniert gewesen wären. Aber die schönsten Melodien taugen ohne Solisten nichts. Morenike Fadayomi, stimmgewaltige Sopranistin nigerianischer Herkunft, hatte die Männerriege mit lasziven Gesten allseits im Griff. Mit ihren afrikanischen Gewändern gewann sie auch überlegen den internen Wettbewerb um die eindrucksvollste Garderobe.

Aus dem Schauspielhaus in der Gottschedstraße hatte Matthias Hummitzsch an diesem Abend den Weg in das Gewandhaus gefunden. War es das Feuer der Leidenschaft - von Mariza entfacht -, das ihn dazu verleitete, Fadayomi einen Handkuss aufzudrücken, der noch bis in Reihe 11 zu hören war? Herbert Lippert gab den geläuterten Grafen Tassilo, blieb aber bei aller gesanglicher Finesse etwas blass und leidenschaftslos. Diesen Part übernahm Graf Koloman Szupan (zufällig namensverwandt mit dem Schweinebaron aus Johann Strauß? Operette ?Der Zigeunerbaron?) in Gestalt des jungen Tenors Adam Sanchez. Den kürzesten Weg durch die Reihe 8 nehmend, bahnte er sich seinen Weg auf die Bühne. Der ?allerletzte Stammbäumling? vom Geschlecht der Szupans eroberte mit seinen Bonmots sofort die Sympathien im Saal.

Das Orchester ließ sich von der heiteren Laune anstecken, manchmal vielleicht etwas gar zu schnell. Besonders dann, wenn das Schlagzeug so laut dröhnte, dass die Sänger nur noch schwer zu vernehmen waren. Trotzdem, der Operette an diesem Abend die gebührende Achtung entgegengebracht zu haben, ist das Verdienst aller Beteiligten.

(Steffen Lehmann)

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