Steffen Kühn | Drucken | Kommentar (1)05.11.2006 

Neue Musik für Kammerensemble

Ensemble Leipzig 21 im Praxistest: Hans Werner Henze wird 80

Das zweite Konzert des jungen Leipziger Ensembles um den Dirigenten Hannes Pohlit beschäftigt sich mit Hans Werner Henze, der am 1. Juli dieses Jahres achtzig Jahre alt geworden ist. Aus Quattro Fantasie hören wir zu Beginn nur das Adagio, eine farbige, tonale Musik, ein klassisches Klarinettensolo zeichnet emotionale berührende Linien.

Die anschließenden Uraufführungen von Andrés Maupoint und Alexander Strauch werden von Kristin Schuster anmoderiert. Maupoint erzählt irgendwas von einem verspäteten ICE, als er endlich erscheint und der peinlich berührten Moderatorin den Strohhalm reicht. Sein Stück sollte "was ganz schwungvolles, kurzes werden, ein Witz vielleicht, drei bis vier Minuten dann ist es vorbei". Constanza Dörr Alamos mit ihrem kräftigen Sopran beginnt mit einem hellen Aufschrei die Komposition, es folgt tiefes Grummeln, Klatschen, zum Teil erinnern die Geräusche an Vorgänge, welche man Kindern beim Essen verbietet. Die Instrumentierung legt den Teppich für die stimmlichen Kaskaden, schnell noch ein Klarinettensolo, dann ist es vorbei.

Alexander Strauch ist nicht verspätet und auch wesentlich redseliger, was seine Komposition betrifft: Er beschreibt seine Kompositionen, bisher vorwiegend vokale Stücke, als sehr einfach, "bei Instrumenten versuch ich mich noch blöder anzustellen" erläutert er sein Stück =11=, was die elf Instrumente des Ensembles thematisiert. Auf Vierteltöne hat er verzichtet und sieht darin eine Art Hommage an Hans Werner Henze, freilich "ohne Herumzuhenzen", wie er betont. Frau Schuster ist schon lange nicht mehr Herrin der Lage, Herr Strauch holt zu einer umfassenden Erläuterung des strukturellen Aufbaus aus, Obertöne werden addiert und subtrahiert, irgendwie endet immer alles bei der Zahl sieben. Nach diesem wirrem Gerede ist man von der erstaunlich assoziativen, tonalen Musik sehr überrascht. Die Bläser setzen signalhafte Akzente, insgesamt vermisst man in der gleichartigen Struktur ein wenig die Spannung.

Da man den Glauben an eine schlüssige Dramaturgie des Programms längst aufgegeben hat, kann auch Der Wind von Franz Schreker nach der Pause niemanden mehr erschrecken. Die harmonische Sprache der Komposition arbeitet im Mittelteil mit rhythmischen Mitteln, die Kontraste und Spannungen entstehen aber hauptsächlich in den Melodien der einzelnen Stimmen, am Ende in tiefen Farben, wenn "der große starke Baum fällt".

Nach hektischem Umräumen, wie nach jedem Stück, dann zum Schluss die komplette Quattro Fantasie. Das Ensemble leider spannungslos, Hannes Pohlit fehlt der Gestaltungswille für dieses, für Henze typische Stück. Die phantasievollen Übergänge der zwischen tonaler und atonaler Struktur mäandernden Komposition kann man nur erahnen, das folienhafte subtile Übereinanderlegen ferner Stimmen und sirenenhafter Ausbrüche gerät unlyrisch und spröde.

Man darf verärgert sein: Ein unschlüssiges Programm, eine Moderation die scheinbar unvorbereitet neben den hilflosen Erläuterungen der Komponisten nur eine Statistenfunktion einnimmt und ein Ensemble das musikalisch zwar sehr ambitioniert ist, es aber zu keinem Zeitpunkt schafft, den hohen Ansprüchen der Kompositionen von Hans Werner Henze standzuhalten. Es bleibt zu hoffen, dass der schöne Ansatz des Ensembles, sich mit Neuer Musik zu beschäftigen, nicht ein theoretischer bleibt. Für die Verständlichkeit des Programmheftes wäre es gut, wenn man sich von der penetranten Kleinschreibung verabschiedet und weniger auf das Leben und die Preise der Komponisten, sondern mehr auf die Musik eingeht.

Hans Werner Henze 80 - Neue Musik für Kammerensemble

ensemble leipzig 21

Hans Werner Henze (*1926)
Adagio (1963) für Klarinette, Fagott, Horn und Streichquintett

Andrés Maupoint (*1968)
mikrofarben II (2006) für Stimme, Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier
(Uraufführung)

Alexander Strauch (*1971)
=11= (2006) für 11 Solo-Instrumente
(Uraufführung)

*****

Franz Schreker (1878-1934)
Der Wind (1908/09) für Klarinette, Horn, Violine, Violoncello und Klavier

Hans Werner Henze (*1926)
Quattro Fantasie (1958/1963) für Klarinette, Fagott, Horn und Streichquintnett

28.Oktober 2006, Bundesverwaltungsgericht, Großer Sitzungssaal

Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Georg Herbert schrieb am 10.08.2011 um 14:41 Uhr:

Wer die "Quattro Fantasie" authentisch interpretiert hören möchte, sollte das Konzert von Kunst & Justiz im Bundesverwaltungsgericht am 6. Dezember 2011, 19.30 Uhr, nicht versäumen. Es spielt das Scharoun Ensemble Berlin.

www.kunstundjustiz.bund.de

 
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