| Drucken20.01.2002 

Etta Cameron – Gospel im Gewandhaus (Nico Thom)

Etta Cameron - Gospel im Gewandhaus

Etta Cameron ? Gesang

Nikolaj Hess ? Klavier
Michael Sunding ? Orgel
Klavs Hovman ? Baß
Esben Duus ? Schlagzeug

Gewandhauschor
Gewandhauskinderchor

Morten Schuldt-Jensen - Dirigat


Palestrina-Gospel

Nimmt man die moderne Musikwissenschaft beim Wort, dann definiert sich Gospelmusik über die Vermischung von weltlichen und religiösen Musikformen, wobei ihr einerseits die Unterhaltung, andererseits die religiöse Erbauung ein Anliegen ist. Diese Verschmelzung setzte vor gut hundert Jahren in den Gemeinden von Afroamerikanern ein. Durch die Hinzunahme von modernem Instrumentarium erweiterte sich das ursprünglich geistlich-vokale Repertoire und bezog weltliche Einflüsse aus Blues und Jazz mit ein. Im Laufe ihrer Entwicklung tendierte die Gospelmusik so immer stärker zur Kommerzialität. In unseren Tagen ist Gospelmusik Teil einer riesigen Musikindustrie, die den Gospel als ?ursprüngliches und echt afroamerikanisches Lebensgefühl? verkauft.

Soweit, so gut, wie man dieser Entwicklung auch immer gegenüberstehen mag, muß man doch anerkennen, daß die kommerzielle Etablierung des Gospel ihm nicht unbedingt zum Nachteil gereichte. Im Gegenteil, in Amerika hat sich der Gospel zu einer interessanten und ausdrucksstarken Musikform gemausert ? in Amerika ist Gospel afroamerikanisch. Im Prinzip spricht nichts dagegen, afroamerikanische Musikkultur in deutschen Konzertsälen zu präsentieren und vorzustellen. Deshalb ist das Bemühen des Gewandhauses, ein Gospelkonzert mit Etta Cameron in den Spielplan aufzunehmen, ein an und für sich rühmliches Unternehmen. Doch eine Frage sei hier gestattet: Warum stellte man ihr den Gewandhauschor bzw. den Gewandhauskinderchor zur Seite?

Sicherlich, der ambitionierte Chor sang sauber und intonationssicher, er sang weiterhin viele Synkopen, wie es für diese Musik so typisch ist, er sang von Jesus and Love and Peace, er klatschte in die Hände und schnippte die Finger auf zwei und vier, Chorleiter Schuldt-Jensen ging beschwingt auf und ab und animierte Chor und Publikum mit liebenswerter Gestik und Mimik ? doch war das Gospel? Mit einer schlanken und lieblichen Chorästhetik alla Palestrina war dem Kern der Sache doch nicht beizukommen. Wer jemals einem ?richtigen? Gospelkonzert beiwohnen durfte, der weiß die exorbitante Stimmengewalt eines echten Gospelchores zu schätzen. Da wird mit kräftigem Fortefortissimo der Herr gepriesen und die Stimme als Medium für Entäußerungen der Seele genutzt. Und das ist keine Gartenlaubenromantik des Rezensenten, das ist die Realität!

Leider konnte Etta Cameron und Band auch nicht so recht überzeugen. Woran das gelegen haben mag, bleibt fraglich. Doch dem Leipziger Publikum war es egal; es trat geschlossen und mit stehenden Ovationen für das altbekannte Motto ein: Ein Konzert im Gewandhaus muß etwas Besonderes sein, sonst hätten wir doch nicht soviel Geld dafür bezahlt!

(Nico Thom)

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