| Drucken22.02.2002 

Erwiderung auf die Rezension des Konzerts vom 19.02.2002 mit Musik von Ruzicka (Gerhard Lock)

22. Februar 2002

Eine Lanze für Ruzickas Musik

Das Rundfunkkonzert des MDR vom 19. Februar in dem Werke des Komponisten Peter Ruzicka und weniger bekannte sinfonische Musik Gustav Mahlers unter Stabführung Ruzickas erklangen, wurde im Leipzig?Almanach rezensiert. Dieser Konzertbericht hat konträre Meinungen aufgeworfen, die hier nun artikuliert werden.

Der Rezensent liefert eine detaillierte Aufzählung der zeitlichen Abfolge der Klangereignisse, aber die Farben in der Musik und die Beziehungen zwischen den Klängen ? vom Ton bis zum Geräusch ? finden keine Erwähnung. Was die scheinbare Langweiligkeit der unisono von Ersten Geigen und Bratschen gespielten Linie in ?Satyagraha ? Annäherung und Entfernung für Orchester? (1985) angeht, so scheint der Rezensent nur die Abfolge der Töne in der Zeit, nicht jedoch die Gravitationskräfte, die zwischen den Tönen entstehen, gehört zu haben. Wenn er von lustigem Schlagwerk spricht, könnte man ebenso gut glauben, der Komponist schreibe infantile Musik ? als ob Kinder wahllos das von Ruzicka reichhaltig verwendete Schlagwerk traktieren würden.

Ruzicka vorzuwerfen, er bediene sich aus dem ?Antiquariat? der 60er Jahre, ist polemisch und meiner Ansicht nach inhaltlich nicht zu halten, da der Rezensent dann jedem Komponisten anlasten könnte, von anderen (oder gar von sich selbst) zu stehlen. So wären doch beispielsweise alle Komponisten des 20. Jahrhunderts, die in Neostilen komponiert haben, grundsätzlich wegen dieser Tatsache und zusätzlich wegen ?Verballhornung? des ?heiligen? Erbes an den Pranger zu stellen. Auch diese bedienen sich ja aus dem ?Antiquariat? der Klassik oder des Barocks. So könnte man auch Konzerte, die nur Musik vom Ende des 19. Jh. rückwärts bis z. B. Barock und Renaissance spielen, als ?Antiquariatskonzerte?, als Museum der bekannten und (zu recht) verehrten Komponisten und deren Schöpfungen abtun. Machen wir uns doch nichts vor. Kein Komponist steht allein auf der Welt und schreibt eine von allen Einflüssen des bisher schon Bekannten unabhängige Musik. Entweder entwickelt sich aus einem Autodidakten (Schönberg) ein Neuerer, der mit der Zwölftontechnik die ausgereizte Kadenzharmonik ersetzen will und trotzdem in seinen Formen sehr oft bei Traditionellem bleibt. Oder es entsteht durch Lehrtradition dieses Netz aus Kennen und Gekanntwerden.

Die Neue Musik erreicht heute immer noch ein nur sehr kleines Publikum und die, die das größte Interesse haben, sind ein Kreis von Kennern und Liebhabern. Da kommt nun also der Komponist Peter Ruzicka (u. a. als Leiter der Salzburger Festspiele ein schon bekannter Name) als Dirigent seiner eigenen Werke und bietet Musik, die dem Hörer gerade durch ihre Einfachheit in der Form (z. B. Dreiteiligkeit) entgegenkommen. Er knüpft an musikalische Strukturen an, die zwar schon in den 60er Jahren durch Ligeti, Penderecki und andere die Musikwelt in Erregung versetzt haben, aber er schreibt keine Kopien. Er greift vielmehr die vor etwa 40 Jahren entwickelten Bausteine auf und formt aus ihnen eine neue Musik ? eine Musik die jedoch um keinen Preis die pure Innovation sein soll. Komponisten schreiben ja nicht nur Musik, um sich gut zu verkaufen und ?richtig Kohle? damit zu machen. Damit wären sie in der ernsten Musik am falschen Platz. Komponieren ist oftmals ein Drang, sich selbst, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Es ist ein Kampf mit sich selbst und dem schon Bekannten in der Musik, und in diesem Spannungsfeld lebt heute jeder Komponist mehr denn je; denn theoretisch müsste man alles kennen, was irgendwo existiert.

Ruzicka schreibt beispielsweise in einer Tagebucheintragung 1998 zum Entstehungsprozess des zweiten Werkes ?Erinnerung ? Spuren für Klarinette und Orchester? (2000): ?Ein Grundgedanke zur Form: Wenn definierte musikalische Gestalt bei ihrer Wiederholung auf eine andere ?Umgebung? trifft, so meint man Vertrautes zu vernehmen, obgleich doch permanent Neues erklingt. (...) Ich werde das kompositorische Material wie aus einem Steinbruch meines musikalischen Gedächtnisses und meiner ästhetischen Erfahrung gewinnen.?

Wenn ein Kritiker heutzutage das absolut Neueste in der zeitgenössischen Musik sucht, so scheint mir der Blick für das Einfache, das scheinbar Banale getrübt zu sein. Eine dem Publikum entgegenkommende Wiedererkennbarkeit in der Struktur wird dann als banal, ein Rückgriff auf Techniken der 60er Jahre als ?gar nicht neu? abgetan. Freuen wir uns doch, dass einer aus diesen Bausteinen eine eigene Musik erschafft, in der reine Innovation nicht Mittel zum Zweck des Erfolges ist.

(Gerhard Lock)

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