Juliette Kaiser | Drucken | Kommentare (3)17.04.2010 

„Es ist eine tolle Zeit gewesen“ – Zacker hört auf

Nach sieben Jahren steigt am 12. Juni 2010 die letzte Zacker Party. Dementsprechend lautet das Motto „grief“ (Trauer), erklärt Zacker (29) mit Augenzwinkern. Alle sollen sich noch ein letztes Mal aufhübschen und zusammen tanzen. Vor der quietschfidelen Beerdigung hier ein kleiner Rückblick.

Zacker (Foto: Nora Nalog)

Als 2004 die ersten Zacker Nights stattfanden, war noch nicht absehbar, dass dieser Name sieben Jahre später (zumindest innerhalb Leipzigs) dem Gewandhaus und der Spinnerei Konkurrenz macht in Sachen Markenetablierung. Wobei Zacker nicht nur für bunte Party quer zum Mainstream steht, sondern auch eine Art Versuchsleiter zur Auslotung des Potentials von Tanzmusik ist. Der Leipziger hat das alles übrigens immer nur nebenher gemacht und natürlich lief nicht jedes Experiment ganz glatt. „Es ging nicht ums Geldverdienen“, erklärt Zacker. Manchmal habe er auch draufgezahlt, denn Bands sind teuer geworden, seit keiner mehr Platten kauft.

Die Zacker Nights luden also über drei Jahre die dunkleren Wave-Freunde zum Tanzen ein. Parallel gab es das DiscoHospital und zwei Bougerhl Festivals. Bei letzteren organisierte Zacker auch zum ersten Mal Bands, woraus sich die Idee der no no no!-Reihe entwickelte. Die Liste der Acts, die Zacker nach Leipzig holte, ist beeindruckend. Man erinnere sich an das unglaublich bezaubernde, ja entrückte Konzert von Scott Matthew in der Schaubühne oder Antony and the Johnsons oder eben die Hidden Cameras. Zacker beschreibt seinen Part dabei als „Ideengeber“. Die „tollen und wohlwollenden Locations wie zum Beispiel die Schaubühne [Lindenfels], das ut [Connewitz] und SWEAT! haben dann alles koordiniert“, beschreibt er die Kooperation.

Die Herausforderung wäre übrigens nie gewesen, die Bands nach Leipzig zu bekommen, sondern einen Veranstaltungsort zu finden. „Die Dresden Dolls zum Beispiel konnte ich nicht veranstalten, weil sie zu der Zeit keiner wollte und ich nicht garantieren konnte, dass mehr als 20 Leute kommen.“ Denn Leipzig sei zwar nicht kleinstädtisch, aber doch recht kompakt, erklärt Zacker und schiebt gleich lachend nach: „Aber ich lieb die Stadt trotzdem!“ Was aber fehle, sei eine „coole Location – wie das Conne Island, nur fünfmal größer.“ Dann könnten laut Zacker die Leipziger Booker leicht Interpol, die YeahYeah Yeahs oder Robyn herholen.

„Es läuft gut, aber es funktioniert für mich nicht.“

Weshalb also soll es jetzt aus und vorbei sein? „Es läuft gut, aber es funktioniert für mich nicht“, beschreibt Zacker die Lage. In den sieben Jahren hat sich viel verändert: die Musikbranche, das Publikum, die Szene und nicht zuletzt Zacker selbst. „Das Gros der Subkultur ist heute kommerzialisiert. Jeder kann alles hören. The Gossip sind in den Charts …“, beschreibt Zacker die Situation der Subkultur heute. Kurz: Es ist viel (Gutes) passiert.

Auch was sein zweites Anliegen – neben der Musik – angeht. Als er anfing, wollte er eine Alternative zum „Homo-Wahnsinn“ bieten, Dekonstruktion von Geschlechterrollen jenseits von Gender-Studies-Vorträgen oder Klischee. Der female power pop und die Riot Grrrl-Bewegung kamen auf. „Queer“ war kein gängiger Begriff und schon gar kein Party-Label wie „ü30“ oder „bad taste“. Das hat sich extrem verändert und dieses „Verwaschen des Begriffs“ findet Zacker bedauerlich.

Dabei kann es ganz einfach sein: Bei ihm sollte Homo neben Hetero und Transe tanzen. Das schönste Feedback war: „Es ist so schön entspannt hier.“ Das Publikum waren Freunde, es war fast familiär und dementsprechend stressfrei. Heute gibt es ganz klar mehr Druck. „Konsumentenhaltung“ nennt Zacker das und erzählt von neuen Leuten, die sich beschweren, wenn die Garderobe voll ist. Man erwarte mehr Professionalität. So eine Partynacht ist also kein Zuckerschlecken. Für Zacker endet der Abend beim Essen mit den Künstlern, man lernt sich kennen – alles ist gut. Was danach kommt, ist nicht zu beeinflussen und kann recht stressig sein. Reicht das Wechselgeld? Wie ist die Stimmung? „Das ist heftig, ich bin dann nicht ansprechbar. Für mich ist es eben Herzblut und keine Routine“, so Zacker.

Nächstes Jahr wird Zacker dreißig und will es etwas ruhiger angehen. Der Job in der Werbeagentur, die Familie, der Freund – das alles ist ihm wichtiger. Außerdem hat er Muße, auch wieder mehr auf andere Partys zu gehen. Natürlich sei es ein emotionaler Einschnitt, nach der Zeit und der Energie, die in die Projekte geflossen sind. „Aber es fühlt sich richtig und gut an jetzt einen Cut zu machen“, meint Zacker ganz nüchtern und heiter, denn „es ist eine tolle Zeit gewesen.“

Wer gar nicht ohne Zacker kann, für den gibt es ja noch die queer-Kinoreihe in den Passage Kinos. Außerdem sagt er selbst: „Es gibt tausend Ideen.“ Man darf also ganz entspannt gespannt bleiben.

Nächste Events:


No No No! & Conne Island präsentieren: Men / Live (Ex Le Tigre, New York City) + We Have Band / Live (Kitsuné, London)

21. April 2010

www.myspace.com/zacker_nights

Glitter+Trauma

21. Mai 2010

www.myspace.com/glitterundtrauma

Kommentare lesen und hinzufügen (3)

ZACKER schrieb am 20.04.2010 um 12:49 Uhr:

liebe juliette // danke für den schönen artikel. // eine kleine berichtigung - die letzte NO NO NO! findet am 12. JUNI 2010 im sweat! statt -- nicht am 19. //

bestes
zacker ///

Tobias Prüwer schrieb am 22.04.2010 um 23:45 Uhr:

Ist korrigiert! Danke für den Hinweis. Grüße, tp

Selter schrieb am 23.04.2010 um 00:02 Uhr:

Oh wie schade - kein NoNoNO mehr - aber einmal is ja noch! :-)

 
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