Michael Fürch | Drucken13.06.2018 

Drinnen is the new draußen

Erlend Øye schenkt dem Publikum einen hinreißenden Abend im Täubchenthal

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Erlend Øye in Leipzig ohne Rhythmus-Sektion. (Foto: Michael Fürch)

Gegen Ende des Konzerts rutscht ihm beim schnellen Klampfen auf der Ukulele fast die markante Brille von der schweißnassen Nase. Sogar zum Tanzen hat sich der gewöhnlich zurückhaltende Schlaks vorher hinreißen lassen, unglaublich! Im Täubchenthal ist es heiß und stickig, die Luft steht nach knapp zwei Stunden – und vibriert zugleich von jener mediterran-beschwingten Energie, die Erlend Øye, dieser Sanftstimmen-Rotschopf aus Norwegen, in bester Spiellaune zusammen mit seinen Begleitmusikern verbreitet hat.

Die letzten zwei Jahre hat er an drei neuen Alben gleichzeitig gearbeitet – eins davon wird allein italienische Texte haben. Jetzt brauche er eine Pause, frischen Input, verkündete er, und muss wieder auf die Bühne. Um sich freier zu fühlen. Frei gemacht hat er sich für diese Tour dabei zunächst mal von der Rhythmus-Sektion – also: keine Drums, keinen Bass, nur diverse Saiteninstrumente kamen zum Einsatz (gelegentlich unterstützt durch Trompete oder Klarinette). Das Genre-Spektrum von Øye und seinen unterschiedlichen Projekten (Kings Of Convenience, Whitest Boy Alive, Solo) ist bekanntlich breit und reicht von Neo-Folk, über Indietronica und Bossa bis hin zu Reggae. Funktioniert das? Ja, das Konzept ging vollends auf, es war ein unerwartetes Geschenk fürs Publikum, dessen Begeisterung in jeder Minute zu spüren war: Heruntergebrochen auf die essenziellen Harmonien, die allein durch Gitarren jeder Größe erklangen – und Øyes Samtgesang natürlich – entfalteten die eh schon einschmeichelnden und augenzwinkernden Songs ihre ganze emotionale Kraft; obendrein sowohl Musikern als auch Gästen ein glückliches Lächeln auf die Lippen.

Einige wenige Stücke – zum Beispiel das kaum live gespielte „The Power Of Not Knowing“ vom 2009er Kings Of Convenience-Album „Declaration Of Dependence“ – gab er solo zum Besten. Ansonsten begleiteten ihn die Jungs von La Comitiva, drei Straßenmusiker, die er in seiner neuen Wahlheimat Sizilien aufgegabelt hat. Der Süden, seine Leichtigkeit, Lebenslust und Wärme, fanden sich dementsprechend in den Akustik-Interpretation wieder – insbesondere natürlich bei den neuen Titeln des kommenden Solo-Albums mit italienischen Texten („Paradiso“, „La Prima Estate“). Darüber hinaus waren aber auch lateinamerikanische Einflüsse spürbar, die offensichtlich von Øyes Aufenthalt in Südamerika herrühren. Von Ferne erinnerten dadurch einige Stücke seines letzten Albums „Legao“ (2014) und der Whitest-Boy-Alive-Song „Keep A Secret“ fast schon an den unverkennbaren, swingenden Sound von Astrud Gilberto – speziell dabei durch den Support durch die Chilenen La Matiné, die als Opener auftraten und zusätzlich weibliche Vocals einbrachten. So geht Intimität durch Musik. Krönender Höhepunkt des Abends war die nahezu euphorische Version seines Hits „Rainman“, die wirklich niemanden im rappelvollen Saal ruhig stehen ließ. So viel Lebensfreude, Lust – gleichzeitig aber auch jene gewisse Øye’sche „saudade“ – sind einfach ansteckend.

Geplant war das Konzert als Open-Air-Veranstaltung. Aufgrund einer Unwetterwarnung wurde es in den großen Saal des Täubchenthal verlegt – sicherheitshalber. Das Gewitter blieb aus. Unter freiem Himmel hätte die Musik den sommerlichen Abend wohl zum Leuchten gebracht. Das nächste Mal dann. Und das nächste Mal wird Erlend dann auch nicht vom Veranstalter ausgebremst, weil die Halle für die anschließende „Best of 90er-Party“ geräumt werden muss und ein paar Zugaben mehr spielen dürfen.

Erlend Øye – Acoustic Tour
02.06.2018, Täubchenthal


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